23. Juni 2019 - 17:16 Uhr

von Lauren Ramoser

Unsere Kinder wachsen umgeben von Bildschirmen auf: Smartphones, Touchpads und Laptops - das alles können die Kleinen so mühelos bedienen wie die Großen. Doch Experten schlagen nach einer britischen Studie Alarm: Zu viel Zeit vor Bildschirmen schädigt die Entwicklung - ADHS und mangelnde soziale Kompetenz sind die Folge. Wir haben mit Psychologen einen Leitfaden für Eltern erstellt und erklären im Video, ob ihr Kind süchtig nach dem Smartphone ist.

Das sind die Folgen von zu viel Zeit am Bildschirm

Mehr als sieben Stunden Bildschirm pro Tag schädigen die geistige Entwicklung unserer Kinder nachhaltig. Das hat eine Studie des National Institutes of Health in England gezeigt. Insbesondere Langzeitstudien sind noch Mangelware, aber Experten sind sich auch hierzulande einig, dass zu viel Zeit am Smartphone oder Tablet schädlich ist.

Schon vor 30 Jahren waren Eltern besorgt über den steigenden TV-Konsum ihres Nachwuchses. Heute gucken Kinder zwar weniger Fernsehen, das Smartphone hat die Röhre aber nicht nur ersetzt, sondern deutlich überholt.

Ein Problem ist laut dem Psychologen Professor Christian Montag die fehlende Balance. Der Forscher der Universität Ulm will Smartphones nicht verteufeln, warnt aber vor den Folgen eines Ungleichgewichts. "Bei zu viel Zeit am Bildschirm fehlt die Zeit für andere wichtige Bedürfnisse, etwa das für Kinder ganz wichtige Herumtollen", erklärt der Experte.

Smartphone-Epidemie als Problem unserer Zeit

Haltungsschäden und Bewegungsmangel sind mögliche Folgen von zu viel Zeit an Tablet und Smartphone.
Durch zu viel Zeit am Bildschirm fehlt Kindern Bewegung und daran hängt ein Rattenschwanz an anderen Problemen.
© shapecharge

"Es gibt zu wenige belastbare Studien", erklärt Professor Montag. Wissenschaftler sind zwar mittlerweile sicher, dass ADHS, Aufmerksamkeitsprobleme und geringere Empathie mit zu viel Zeit am Bildschirm im Zusammenhang stehen. Es ist aber unklar, ob dies eine Folge von zu viel Zeit am Bildschirm ist oder ob Personen, die zum Beispiel wenig aufmerksam sind, mehr Zeit im Internet verbringen oder gar zu einer exzessiven Nutzung neigen.

Der Neuropsychologe Professor Manfred Spitzer ist für seine kritische Haltung bekannt. In seinem aktuellen Buch "Die Smartphone-Epidemie" macht er sich das Smartphone zum Feind und wettert gegen Bildschirme in Kinderhand.

"Kurzsichtigkeit, Angst, Depressionen, Schlafstörungen, Diabetes, Demenz und Bluthochdruck" - für Spitzer ist die Liste an möglichen Folgen lang. Er beruft sich auf seine eigene Publikation.

Smartphone und Kinder - so viel Bildschirm-Zeit ist ok

"Kinder bis zum zweiten Lebensjahr sollten nach Empfehlung einer US-amerikansichen Organisation von Kinderärzten gar keine Zeit am Bildschirm verbringen", rät Professor Montag. "Eine US-Studie hat gezeigt, dass zu viel Bildschirmzeit zu Verzögerungen in der Sprachentwicklung führen könnte." Denn Kinder lernen in der direkten Kommunikation sowohl ihre Sprachfähigkeiten als auch Mimik und Gestik zu verstehen, wenn aber sowohl Kind als auch Eltern nur auf ihren Bildschirm starren, fehlt dieses wichtige Training.

Klicksafe, die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz, empfiehlt folgende Nutzungszeiten:
Kinder bis 3 Jahre: maximal 5 Minuten pro Tag
Kinder zwischen 4 und 6 Jahre: Knapp 20 Minuten, nicht unbedingt täglich
Kinder zwischen 7 und 10 Jahren: Täglich etwa 30 bis 45 Minuten

"Kinder unter zwölf Jahren sollten keine eigenen Geräte haben", rät Montag. Kinder seien in der Selbstregulation noch nicht so gut wie Erwachsene, und verstehen daher nicht, wann es an der Zeit ist aufzuhören. Insbesondere weil viele Apps so konzipiert sind, Nutzer möglichst lange zu halten.

Der Psychologe empfiehlt aber auch, Kinder an Smartphones, Tablets und die Tragweite des eigenen Verhaltens im Netz heranzuführen, noch bevor sie tatsächlich die Verantwortung eines Geräts tragen (einen aktuellen Tablet-Vergleich finden Sie hier). Was es bedeutet private Informationen ins Netz zu stellen und welche Seiten gut für sie sind - davon haben Kinder einfach keine Vorstellung und das sollten sie aber wissen, bevor sie munter drauflos surfen und posten.

So erklären Eltern ihren Kindern Smartphone-Regeln

Ein Vater erklärt seinem Sohn das Smartphone.
Eltern sollten sich intensiv die Zeit nehmen, ihren Kindern die Tragweite ihres Verhaltens am Smartphone zu erklären.
© pixdeluxe, JOSH_HODGE

Hier sind sich beide Psychologen einig: Kinder ahmen nach und da sind die Eltern das größte Vorbild. "Kinder machen nach, was ihnen die Eltern vormachen", sagt Professor Spitzer. "Eltern sollten also in Anwesenheit der Kinder möglichst auf jegliche Bildschirmmedien verzichten." Der Wissenschaftler prangert vor allem die fehlende Kommunikation innerhalb der Familie an, wenn jeder in sein eigenes Smartphone vertieft ist.

Mal eine Textnachricht oder ein Skype-Gespräch mit Mama und Papa ist seines Erachtens kein Problem, sagt Professor Montag. Er versucht allerdings selber das Smartphone möglichst wenig in Gegenwart seiner Tochter zu nutzen: "Aber es gilt auch, dass alles was geheim ist, für manche Kinder noch interessanter wird. Daher versuche ich zu erklären, was ich da am Bildschirm mache", erzählt er.

Hilfe für Eltern

Eltern sollten Regeln für die Nutzung eines Smartphones aufstellen. Es gibt Apps, die den täglichen Konsum messen und sogar eine Sperrfunktion für das Überschreiten der Zeit anbieten.

Mit "Quality Time" lässt sich nur auf dem Gerät selbst die Nutzungszeit messen - das hilft, um Kindern ihre Zeit vor Augen zu führen und gemeinsam eine maximale Nutzungszeit festzulegen.

Für Eltern bietet sich die App "Screen Time" an, die nicht nur den Konsum des Kindes misst, sondern sich auch so einstellen lässt, dass nach der Schlafenszeit Spiele und andere Apps gesperrt werden.