Gewinnt sie auch diesen Kampf?

Große Sorgen um Superstar Simone Biles

28. Juli 2021 - 18:33 Uhr

Mental nicht mehr fähig, an ein Gerät zu gehen

Es waren bizarre Momente: Simone Biles klatschte, sie schrie, sie warf Küsschen in die Kamera - dabei war sie längst nur noch Zuschauerin. Während die Sozialen Netzwerke rund um den Globus regelrecht explodierten, verfolgte der Kunstturn-Superstar das olympische Mannschaftsfinale im weißen Trainingsanzug - mental nicht mehr fähig, an ein Gerät zu gehen. Mit einer kleinen Auszeit will sie sich wieder in Wettbewerbsform bringen. Doch das misslingt vorerst. Ihr Team zieht erste Konsequenzen.

Sportpsychologe erklärt, welcher Druck auf Biles lastet

Eine Geschichte, die die Amerikaner lieben

Simone Biles nimmt sich eine Auszeit. Wenn man das überhaupt so nennen kann. Simone Biles zieht sich für einen Tag zurück. Der Mittwoch dient Genesung. Er soll es zumindest tun. Aber ob ein Tag reicht, um dem Turn-Superstar all das zurückzugeben, was ihm in diesen ersten olympischen Tagen von Tokio gefehlt hat? Biles möchte das offenbar gerne glauben. Die Aufgabe für diesen Mittwoch jedenfalls ist gewaltig. Für die 24-Jährige, die die Grenzen ihres Sports mehrfach in Dimensionen verschoben hat, die eigentlich unvorstellbar sind, geht es nun darum, sich das Selbstvertrauen und den Spaß zurückzuholen. Beides ist abhandengekommen. Und damit ihre gnadenlose Dominanz.

Simone Biles ist ein Superstar. Aber sie ist nicht nur das. Simone Biles ist so etwas wie der Medaillen-Messias der Amerikaner. Das wirkt schon ein wenig eigenartig an. Denn das Land verfügt über so unglaublich viele Sportler, die den Status der Ikone haben, die reichlich Edelmetall für den wichtigen Medaillenspiegel heranschleppen. Aber Biles ist etwas Besonderes. Wegen ihrer Geschichte, die die Amerikaner so sehr lieben. Die Mutter ist abhängig von Drogen und Alkohol, bekommt die Erziehung ihrer Töchter nicht in den Griff. Simone wächst in Pflegeheimen auf - bis ihr Großvater sie im Alter von sechs Jahren adoptiert. Der Rest ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte, geprägt indes auch von schlimmen Schicksalsschlägen. 2018 macht sie öffentlich, dass sie als Teenager von Teamarzt Larry Nassar sexuell missbraucht wurde. Mehr als 350 andere Athletinnen sagen ebenfalls aus.

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 210727 -- TOKYO, July 27, 2021 -- Simone Biles of the United States is seen during the artistic gymnastics women s team final at the Tokyo 2020 Olympic Games, Olympische Spiele, Olympia, OS in Tokyo, Japan, July 27, 2021.  TOKYO2020JAPAN-TOKYO-OLY-A
Simone Biles- Zuschauerin in Tokio
© imago images/Xinhua, Cao Can via www.imago-images.de, www.imago-images.de

"... aber verdammt, manchmal ist es hart hahaha"

Biles hat in ihrem Leben immer kämpfen müssen. Sie hat all diese Kämpfe gewonnen. Doch nun ist sie auf einen Gegner getroffen, an dem sie verzweifelt. Zumindest vorübergehend. Sie ist auf sich selbst getroffen. Am Dienstag brach sie das Mannschaftsfinale nach dem ersten Gerät ab. Für ihren Sprung hatte die 24-Jährige zuvor die für sie ungewohnt niedrige Wertung von 13,766 Punkten bekommen. Biles verließ danach die Halle und kam wenig später in Trainingsklamotten zurück. Das große Rätseln begann. War sie verletzt? Oder steckte etwas anderes dahinter? In amerikanischen Medien wurde schnell über mentale Probleme diskutiert.

Biles hatte dafür selbst erste Indizien geliefert. Nach überraschenden Wacklern in der Qualifikation für den Teamwettbewerb am Montag hatte sie bei Instagram offenbart, dass sie im Moment das Gefühl habe, "dass ich das Gewicht der ganzen Welt auf den Schultern trage." Etwas sarkastisch schob sie nach: "Ich weiß, ich bürste es ab und lasse es so aussehen als würde der Druck keinen Einfluss auf mich haben, aber verdammt, manchmal ist es hart hahaha." Womöglich war diese Offenbarung mehr als ein erklärendes Posting. Womöglich war dieses Posting bereits ein Hilferuf.

Die 24-Jährige hat in ihrer Karriere alles gewonnen. Vier Mal Gold bei den Olympischen Spielen (alle in Rio 2016), 19 Mal Gold bei Weltmeisterschaften. Biles hat Dinge möglich gemacht, die eigentlich unmöglich schienen. Ihr Doppel-Salto-Sprung mit der höchsten Schwierigkeitsstufe heißt "Yurchenko double pike" und gilt als äußerst gefährlich. In Tokio sollte sie nun ihre Karriere krönen. Wobei allein schon das Wort "krönen" zeigt, wie übertrieben groß die Erwartungen sind. Denn was soll sie eigentlich noch toppen? Vier Mal Gold bei den Spielen? Klar, sechs Mal wären möglich gewesen.

„Ich habe auch das Gefühl, dass ich nicht mehr so viel Freude habe"

Der amerikanische Turn-Darling ist in Tokio nicht der erste Superstar, der unter der gewaltigen Last der Erwartungen leidet. Auch Naomi Osaka, die japanische Tennisspielerin, gab nach ihrem frühen Scheitern zu, dass ihr der Druck des Kollektivs zu groß war. Anders als Biles hatte Osaka aber bereits vor Wochen erklärt, dass sie gelegentlich unter Depressionen leide. Die Amerikanerin hatte sich auf ihre "mentale Gesundheit" zurückgezogen. Die Probleme auf dem jeweiligen Terrain aber sind die gleichen: Die Angst vor dem Versagen, die Furcht vor den unmenschlichen Ansprüchen, sie lähmten den Körper und blockierten die Seele. Aber wie damit umgehen? Osaka ist bereits raus. Biles dagegen hat noch eine lange, anstrengende Strecke in Tokio vor sich.

Die Über-Turnerin erhielt viel Zuspruch und Unterstützung für ihre Offenbarung. "Bin ich gut genug? Ja, ich bin gut genug. Das Mantra, das ich täglich praktiziere. Simone Biles, wir sind stolz auf dich und drücken dir die Daumen", twitterte unter anderem die ehemalige First Lady Michelle Obama. Rekord-Olympiasieger Michael Phelps, der 2018 seinen eigenen Kampf mit Depressionen und Selbstmordgedanken nach den Sommerspielen 2012 offenbart hatte, sagte, Biles' Kampf zu sehen, habe ihm "das Herz gebrochen".

Weitermachen und durchbeißen, kann das die Lösung sein? Eher nicht. Dämonen im Kopf lassen sich nicht einfach wie beiseiteschieben. Osaka hat das erlebt. Zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit. Und Biles? Ist es wirklich vorstellbar, dass in das Ariake Gymnastics Center zurückkehrt und um Medaillen kämpft? Nach nur einem Tag Pause für den Kopf? Nein, eher nicht. Zumindest ihren nächsten Start am Donnerstag hat sie bereits abgesagt. Der Turnverband teilte am Vormittag mit, dass die 24-Jährige allerdings aus "medizinischen Gründen" nicht am Mehrkampf-Einzelfinale teilnehmen wird. Was folgt? Unklar. Biles und der Verband wollen von Tag zu Tag entscheiden. "Simone wird weiterhin täglich bewertet, um herauszufinden, ob sie in den Einzel-Finals in der kommenden Woche teilnehmen kann", schrieb der Verband.

Die Turnerin hatte derweil am Dienstag einen Satz gesagt, der sehr tief in ihre Seele blicken ließ. Sie hatte gesagt, sie traue sich selbst nicht mehr so, wie sie es mal getan habe, sagte sie. Sie wisse nicht, ob es am Alter liege, aber sie werde nervöser, wenn sie turne: "Ich habe auch das Gefühl, dass ich nicht mehr so viel Freude habe." Etwas Schlimmeres kann ein Sportlerin wohl kaum passieren. Erst recht nicht bei OIympischen Spielen. (tno)