Skandal-Urteil in Frankreich

Frau schuldig gesprochen, weil sie keinen Sex mit gewalttätigem Ehemann wollte

Frau schuldig gesprochen, weil sie keinen Sex mit gewalttätigem Ehemann wollte.
Frau schuldig gesprochen, weil sie keinen Sex mit gewalttätigem Ehemann wollte.
© picture-alliance/ ZB, Jörg Lange

23. März 2021 - 11:02 Uhr

Frau soll alleinige Schuld an der Scheidung tragen

Man kann es nicht anders nennen: Dieses Urteil ist ein Skandal! Eine 66 Jahre alte Frau will sich von ihrem gewalttätigen Ehemann scheiden lassen. Die beiden landen in Frankreich vor Gericht. Vor zwei Jahren fällt das erste Urteil. Demnach trägt die Frau die alleinige Schuld für die Scheidung, weil sie ihren "ehelichen Pflichten" nicht nachgekommen sein soll. Präziser: Sie soll ihrem Ehemann den Geschlechtsverkehr verweigert haben. Sie reichte Beschwerde ein, doch blitze nun erneut vor Gericht ab.

Ehemann soll die Frau geschlagen haben

Nach 27 Jahren Ehe hatte die Frau genug von "Gewalt" und "Drohungen", sie reichte im Jahr 2015 die Scheidung ein. Vor einem Gericht in Versailles bei Paris begann ein schmutziger Scheidungsprozess, wie das französische Nachrichtenportal "Actu.fr" berichtet. Ihr Ehemann habe sich gegen die Vorwürfe gewehrt und seine Frau beschuldigt, dass sie ihren "ehelichen Pflichten" nicht nachgekommen sei. Seit 2004 hätten die beiden nicht mehr miteinander geschlafen, so der Mann. Die Frau gab zu, ihrem Ehemann den Sex verweigert zu haben. Aber aus gutem Grund, wie sie sagte. Er habe sie geschlagen, außerdem habe sich ihr Gesundheitszustand nach einem Arbeitsunfall verschlechtert, heißt es.

Gewalt in der Ehe offenbar keine Rechtfertigung für den Richter

Doch für den Richter schien das offenbar keine Rechtfertigung zu sein. Obwohl es im französischen Zivilgesetzbuch kein Gesetzt gibt, dass die Einhaltung "ehelicher Pflichten" gebietet, gab der Richter dem Mann Recht. Die Frau wurde 2019 für allein schuldig erklärt. Laut ihrem Eingeständnis habe sie "in schwerer und wiederholter Weise ihre ehelichen Pflichten in einer Art und Weise verletzt, die ein weiteres Zusammenleben unannehmbar gemacht hat", heißt es im Urteil. Der Richter soll sich auf ein Präzedenzurteil aus dem Jahr 1996 berufen haben. Damals sei entschieden worden, dass man dem Gatten offenbar nicht länger als ein Jahr den Geschlechtsverkehr verbieten dürfe.

Die 66-Jährige wehrte sich gegen das Urteil und legte Berufung ein. Doch nun hat das Kassationsgericht in Paris, die höchste Instanz in Frankreich, das Urteil für rechtmäßig erklärt. "Ich empfinde das als Rechtsverweigerung und Skandal", sagte die Frau dem Nachrichtenportal "Mediapart". Sie kündigte nun an, vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof ziehen zu wollen

Unterstützung bekommt sie auch von mehrere Frauenstiftungen und anderen Organisationen, die sich für Frauenrechte in Frankreich einsetzen.

Auch interessant