Lagerfeuer löst Katastrophe aus

Versteckte Weltkriegsbombe explodiert bei Flitterwochen-Wanderung: Braut schwer verletzt, 2 Tote

Lidiia und Norbert heirateten in Binfield, Berkshire.
Lidiia und Norbert heirateten in Binfield, Berkshire.
© action press

20. Oktober 2021 - 11:48 Uhr

Wanderung in den Karpaten wird zum Horrortrip

Es sollte ein unvergessliches Erlebnis unter freiem Himmel werden und endete in einer Katastrophe: Eine versteckte Weltkriegsbombe hat in der Ukraine zwei Menschen bei einer Flitterwochen-Wanderung in den Tod gerissen. Die Braut und mehrere ihrer Freunde wurden schwer verletzt. Jetzt bittet das Brautpaar verzweifelt um Spenden und erzählt, wie die letzten Sekunden am Lagerfeuer verliefen.

Ein Gefühl, als hätte Lidiia jemand einen Stein ins Gesicht geworfen

Lidiia Makarchuk verlor ihren Bruder in einem Moment, in dem sie kaum glücklicher hätte sein können. Sie saß am Lagerfeuer, über ihr leuchteten die Sterne, um sie herum die Menschen, die ihr am liebsten waren. Dann ein Zischen, ein Lichtblitz und ein Gefühl, als hätte ihr jemand einen Stein ins Gesicht geworfen. Es ist das tragische Ende einer Wanderung, das niemand hätte ahnen können.

Die Ukrainerin lebt in Großbritannien, heiratete dort im Sommer ihren Ehemann Norbert Varga. Die Flitterwochen verbrachte das Paar in der Ukraine, wo Lidiia seit Jahren nicht mehr war. Das Paar wollte dort mit seinen Freunden feiern. Lidiias Bruder Myroslav hatte eine Wanderung mit Übernachtung in den Karpaten organisiert. Die zwölfköpfige Gruppe besteht aus alten Freunden, sie haben sich viel zu erzählen, wandern durch einsame Täler und scheinbar endlose Wälder. Am Fuß des höchsten Berges des Landes, dem Hoverla, schlagen sie ihr Nachtlager auf. Sie entzünden ein Lagerfeuer, trinken Tee, machen Fotos. Die Stimmung könnte besser nicht sein.

Bombe in der Ukraine stammte aus dem Ersten Weltkrieg

Die Gruppe am Lagerfeuer kurz vor der Explosion. Rechts im Bild Lidiia, ihr Bruder steht links neben ihr am Baum.
Die Gruppe am Lagerfeuer kurz vor der Explosion. Rechts im Bild Lidiia, ihr Bruder steht links neben ihr am Baum.
© action press

Gegen 21 Uhr entschließt sich ihr Ehemann, seinen Fotoapparat aus dem Zelt zu holen, um ein Bild der Milchstraße zu machen. Währenddessen hört der Rest der Gruppe plötzlich ein merkwürdiges Zischen aus dem Feuer. Kurz darauf erschüttert eine Explosion die Stille. Menschen schreien. Das Feuer hat eine versteckte Bombe aus dem Ersten Weltkrieg detonieren lassen. Norbert Varga eilt aus dem Zelt, schreit Lidiias Namen.

Seine Frau liegt in der Dunkelheit, Schrapnellwunden im ganzen Gesicht. Ihre Hände sind bis auf die Knochen aufgerissen. "Ich wandte mich ab, bedeckte mein Gesicht mit meinen Händen und fing an, für mich selbst zu beten", erzählt Lidiia im Interview mit 'Action Press'. "Dann wurde mir klar, dass es nicht nur mir so ging. Alle stöhnten, alle hatten Schmerzen." Auch ihre Augen sind verletzt, die 31-Jährige kann sie kaum öffnen. Mittlerweile sei sie glücklich darüber – es habe sie davor bewahrt, wahrzunehmen, was um sie herum passierte.

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Erst nach sieben Stunden kommen die Verletzten ins Krankenhaus

Lidiia kam erst 7 Stunden nach der Explosion ins Krankenhaus
Lidiia kam erst sieben Stunden nach der Explosion ins Krankenhaus
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Neben Lidiia liegt ihr Bruder mit einer Wunde am Kopf, sein Gehirn ist sichtbar. Eine Stunde hört sie seine röchelnden Atemgeräusche, bis er schließlich stirbt. "Er war so glücklich, uns wiederzusehen. Ich bereue es, ihm nicht gesagt zu haben, dass ich ihn liebe", sagt Lidiia. Auch ein weiterer Freund von ihr verliert sein Leben bei dem Unglück. Erst nach 90 Minuten erreichen die Rettungskräfte die Verletzten. Um vier Uhr morgens kommen die anderen Verletzten schließlich im Krankenhaus an – sieben qualvolle Stunden nach der Explosion.

Lidiia, die auch ihren Vater eine Woche vor der Hochzeit am 27. Juli verlor, hat keine Reiseversicherung, um die Kosten für die Gesundheitsversorgung abzudecken. Eine Freundin sammelt jetzt auf der Crowdfunding-Plattform "GoFundMe" Spenden. "Ich denke immer noch, was hätte ich mehr tun können? Warum nicht ich? Warum sie?", sagt ihr Ehemann Norbert. "Kriegsfilme kommen dem am nächsten, was ich in dieser Nacht erlebt habe, ich werde es nie vergessen." (mst)