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Heute vor 50 Jahren

The Fight of the Century – Muhammad Alis erste Niederlage gegen Joe Frazier

Muhammad Ali liegt am Ringboden
Muhammad Ali liegt am Ringboden
© AP, XNC R1 PO.

08. März 2021 - 6:31 Uhr

Ali vs. Frazier spaltete die USA

Kaum ein Sportereignis hat die Welt derart in ihren Bann gezogen wie der "Kampf des Jahrhunderts" zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier am 8. März 1971. Alis erste Niederlage als Profi-Boxer vor 50 Jahren sahen mehr Menschen als die Mondlandung.

Von Martin Armbruster

Die USA sind ein gespaltenes Land. Heute. Aber auch vor 50 Jahren. Der Vietnam-Krieg hat die Nation politisch entzweit, in Sachen Bürgerrechte ist das "land of the free" ohnehin eine weiß-schwarze Zweiklassengesellschaft.

Die amerikanische Bruchlinie manifestiert sich 1971 auch in der Boxweltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen Joe Frazier und Muhammad Ali. Auf der einen Seite Weltmeister Frazier, der introvertierte Bibel-Leser. Selbstbewusst, aber keiner, der das herrschende System infrage stellt.

Auf der anderen Seite Ex-Champion Ali, der muslimische Rebell. 1967 hat er Uncle Sam den Kriegsdienst mit den Worten "No Vietcong ever called me Ni****" verweigert und dafür seinen WM-Titel verloren.

Für die schwarze Bürgerrechtsbewegung und das Anti-Kriegs-Establishment ist Ali eine Ikone. Ein Großteil des Landes verachtet den Mann, der sich selbst "The Greatest" nennt, dagegen. Das weiße, konservative Amerika erkennt in Frazier nicht nur den Titelverteidiger der Schwergewichts-Krone. Er ist der Bewahrer ihrer USA.

Mehr TV-Zuschauer als bei der Mondlandung

Dass das Duell zum "Kampf des Jahrhunderts" ausgerufen wird, hat allerdings auch sportliche Gründe. Zum ersten Mal treffen zwei ungeschlagenen Schwergewichts-Champions aufeinander. Dazu noch zwei, die sich auch boxerisch unterscheiden wie Tag und Nacht.

"Smokin' Joe", die unaufhörlich dampfende Faust-Lokomotive mit dem linken K.o.-Haken. Ali, der tanzende Fechtmeister, Kreuzung aus schwebendem Schmetterling und stechender Biene. "Bull v Butterfly" – Stier gegen Schmetterling, titelt das "Time"-Magazine.

Das Ballyhoo vor dem Jahrhundert-Fight ist gewaltig. Ali und Frazier kassieren die damalige Rekordbörse von 2,5 Millionen Dollar (entspricht inflationsbereinigt rund 16 Millionen Dollar heute). Durch Pay-per-View und Ticketverkäufe für Kino und Theater spielt "The Fight" allein in den USA rund 45 Millionen Dollar ein (rund 300 Millionen Dollar heute). 50 Länder sichern sich die Übertragungsrechte. Als in New York alles angerichtet ist, sitzen weltweit mehr als 300 Millionen Menschen vor dem Fernseher – mehr als bei der Mondlandung zwei Jahre zuvor.

"Es sind heute Abend alle da"

Der Madison Square Garden platzt derweil mit 20.455 Zuschauern aus allen Nähten. Was in den USA Rang und Namen hat, ist in die Stadt, die nie schläft, gekommen. Frank Sinatra knipst Fotos für das Magazin "Life", Hollywood- Legende Burt Lancaster sitzt als Kommentator für die Kino-Übertragung am Ring.

Hartmut Scherzer, der für die "FAZ" aus dem Big Apple berichtet, erinnert sich in seinem Buch "Welt Sport" wie folgt: "'Es sind heute Abend alle da', verkündete Ansager Don Dunphy. 'Ich begrüße daher lediglich die Apollo-14-Astronauten.'" Für die Mondrückkehrer interessiert sich am Montagabend des 8. Märztages 1971 allerdings keiner mehr.

Der Schmetterling schwebt nicht mehr

Als die Rivalen endlich Nase an Nase im Seilgeviert stehen und von Ringrichter Arthur Mercante an die Regeln erinnert werden, ist Großmaul Ali ganz in seinem Element. "Du weißt, dass du heute hier mit Gott zu tun hast", raunt er dem Titelverteidiger zu. Frazier reagiert unbeeindruckt: "Wenn du Gott bist, bist du heute am falschen Ort."

Ali legt los wie die Feuerwehr, deckt Frazier in den ersten beiden Runden mit harten Händen ein. "Smokin' Joe" aber marschiert geradezu durch die Schläge hindurch, kommt in Runde 3 erstmals mit seinem berüchtigten linken Haken durch. Von da an hat der einstige Schlachtarbeiter aus Philadelphia Alis Nummer.

An dem sind die drei Jahre Sperre für seine Kriegsdienstverweigerung nicht spurlos vorübergegangen. Der Schmetterling schwebt nicht mehr, bestenfalls flattert er, zu oft aber kleben die Beine des "Größten" am Ringboden.

Ali muss sich dem direkten Schlagabtausch stellen. Es entwickelt sich eine gnadenlose Abnutzungsschlacht – in der Frazier mit seinen wuchtigen Haken die nachhaltigeren Akzente setzt. Das Duell übertrifft alle Erwartungen.

Ali fällt, verliert, aber steht wieder auf

In Runde elf führt Ali nach einem Volltreffer Fraziers einen unfreiwilligen Mambo auf, rettet sich mit Klammern in die Pause. Mit geschwollenem Kiefer fightet der Ex-Champion wütend zurück, verteilt in den folgenden Durchgängen reichlich Schellen. Der rauchende Joe aber ist an diesem Abend nicht kleinzukriegen. Vor dem Gong zur 15. und letzten Runde liegt er auf den Zetteln der drei Punktrichter vorne. Der Jahrhundert-Kampf erreicht seinen Höhepunkt.

25 Sekunden sind in der Schlussrunde geboxt, da springt Frazier Ali mit seinem patentierten linken Haken an. Weil der Herausforderer seinen Körper einmal mehr nicht zeitig aus der Schusslinie manövriert, explodiert das Geschoss an Alis Kinn. Der "Größte" wird regelrecht gefällt, macht seinem Namen aber zumindest in puncto Nehmerfähigkeiten an diesem Abend alle Ehre. Bei "Vier" steht Ali zum Erstaunen aller wieder auf den Beinen, bringt die Runde irgendwie noch über die Bühne.

Der Niederschlag bringt den Kampf dennoch auf den Punkt. Die Punktrichter werten einstimmig für Frazier. Alis erste Niederlage als Profi ist besiegelt. Der Wortakrobat schweigt zunächst. Erst tags darauf meldet sich Ali bei einer improvisierten PK aus dem Bett seines Hotelzimmers zu Wort. "Ich bin der Ansicht, den Kampf gewonnen zu haben", lässt "The Greatest" die Welt wissen. Mit dieser Meinung steht Ali freilich ziemlich allein da.

"Der Ausgang dieser Konfrontation zweier Gesellschaftsschichten hat so oder so einen beachtenswerten Einfluss auf das ganze Land. Ein Sieg Clays (Alis Geburtsname, d. Red.) hätte viele junge Männer noch mehr darin bestärkt, den Wehrdienst zu verweigern. Seine Niederlage ist nun eine Genugtuung für das Bürgertum und die Weißen", fasst Schriftsteller Budd Schulberg die Stimmungslage in den Divided States of America zusammen. Heute, vor 50 Jahren.

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