Wenn die Smartphone-Nutzung im Alltag respektlos wird

WhatsApp hier, Telefonieren da: Brauchen wir einen Handy-Knigge?

7. Juni 2019 - 7:23 Uhr

von Jolanda Ost

Noch kurz die Mails checken, eine WhatsApp-Nachricht schreiben, das Frühstück bei Instagram posten – dass das Handy einen großen Teil unseres Alltags einnimmt, ist nicht zu leugnen. Na und, ich kann doch selbst entscheiden, wie oft ich in die digitale Welt eintauche, oder? Ja, in den eigenen vier Wänden vielleicht, aber sobald ich mit Menschen in Kontakt trete, geht es um Respekt. Brauchen wir einen Handy-Knigge?

Wie Kunden darauf reagieren, wenn die Verkäuferin plötzlich telefoniert, statt die Bestellung aufzunehmen, zeigen wir Ihnen im Video.

Heutzutage gibt es kein offline mehr

Es ist eigentlich verrückt: In meiner Jugend war das Chatten mit Freunden oder das Durchforsten von Facebook noch eine richtige Beschäftigung, für die ich mir Zeit genommen habe. Ich habe mich aktiv dafür verabredet, sei es, um das nächste Referat für die Schule zu besprechen oder sich einfach nur mit der besten Freundin über den neuesten Tratsch auszutauschen. Und wenn ich fertig war, habe ich den Laptop zugeklappt oder das Handy zur Seite gelegt.

Aber heutzutage gibt es kein offline mehr. Wir sind immer erreichbar, beantworten Nachrichten zwischen Tür und Angel, obwohl wir eigentlich in dem Moment gar keine Zeit dafür haben. Dadurch ist unser Kopf nur selten zu 100 Prozent da, wo er eigentlich sein sollte, weil ein Teil unserer Konzentration für das Smartphone draufgeht.

Handy an, Umwelt aus

Der Drang, immer erreichbar sein zu müssen, zieht sich durch den ganzen Tag. Ob beim Frühstück mit der Familie, bei der Arbeit oder beim Einkaufen. Wir vergessen dabei oft, dass wir nicht alleine sind. Unsere Mitmenschen, die womöglich mit uns interagieren, bekommen nicht unsere ganze Aufmerksamkeit, weil ein Teil davon eben immer dem kleinen Computer gewidmet ist.

Ein Würzburger Supermarkt macht deutlich, wie sehr die Handynutzung ausufert: Die Brot- und Wursttheke ziert ein Schild mit den Worten: "Verehrte Kunden! Wir bitten Sie während des Bedienvorgangs aus Gründen des Respekts gegenüber unseren Mitarbeitern auf Telefongespräche mit ihrem Handy zu verzichten. Vielen Dank!"

Wie kann es so weit kommen, dass Geschäfte ihre Kunden explizit dazu auffordern müssen, respektvoll mit den Mitarbeitern umzugehen? Es sollte doch eigentlich selbstverständlich sein, dass man einem Menschen, mit dem man interagiert, seine volle Aufmerksamkeit schenkt. Wie der Supermarkt schon anmerkt: Es geht um Respekt. Offensichtlich scheint das aber nicht jeder so zu sehen.

Würzburger Supermarkt
Dieses Schild hängt an der Theke eines Würzburger Supermarktes.
© RTL

Brauchen wir einen Handy-Knigge?

Klar, es gibt im Alltag gewisse Richtlinien, was die Smartphone-Nutzung betrifft: Verbot am Steuer, Klingelton aus im Wartezimmer beim Arzt oder Handy weg im Unterricht. In Frankreich sind Smartphones sogar während des gesamten Schultags untersagt. Aber es gibt nicht nur klare Vorschriften, sondern eben auch Grauzonen – und davon viel zu viele.

So richtig weiß man irgendwie nicht, wann das Handy bei der Arbeit, im Restaurant oder im Supermarkt in der Tasche bleiben sollte und wann sich die WhatsApp-Chatpartner eben zwei Stunden gedulden müssen, bis man wieder verfügbar ist. Letztendlich liegt das zwar im eigenen Ermessen, zeugt aber schlicht und ergreifend von Respekt seinen Mitmenschen gegenüber. Vielleicht brauchen wir wirklich Regeln, um wieder einen gesunden Umgang mit unserem digitalen Begleiter zu pflegen, weil wir es selbst nicht mehr kontrollieren können.

Ich gelobe Besserung!

Für mich ist es selbstverständlich, bei Verabredungen mit Freunden nicht andauernd auf den Bildschirm zu starren, einfach weil ich es als unhöflich empfinde und verlange, dass mir mein Gegenüber auch seine Aufmerksamkeit schenkt. Aber, zugegeben, wenn ich beispielsweise im Supermarkt bin, werfe ich gerne den ein oder anderen Blick auf mein Smartphone – und zwar nicht, um auf meine digitale Einkaufsliste zu schauen.

Schlange an der Käsetheke? Da kann ich noch schnell antworten. Fünf Kunden vor mir an der Kasse? Mal gucken, was bei Instagram so los ist. Von der Außenwelt kriege ich in dem Moment leider absolut gar nichts mit. Und höflich wirke ich auf die Kassiererin sicher auch nicht, wenn ich sie kaum eines Blickes würdige, während sie meine Einkäufe abrechnet. Ab jetzt kann mein Handy auch einfach warten, bis ich zuhause bin.

Ist der Würzburger Supermarkt erst der Anfang?

Letztendlich gibt es einfach Orte, an denen wir alle wissen, dass das Handy in der Hand gerade unangebracht ist. Es gibt aber auch Situationen, in denen wir keine Maßregelung vor die Nase gesetzt bekommen. Ist der Würzburger Supermarkt erst der Anfang? Wird uns bald an jeglichen öffentlichen Orten vorgeschrieben, ob und wie wir unser Handy benutzen dürfen?

Das wäre wahrscheinlich die Lösung für das Problem, aber der Ansatz ist falsch. Denn eigentlich sollten wir nicht das Handy in der Tasche lassen, weil es uns so vorgeschrieben wird, sondern weil wir es möchten. Weil wir uns bewusst dafür entscheiden, unserem Gegenüber unsere volle Aufmerksamkeit zu schenken und einfach mal die digitale Welt außer Acht zu lassen – und nicht andersherum.