Durchschnittshaushalt muss 383 Euro mehr bezahlen

Über 600 Gasversorger erhöhen die Preise

Ein Musterhaushalt muss 2022 im Durchschnitt 383 Euro mehr bezahlen.
Ein Musterhaushalt muss 2022 im Durchschnitt 383 Euro mehr bezahlen.
© picture alliance, Karl-Josef Hildenbrand

24. November 2021 - 16:14 Uhr

Gasversorger verdoppeln die Preise

Immer mehr Verbraucher in Deutschland bekommen die stark gestiegenen Preise auf den Weltenergiemärkten zu spüren. Ab dem Jahreswechsel müssen Millionen von Haushaltskunden deutlich mehr für Strom und Gas bezahlen – bei einigen Versorgern haben sich die Preise sogar verdoppelt. Die Verbraucherzentrale rät dazu, in diesem Jahr die Post vom Energieversorger besonders aufmerksam zu lesen.

637 von 684 Gasgrundversorgern erhöhen die Preise

Laut dem Vergleichsportal Check24 haben 637 Gasgrundversorger bereits ihre Preise erhöht oder Preiserhöhungen angekündigt. Einzelne Versorger haben ihre Preise sogar verdoppelt. Im Durchschnitt betragen die Preiserhöhungen 25,5 Prozent und betreffen rund 3,3 Millionen Haushalte. Für einen Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 20.000 kWh bedeutet das zusätzliche Kosten von durchschnittlich 383 Euro pro Jahr.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur gibt es in Deutschland derzeit 684 Gasversorgungsunternehmen, die Haushaltskunden beliefern. Demnach beziehen noch rund 17 Prozent aller Haushalte eine Gasgrundversorgung. Das bedeutet, dass sie weder den Lieferanten gewechselt noch beim örtlichen Grundversorger einen Tarifwechsel vorgenommen haben. Der Behörde zufolge konnten Haushaltskunden 2020 im Durchschnitt zwischen 113 Gaslieferanten wählen. In Deutschland gibt es rund 42,8 Millionen Wohnungen (Stand 2020). Knapp die Hälfte wird mit Gas beheizt.

Beim Strom wollen mehr als 190 Unternehmen vor allem in der Grundversorgung ihre Preise erhöhen oder haben schon erhöht, im Schnitt um 7 (Verivox) beziehungsweise 9 Prozent (Check24). Für einen Musterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 5000 Kilowattstunden bedeutet dies laut Check24 Mehrausgaben von 146 Euro pro Jahr. Rund 1,6 Millionen Haushalte seien davon betroffen. Laut Check24 gibt es in Deutschland 831 Stromgrundversorger. Der Netzagentur zufolge konnten Haushaltskunden 2020 in ihrem jeweiligen Netzgebiet im Durchschnitt zwischen 142 Stromanbietern wählen.

Diese Gasversorger erhöhen die Preise besonders stark

VersorgerDatumBundeslandAlter PreisNeuer PreisErhöhung
Stadtwerke MüllheimStaufen GmbH01.11.2021Baden-Württemberg1.654€3.718€125 %
Stadtwerke Witten GmbH10.11.2021Nordrhein-Westfalen1.491€3.715€149 %
Stadtwerke Essen AG01.01.2022Nordrhein-Westfalen1.470€3.684€151 %
Stadtwerke Esslingen am Neckar GmbH & Co. KG19.11.2021Baden-Württemberg1.586€3.682€132 %
Stadtwerke Pasewalk GmbH01.01.2022Mecklenburg-Vorpommern1.808€3.616€100 %
FairEnergie GmbH01.01.2022Baden-Württemberg1.531€3.583€134 %
Stadtwerke Iserlohn GmbH19.11.2021Nordrhein-Westfalen1.526€3.460€127 %
Stadtwerke Aue - Bad Schlema GmbH01.01.2022Sachsen1.616€3.459€114 %
Kommunalunternehmen Stadtwerke Klingenberg (AöR)01.11.2021Bayern1.882€3.428€82 %
Gas-Versorgungsbetriebe Cottbus GmbH01.01.2022Brandenburg

1.756€

3.409€94 %
Stadtwerke Schweinfurt GmbH01.01.2022Bayern1.485€3.401€129 %
SWK ENERGIE GmbH01.11.2021Nordrhein-Westfalen1.606€3.382€111 %

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Verbraucherschützer: Post vom Energieversorger in diesem Jahr besonders genau lesen

Nicht alle Stromanbieter erhöhen die Preise. Unter anderem wegen der zum Jahreswechsel sinkenden EEG-Umlage zur Förderung von Ökostrom konnten mehr als 20 Unternehmen die Preise um gut 2 Prozent senken. Dies wird rund einer Million Haushalten zugute kommen. Strom beziehen laut Netzagentur rund 25 Prozent der Haushalte im Grundversorgungstarif.

"Der Energiemarkt steht Kopf, und bei vielen Verbrauchern landen drastische Preiserhöhungen im Briefkasten oder Maileingang", sagte der Energieexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Udo Sieverding. "In diesem Jahr sollten Verbraucher daher besonders aufmerksam die Post des Energieversorgers lesen und reagieren." Allerdings herrsche auch bei den Vermittlungsportalen ein Ausnahmezustand. "Denn auf den vorderen Plätzen sind keine Schnäppchen mehr zu finden, sondern bestenfalls Übergangstarife, um noch Schlimmeres zu verhindern." Bei einem Wechsel sollten Kunden daher auf kurze Vertragslaufzeiten achten und eine frühestmögliche Kündigung im Kopf behalten.

Das sind die Gründe für die Energiepreisexplosion

Experten sehen mehrere Gründe für die gestiegenen Gaspreise im Großhandel. So habe sich die Nachfrage nach verflüssigtem Erdgas stark erhöht, besonders in Asien, erklärte Eren Çam vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln. Eine Rolle habe auch die Trockenheit in Lateinamerika gespielt. Dort mussten Gaskraftwerke mehr Strom produzieren, nachdem weniger Strom aus Wasserkraft erzeugt werden konnte. Ein erheblicher Teil der Flüssiggasexporte (LNG) aus den USA ging dorthin, so dass für Europa weniger zur Verfügung stand.

Die Nachfrage in Asien sei hoch, sagte Çam. "Es gibt eine gewisse Knappheit, das treibt die Preise." Hinzukomme, dass nach dem kalten Winter die Gasspeicher nicht wieder so gut gefüllt worden seien wie üblich. Russland habe in den vergangenen Monaten zwar seine vertraglichen Lieferverpflichtungen erfüllt, darüber hinaus aber keine zusätzlichen Mengen nach Europa geliefert.

"Die Speicher-Füllsaison in Russland ist nun beendet, und es wurden zusätzliche Mengen für Europa angekündigt", sagte Çam. Trotz geringfügig erhöhter Lieferungen aus Russland hätten die Mengen aber nicht ausgereicht, um die Preise zu senken. Der Energieexperte hält es für möglich, dass sich der Markt über den Winter entspannt, falls Russland mehr Gas liefert. "Es wird trotzdem eine gewisse Knappheit geben. Wenn wir einen kalten Winter haben, könnten die Preise hoch bleiben."

Als Gründe für die steigenden Strompreise nennen die Energieexperten von Check24 unter anderem die steigenden Preise für Erdgas und Steinkohle sowie die steigende Nachfrage nach Elektrizität. (dpa/aze)