Team Wallraff: Dürfen Kinder billig abgespeist werden?

Der Preis steht bei vielen Großküchen zwangsläufig im Vordergrund

Mehr als zehn Monate habe ich zum Thema Schulverpflegung recherchiert und dabei in verschiedenen Großküchen als Küchenhilfe oder Praktikantin gearbeitet. Was ich dort erlebt und gefunden habe, hätte ich so nicht erwartet. "Mit Kochen hat das nicht mehr viel zu tun, was wir machen. Wir verdienen Geld hier", sagte gleich beim Vorstellungsgespräch ein Koch zu mir. Welche Konsequenzen das haben kann, konnte ich selbst erleben.

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"Mit Kochen hat das nicht mehr viel zu tun, was wir machen. Wir verdienen Geld hier", sagte gleich beim Vorstellungsgespräch ein Koch zu Stefanie Albrecht.

Von Stefanie Albrecht

In der Küche stehe ich mit dabei, als Fertigprodukte wie tiefgefrorenes Gemüse und Pulver in Eimern, die auf dem Boden stehen, kalt zusammengerührt werden. Auf den Tellern der Kinder landet Hähnchenfleisch, das schon in Thailand fertig gegart und portioniert worden ist, wie der Koch mir erzählt. "Das ist erheblich billiger, als wenn wir das hier machen", sagt er mir. "Ich frage nicht, wo kommt es her, ich frage: Was kostet es."

Der Preis steht bei vielen Großküchen zwangsläufig im Vordergrund. Nur so lässt sich erklären, warum ich in einer anderen Küche Gänsekeulen aus einer Stopfleberproduktion gefunden habe. Die sind zwar moralisch geächtet, weil die Stopfmast als Tierquälerei gilt, aber eben erheblich billiger!

Oftmals sehe ich, wie billige Zutaten einfach zusammengeklatscht werden - fertig ist das Mittagessen, das Kindern in Schule und Kita aufgetischt wird. In anderen Betrieben bekomme ich mit, wie die harmlos aussehenden Teile von Gurken, die am anderen Ende schon angeschimmelt sind, dennoch zu Salat verarbeitet werden. "Wegschneiden, Thema erledigt!", war der Kommentar eines Angestellten.

In manchen Lagern finde ich vieles, vom Toastbrot bis zum Fleisch, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum auf der Verpackung selbst bereits um Wochen oder Monate überschritten ist. Auch besonders leicht verderbliche Waren wie Hackfleisch, die mit einem Verbrauchsdatum gekennzeichnet sind (sie nach diesem Datum noch zu verwenden ist strafbar) werden tiefgefroren und Monate später noch gelagert oder zu Kinderessen verkocht. Da ist das Verbrauchsdatum natürlich dann längst überschritten.

Klar, Lebensmittel halten sich länger, wenn man sie einfriert und zu Hause kann jeder machen, was er will. Doch meiner Meinung nach sollten Betriebe, die in der Gemeinschaftsverpflegung tätig sind, besonders sorgfältig arbeiten - speziell, wenn sie für Kinder oder Senioren kochen, die ein besonders empfindliches Immunsystem haben.

Ich bin nicht dafür, jedes Lebensmittel, bei dem das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, in die Tonne zu werfen - ohnehin landen jedes Jahr in Deutschland zu viele Nahrungsmittel, die noch gut sind im Müll. Doch wenn so manche Caterer, wie wir in unseren Undercover-Recherchen herausgefunden haben, gezielt Waren zu Schnäppchenpreisen einkaufen, die kurz vor dem Ablauf des Haltbarkeitsdatums stehen, sie dann einfrieren, um Monate später daraus Essen für Kinder herzustellen, dann ist das aus meiner Sicht nicht nur nicht in Ordnung. Das finde ich dreist!

Wenn die gleichen Großküchen dann auch noch damit werben, dass sie frisches Essen für Kinder produzieren, täuschen sie zumindest bei den Produkten den Verbraucher. Der sollte zumindest wissen, was er da bekommt.

Während meiner Recherchen habe ich den Eindruck bekommen, dass beim Thema Schulessen im Grunde genommen alle Beteiligten unzufrieden sind: Kinder beschweren sich über Schulessen, das nicht schmeckt. Kommunen, die die Ausschreibungen für die Schulessen machen, klagen, dass Eltern nicht bereit sind mehr zu zahlen. Und Caterer und Köche, dass der Schulmarkt schwierig und enorm preisgetrieben sei und sie oft vor die bittere Alternative stellt: Wenn ich lecker und vernünftig koche, kann ich nicht mehr profitabel sein.

Aber: Positive Beispiele zeigen, dass beides eben doch gehen kann! Vor allem, wenn die Beteiligten eng zusammenarbeiten. In Berlin hat man sich auf einen garantierten Mindestpreis von 3,25 Euro pro Essen geeinigt, weil Caterer nicht mehr bereit waren, für Dumpingbezahlungen zu arbeiten. Seitdem hat sich die Situation dort verbessert. Doch einheitliche Regeln für Schulessen gibt es in Deutschland bislang nicht. Und das ist schade! Denn gutes Essen für Kinder sollte allen Beteiligten etwas wert sein. Qualität gibt es nicht umsonst.