Krude Thesen, Esoterik-Gurus und Quacksalberei

Was hinter dem Djokovic-Geschwurbel steckt

Novak Djokovic.
Novak Djokovic.
© dpa, Andy Brownbill, lix fgj

09. Januar 2022 - 22:00 Uhr

So tickt Novak Djokovic

Novak Djokovic ist einer der besten, vielleicht der beste Tennis-Spieler der Geschichte. Ein Superstar. Dem aber für diese Verhältnisse relativ wenige Herzen zufliegen – dafür überrascht der Serbe immer wieder mit esoterischen und parawissenschaftlichen Aussagen und Nähe zu Nationalisten.

Mit einem Weißbrot begann die Diät

Ernährungsberater Dr. Igor Cetojevic (hinten in der Mitte) feuert Novak Djokovic an.
Ernährungsberater Dr. Igor Cetojevic (hinten in der Mitte) feuert Novak Djokovic an.
© Imago Sportfotodienst

Diese Geschichte muss vielleicht mit einem Stück Weißbrot beginnen. Um zu verdeutlichen, in welchen spirituellen Welten sich der wohl beste Tennisspieler der Welt teils befindet.

Denn dank einer Scheibe Weißbrot auf dem Bauch konnte Novak Djokovic im Jahr 2010 feststellen, dass ihn eine Glutenunverträglichkeit heimgesucht hat – die Zöliakie.

Wie "The Independent" detailliert beschreibt, legte sein Ernährungsguru und Arzt Igor Cetojevic eben jenes Brot auf den "Djoker"-Bauch und drückte dann gegen den Arm seines Schützlings. Dieser sei dann im Vergleich zum brotlosen Versuch deutlich geschwächt gewesen. Weil das Brot auf dem Djokovic-Bauch lag. Die Diagnose folgte prompt. So einfach ist das manchmal. Und so tickt teilweise das Umfeld des Serben.

Anschließend stellte er seine Nahrung konsequent um, verbannte Gluten aus dem Essensplan, inzwischen ernährt er sich pflanzenbasiert und vegan. Geschadet hat es ihm sicher nicht, sonst hätte er nicht 20 Major-Siege eingesammelt und den Tennis-Thron erklommen.

„Djokovic ist ein absoluter Grenzgänger"

Djokovic polarisiert schon seit Beginn seiner Karriere. Weil er extrem verbissen und kein Charmeur wie ein Roger Federer ist (und mitunter Linienrichter abschießt), aber auch weil es viele solcher Geschichten von ihm gibt. Das mag manchmal lustig und schrullig klingen, kann bei Wissenschafts-Feindlichkeit und Reichweite aber schnell auch gefährlich werden und erklärt dann vielleicht auch, wieso er 2022 in einem Einwanderungshotel in Melbourne strandete.

RTL-Tennisexperte Marc Gabel verfolgt die Karriere der Nummer eins schon lange: "Djokovic ist ein absoluter Grenzgänger – in jeder Hinsicht. Schon als Kind war er vom Tennissport nahezu besessen und ein akribischer Arbeiter, viel fleißiger als alle anderen", analysiert der RTL-Reporter. Es sei klar gewesen, dass er ein Großer werden wird, weil er so "gnadenlos mit und an sich selbst arbeitet".

Er arbeitet härter, länger und detailversessener als alle anderen. Gabel nennt Beispiele: "Er trinkt beispielsweise nur spezielles Wasser und Tees. Er versucht immer, zur selben Zeit zu schlafen. Seine Frau schläft nur selten im Zimmer mit ihm, weil er den perfekten Schlaf braucht. Aber der Erfolg gibt ihm recht."

Ein wichtiger Einschub. Djokovic ist die Nummer eins der Welt, steht kurz vor dem alleinigen Rekord der Grand-Slam-Titel (20 hat er bereits). Er prägt eine ganze Spielergeneration.

Aber auch genau deswegen sind seine esoterischen Ausflüge ein zweischneidiges Schwert. Denn: Als Tennis-Ikone hat er, ob er will oder nicht, eine Vorbildfunktion. Für Fans und Zuschauer und andere Spieler.

Schon seit Jahren gilt Djokovic als Impfskeptiker, wenn nicht sogar -gegner. Er lehnte die Covid-Impfung ab, auch wenn er seinen Status bislang nicht öffentlich gemacht hat. "Ich persönlich bin gegen Impfungen. Ich möchte nicht, dass mich jemand zwingt, einen Impfstoff einzunehmen, um reisen zu können", sagte er 2020.

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Zwischendurch gab's den Kuschel-Coach

Überhaupt Corona, im ersten Pandemie-Frühjahr geriet Djokovic mit seiner von ihm organisierten "Adria Tour" in negative Schlagzeilen. Statt Maskengebot und Abständen gab's wilde Feierbilder. Mehrere Spieler, auch er selbst, steckten sich damals an. Dafür kassierte er viel Kritik von Außen. Von seiner Seite folgte nur wenig Einsicht.

Statt an Immunisierung durch Impfung glaubt er eher an skurrile Vorgänge. Djokovic ist Freund des Alchemisten und Nahrungsergänzungsmittel-Verkäufer Chervin Jafarieh. In einem Live-Video mit ihm schwadronierte er beispielsweise über die "energetische Transformation" von Essen und Wasser. Aus giftigem Nass werde dann größte Heilkraft. Wissenschaftler hätten bewiesen, so Djokovic, dass die Moleküle auf Emotionen und Worte reagieren würden.

Kurios auch die Zusammenarbeit mit einem weiteren Fitnesstrainer. Das Gastspiel des Mental-Gurus Pepe Imaz dauerte zwei Jahre, soll aber unter anderem auch zur Trennung von seinem damaligen Trainer Boris Becker geführt haben. In diese Zeit fiel auch die Episode, in der Djokovic sich weigerte am Ellbogen operieren zu lassen. Er setzte auf alternative Methoden von Imaz und zögerte den Eingriff immer weiter hinaus – bis es nicht mehr weiterging. Der Mentalcoach Imaz ist zudem dafür bekannt, lange Umarmungen zu empfehlen. Richtig erfolgreich war der Kuschel-Kurs von Djokovic aber nicht. Erst nach einem erneuten Trainerwechsel rappelte er sich wieder auf.

Weitere negative Presse kassierte der Tennisprofi, wenn er sich mal wieder mit Personen trifft, die als serbische Nationalisten mit zweifelhafter Vergangenheit gelten. Es gibt mehrere Fotos davon. Auch hier scheint sich Djokovic aber nicht wirklich um das Bild, das von ihm entsteht, zu scheren.

Jesus, Spartakus, Anführer der freien Welt?

Rückhalt findet Djokovic in der Familie. Das zeigte sich auch nach seinem Einreise-Drama in Australien. Vater Srdjan, Mutter Dijana verteidigten ihren Sohn nun mit pathetischen und überzogenen Vergleichen – kleiner als Spartakus oder gleich Jesus ging es wohl nicht. Vater Djokovic ernannte den Sohnemann folgerichtig dann auch ihn zum "Anführer der freien Welt." Seine Ehefrau Jelena schickte Liebesgrüße. Sie fiel in der jüngeren Vergangenheit damit auf, dass sie auch mal Verschwörungsvideos teilte.

Sie alle aber können nun nicht verhindern, dass er weiter im Einwanderungshotel festsitzt. Grenzschützer hatten sein Visum als ungültig deklariert und annulliert. Seine Anwälte gehen gegen die drohende Abschiebung vor. Vor Montag gibt es keine Entscheidung, ob er in Australien bleiben darf oder in einen Flieger zurückgesetzt wird.

All das wäre einfacher gewesen, wenn er geimpft wäre. Ex-Coach Becker warnte seinen früheren Schützling, dass er gerade einen großen Fehler mache. Er solle sich impfen lassen. Ob es Djokovic überhaupt mitkommen wird? Vermutlich nur, wenn ihn jemand darauf anspricht. Denn nach eigener Aussage konsumiert er schon länger keine Nachrichten mehr. Die Begründung: zu viel Propaganda. (msc)