Sie nannten mich Gurkennase

Selbstliebe trotz Makel: Man muss nicht jedem gefallen, aber sich selbst

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6. Dezember 2019 - 18:26 Uhr

von Daria Bücheler

Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich sie als allererstes. Sie ist recht groß, hat einen Hubbel und wenn ich lache, verformt sie sich zu einem Haken. Meine Nase. Nichts an meinem Aussehen hat mich je so verunsichert, wie sie. Das liegt nicht zuletzt daran, dass mir ein paar Menschen den reizenden Gefallen getan haben, mich darauf hinzuweisen, dass meine Nase nicht optimal geformt ist. Aber muss ich mich deswegen schlecht fühlen?

Wenn dich dein Date mit einer Hexe vergleicht

Ausgerechnet ein Mann, der vorgegeben hatte, verliebt in mich zu sein, gab mir das Gefühl, genau das wäre angebracht. Ich war noch ein Teenager – er und ich hatten uns auf einen Drink verabredet. Mir war extrem wichtig, dass ich diesem Kerl gefalle, habe mir viel Mühe mit Make-up und Outfit gegeben. In der Bar, in der wir uns trafen, saßen wir uns nicht gegenüber, sondern nebeneinander. Dass das ausschlaggebend dafür sein kann, dass ein Date maximal in die Hose geht, wäre mir vor diesem Abend niemals in den Sinn gekommen. "Wenn ich dich die ganze Zeit so von der Seite angucke, denke ich, du wärst eine Hexe", teilte er mir ohne Vorwarnung mit. Er besaß auch noch die Dreistigkeit, mich breit anzugrinsen, während er mir auf diese Weise das Herz zerquetschte. Für ihn war es ein bedeutungsloser Witz – für mich war es eine Bemerkung, die mein Selbstbewusstsein nachhaltig beeinflusst hat.

Sollten mich Männer am besten nur noch frontal ansehen?

Daria Bücheler
RTL-Reporterin Daria Bücheler hat keine perfekte Nase.
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Wenn ich nun einem Mann gefallen wollte, hatte ich diesen Abend immer im Hinterkopf. Ich konnte nicht mehr darauf vertrauen, eine sympathische, selbstbewusste Frau zu sein, die vielleicht schon deswegen attraktiv wirkt. Stattdessen konzentrierte ich mich darauf, dass mich Kerle aus einem Winkel anschauten, aus dem meine Nase nicht wie die einer Hexe aussah.

Es war nicht das erste Mal, dass mir jemand klargemacht hatte, dass es schönere Nasen als meine gibt. Das hatte schon zehn Jahre zuvor ein Junge aus der Nachbarschaft geschafft, mit dem ich nachmittags oft draußen gespielt hatte. Lennart (Name geändert) nannte mich charmanter Weise gerne "Gurki". Ich bin mir nicht sicher, was weniger schmeichelhaft ist – mit einer Hexe oder einer Gurke verglichen zu werden.

Meine Geschichtslehrerin hatte da schon mehr Stil! Sie machte mir in der Unterstufe vor versammelter Klasse das Kompliment, ich hätte ein aristokratisches Profil. Was zu Hölle hat sie damit gemeint!? Dass ich aussehe, wie eine Habsburgerin? Für ein Mädchen, das damals gerne so ausgesehen hätte, wie eine der Olsen-Zwillinge, hat sich dieser von ihr vielleicht sogar lieb gemeinte Vergleich jedenfalls wie eine üble Beleidigung angefühlt.

Mary-Kate und Ashley Olsen
Daria wollte als Teenie aussehen wie die Olsen-Zwillinge.
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Lebensverändernde Entscheidung: Nasen-OP

Natürlich habe ich schon öfter darüber nachgedacht wie es wäre, wenn ich mir meine Nase einfach operieren lassen würde. Immer wieder stand ich vor dem Spiegel, habe mit den Fingern den kleinen Hubbel berührt, der mich so stört und mir vorgestellt wie es wäre, wenn ihn einfach jemand wegschneiden würde. Tausende Menschen haben das schon so gemacht. Vor ein paar Monaten sogar eine Bekannte von mir. Sie postete dieses Vorher-Nachher-Bild auf Facebook:

Vorher-Nachher Nasenoperation
So sah Darias Bekannte Steffi vor (links) und nach ihrer Nasen-OP (rechts) aus.
© Steffi Sott

„Selbstliebe und Selbstachtung bedeutet nicht, dass man sich so nehmen muss, wie man ist, sondern so wird, wie man sein möchte“

Als ich die beiden Fotos von Steffi entdeckte, war ich fasziniert. Sie hatte sich den Traum erfüllt, den ich immer nur still vor mich hinträumte. Sie hatte nicht nur vor dem Spiegel gestanden und sich vorgestellt, wie es sein könnte, sondern war tatsächlich so mutig, sich für eine OP zu entscheiden. "Selbstliebe und Selbstachtung bedeutet nicht, dass man sich so nehmen muss, wie man ist, sondern so wird, wie man sein möchte", schreibt sie neben einem ihrer Fotos. Ein Satz, über den ich viel nachdenken musste. Schließlich hört man immer wieder, dass man lernen sollte, seine Fehler und Makel zu lieben. Jeder sei auf seine Weise schön und so weiter…

Aber hat Steffi nicht vielleicht recht? Wieso sollte man sich dazu zwingen, mit dem zufrieden zu sein, was man hat, wenn man sich stattdessen so verändern kann, wie man es sich wünscht? "Ich habe mir immer geschworen, dass ich das vor meiner Hochzeit für mich machen lassen werde", vertraute sie mir ein paar Monate später an, als wir miteinander telefonierten. "Ich war immer so befangen, wenn jemand Fotos von mir machte. Auf meiner Hochzeit will ich mich unbedingt frei fühlen." Mit 25 Jahren sieht Steffi nun endlich so aus, wie es ihr gefällt – bereut hat sie ihren Schritt keine Sekunde.

Auch, wenn mir diese Einstellung und diese Denkweise extrem gefällt: Ich habe mich für einen anderen Weg entschieden.

Wie ich gelernt habe, meinen Makel zu lieben

Ich habe lange gedacht, zu einer schönen Frau gehört zwingend ein kleines, feines Näschen. Ich bin davon ausgegangen, dass jedem, der mich ansah, sofort ins Auge springen musste, dass ich diesem Ideal nicht entspreche und man mich deswegen automatisch als "eher nicht so hübsch" wahrnimmt.

Dass ich damit ziemlich daneben liege, habe ich zum ersten Mal richtig deutlich gespürt, als ich die Poster der Olsen-Zwillinge in meinem Teenie-Zimmer abhängte und durch Fotos von Jeanette Biedermann ersetzte. Diese Frau war die Rettung meines Selbstwertgefühls. Jeanette war erfolgreich, sexy, beliebt – eine echte Granate! UND sie hatte kein kleines Stupsnäschen, sondern eine recht markante Nase – so wie ich. Dadurch hatte Jeanette für mich übrigens weder Ähnlichkeit mit einer Hexe, noch mit einer Gurke. Sie wurde mein Vorbild. Obwohl es mein "Makel" war, fühlte es sich plötzlich richtig gut an, diesen mit meinem Idol zu teilen. Und ohne, dass ich es so richtig merkte, habe ich diesen optischen Fehler gar nicht mehr als solchen wahrgenommen, sondern vielmehr als eine Besonderheit, die mich ausmacht – auf die ich sogar irgendwie stolz sein kann.

Jeanette Biedermann
Jeanette Biedermann hat Daria geholfen, ihre Nase zu mögen.
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Und ich habe beschlossen: Ich WILL weiter stolz auf sie sein. Na klar – wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann hätte ich nebenbei auch eine Heidenangst davor, dass eine Schönheits-OP tierisch schiefgehen könnte. Ich hätte Angst davor, was andere von mir denken, wenn ich mich operieren lassen würde. Und ich wäre traurig, wenn ich eines Tages nicht mehr mit der Nase durch die Gegend laufen würde, mit der mich meine Mama auf die Welt gebracht hat.

Wenn ich heute in den Spiegel schaue, dann sieht meine Nase noch genauso aus, wie immer. Sie ist recht groß, hat einen Hubbel – so ist sie eben. Aber heute weiß ich: Es gibt mit Sicherheit genug Menschen, die nicht als erstes an ein Gemüse denken, wenn sie mich ansehen, sondern an die attraktive Frau, die ich bin.