Nach Werder-Eklat

Die irren Stories des Skandal-Profis Tim Wiese

Tim Wiese
Tim Wiese
© Imago Sportfotodienst

20. September 2021 - 21:44 Uhr

Langweilig wird es mit ihm nie

Von Ben Redelings

In Bremen sorgte der ehemalige Nationaltorwart Tim Wiese am Wochenende für Aufsehen, als er beim Derby zwischen Werder und dem Hamburger SV aus den VIP-Räumlichkeiten verwiesen wurde. Es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass Wiese durch sein ganz spezielles Verhalten in die Schlagzeilen gerät.

Deeskalation ist seine Stärke nicht

Der "weiße Brasilianer" Ansgar Brinkmann - ebenfalls kein Kind von Traurigkeit - jubilierte vor einigen Jahren, als bekannt wurde, dass der ehemalige Bundesligatorhüter Tim Wiese von nun an unter seinem Kampfnamen "The Machine" zum Wrestling wechseln würde: "Tim Wiese wird boomen in Deutschland. Der Grund ist nicht Wrestling, der Grund ist, dass alle Tim Wiese aufs Maul hauen wollen."

Irgendeinen einen besonderen Reiz muss der frühere Werder-Keeper bei nicht wenigen Menschen auslösen, die ihn ganz offensichtlich nicht so sehr mögen. Auch die "Frankfurter Rundschau" druckte vor ein paar Jahren Zeilen ab, die erst gar keinen Zweifel darüber aufkommen ließen, wie der Journalist zu Tim Wiese damals stand: "Ein in Fitness-Studios grotesk aufgeblasener und solariumverbrannter Vollprolet, der hin und wieder gut hält und sich ansonsten darauf konzentriert, seinen Gegenspielern die Knochen zu polieren."

Am Wochenende hat es dieser Skandal-Profi Tim Wiese mal wieder in die Schlagzeilen geschafft - und hinterher, wie üblich, verkündet, dass die Schuld dafür nun wirklich nicht bei ihm zu suchen sei. Doch sein Rausschmiss aus dem VIP-Bereich des SV Werder Bremen beim Spiel gegen den Hamburger SV hätte aller Voraussicht nach geräuschloser und damit weniger schlagzeilenträchtig verlaufen können, wenn alle Parteien zur Deeskalation beigetragen hätten. Doch Deeskalation scheint nicht gerade eine besondere Stärke von Tim Wiese zu sein.

Die berühmte Szene mit Olic

ARCHIV - 07.05.2008, Hamburg: Fußball, Bundesliga, Hamburger SV - SV Werder Bremen, HSH Nordbank-Arena: Der Hamburger Ivica Olic und der Bremer Torwart Tim Wiese kämpfen um den Ball.     (zu dpa «Die Geschichte des Nordderbys: Werder und HSV in Hassl
Tim Wiese und sein Kung-Fu-Sprung in Richtung Ivica Olic.
© dpa, Marcus Brandt, tm hak sti

Vor zwölf Jahren stand Wiese schon einmal nach einem Derby gegen den Hamburger SV im Mittelpunkt des Interesses. Nach einem 2:0-Erfolg von Werder gegen die Hamburger war der damalige Bremer Torhüter mit einem Megafon auf den Zaun gestiegen und hatte dabei inbrünstig: "Scheiß HSV!" geschrien. Das kam nach der hitzigen Partie und Wieses Hamburger Vorgeschichte verständlicherweise weder bei den Spielern noch bei den gegnerischen Fans besonders gut an.

Denn nur ein Jahr zuvor war Tim Wiese beim Derby in Hamburg mit einem Kung-Fu-Tritt nur äußerst knapp am Gesicht des HSV-Profis Ivica Olic vorbeigesprungen. Die irre Szene eines Wahnsinnigen! Tatsächlich sollte gegen Wiese damals anschließend wegen "versuchten Totschlags" ermittelt werden - doch der Werder-Keeper zeigte sich darüber nur verwundert: "Derjenige, der mich angezeigt hat, forderte, ich solle die gerechte Strafe bekommen. Wahrscheinlich meinte er Knast." Seine Aussage direkt nach dem Spiel ließ allerdings tiefer blicken, als es der extrovertierte Keeper wohl selbst ahnte: "Ich wollte ihn nicht verletzen. Mir war aber schon beim Herauslaufen klar: Entweder ich treffe den Ball oder ich fliege vom Platz."

Wie sagte Lotto King Karl dereinst so treffend: "Es gibt eben diese Profis, die spielen nur als Arschlöcher gut." Und Tim Wiese pflegte dieses Image während seiner Karriere mit Nachdruck. Ein Image, das auch darauf fußte, dass sich der muskelbepackte Torhüter stets selbst als Außenseiter sah und dies mit markigen Sprüchen unterstrich: "Ich gebe jede Woche eine Visitenkarte ab, aber ich habe keine Lobby in diesem Land. Trotzdem werde ich weiterkämpfen, bis mir das Blut aus den Ohren tropft."

Doch in der Bundesliga war es mit diesem Kampf nach seinem Wechsel zur TSG Hoffenheim zur Saison 2012/13 vorbei. Am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen, verhöhnten die eigenen Anhänger den damals frisch suspendierten Keeper mit einem Spruchband. In der Fankurve der TSG Hoffenheim hielten sie beim Auswärtsspiel in Fürth zwei Transparente hoch. Auf dem einen stand: "Ey Tim, fahr ma auswärts!" Und auf dem anderen: "Wir zahlen den Alk." Der streitsüchtige Torwart wäre allerdings nicht er selbst geblieben, wenn er sich nicht direkt ein paar neue Opfer gesucht hätte - in diesem Fall waren es die Hoffenheimer Journalisten, die er mit einer spitzen Bemerkung frontal anging: "Ich hab' doch ein schönes Leben - im Gegensatz zu euch."

In den letzten Jahren ist es immer ruhiger um Tim Wiese geworden. Nach seinem kurzen Wrestling-Abenteuer als "The Machine" ("Ich habe nur ein Ziel: Die Zerstörung meiner Gegner") und einem Mini-Comeback beim SSV Dillingen sorgte noch ein Auftritt in der "schlechtesten Fußballsendung aller Zeiten" in "Beckmanns Sportschule" während der EM 2016 für Schlagzeilen. Dort spielte er sich ganz offensichtlich zu großen Teilen selbst: "Der frühere Torwart und künftige Wrestler Wiese fährt dabei als Türsteher mit seinem Monster-Lamborghini vor, stemmt Hanteln auf seinem Einzelbett oder sitzt im Bademantel in der Sauna."

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Der Mann, den sie "Spiegel" nannten

In Mannschaftskreisen soll Tim Wiese früher den Spitznamen "Spiegel" verpasst bekommen haben, weil er offensichtlich an keiner Reflexionsfläche vorbeikam, ohne den Sitz seiner Haare zu überprüfen. Das passt zum Bild des verwöhnten Bundesligaprofis, der die Realitäten des Alltags für sich selbst gerne einmal ausblendet, wie auch seine damalige Freundin und spätere Ehefrau Grit vor Jahren schon erzählte: "Als wir im Winter in die Domrep fliegen wollten, musste ich am Flughafen ziemlich über Tim schmunzeln! Der dachte, alles geht von alleine. Den Koffer holt jemand ab, am Security-Check kann man vorbeigehen … Einfach immer nur brav hinter dem Typen mit dem Fähnchen her …"

Als Tim Wiese schließlich zum Wrestling wechselte, sagte Ansgar Brinkmann noch einen schönen Satz, der sprichwörtlich für so viele Episoden und Skandale aus dem Leben des Tim Wiese stehen könnte: "So was passiert, wenn dir als Kind die Spielsachen weggenommen werden. Nur dann kommst du auf solche Ideen." Man darf gespannt sein, welche "Ideen" der frühere Nationalkeeper in Zukunft noch so haben wird. Denn eins kann sich Tim Wiese wahrlich zugutehalten: Langweilig wird es mit ihm wenigstens nie. (ntv.de)