Nach Baby-Drama in Köln:

So funktioniert eine Babyklappe

In Babyklappen können Mütter ihr Kind anonym abgeben und sich sicher sein, dass das Kind sofort medizinisch versorgt wird.
In Babyklappen können Mütter ihr Kind anonym abgeben und sich sicher sein, dass das Kind sofort medizinisch versorgt wird.
© picture-alliance/ dpa, Marijan Murat

14. Juli 2021 - 17:57 Uhr

Ein aktueller Fall

Erst vor einigen Tagen schockiert der Fall des toten Säuglings in einer Kölner Babyklappe. Wie konnte das passieren? Derzeit fahndet die Polizei mit einem Foto des Handtuches, welches samt Kind abgegeben wurde. Aber wie funktioniert eine Babyklappe generell? Wir sprechen mit Erzieherin Annette Tietze von der Babyklappe Hüllhorst. Sie erzählt uns, was die Hoffnungen und auch die Hürden bei dem Ausweg Babyklappe sind.

Wie ist eine Babyklappe eigentlich aufgebaut?

"Grundsätzlich ist der Aufbau bei allen Babyklappen gleich. Bei manchen gibt es eine Klappe, bei manchen ein Fenster, bei manchen eine Tür, durch die man in einen kleinen Raum eintritt. Das ist bei jeder Einrichtung aufgrund der baulichen Vorrichtungen unterschiedlich. Hinter der Öffnung ist ein Wärmebettchen. Bei uns ist es ein richtiges Babykörbchen, wie man es früher hatte mit einer gewärmten Matratze, auf das das Kind gelegt wird.

Nicht alle Babyklappen sind an Krankenhäusern angebracht. Es gibt Babyklappen, die an Altenheimen, Kinderheimen oder auch an Privathäusern angebracht sind."

Man sieht den Eingang zu einem Raum mit einem Babybettchen drin.
So sieht die Babyklappe in Hüllhorst aus. Es ist ein gesonderter Raum in dem sich ein Babybettchen befindet.
© Privat: Babyklappe Hüllhorst

Wie funktioniert eine Babyklappe?

"Die Mutter bringt es zur Babyklappe, öffnet die Vorrichtung, legt ihr Baby darein und normalerweise wird von diesem Moment ein Signal weitergeleitet. Ein Signal, das über die Telefonanlage oder Lichtschranke an die zuständigen Mitarbeiter gesendet wird. Die Mutter hat eine gewisse Zeit, den Raum/ die Klappe zu verlassen. Es gibt immer eine Zeitverzögerung von 2-3 Minuten, damit die Mutter sich von dem Ort der Übergabe entfernen kann, ohne dass aus Versehen jemand auf die Mutter trifft. Die Abgabe ist immer anonym, außer die Mutter meldet sich halt selbst bei der Babyklappe nochmal und gibt sich zu erkennen. Wenn sie das Kind aber wiederhaben will, muss sie natürlich ihre Anonymität wieder aufgeben.

Sobald die Babyklappe geschlossen ist, ist erstmal entschieden. Um das Kind vor Entfernung von Fremden zu sichern, ist nach dem Schließen eine Sperre drin. Danach wird das Kind von den Verantwortlichen versorgt.

Danach werden die Kinder zu einem Arzt gebracht – egal bei welcher Babyklappe das Kind abgegeben wurde. Damit der Arzt untersucht, wie geht es dem Kind, was braucht das Kind. Was danach passiert, hat sich etwas verändert seitdem es die Babyklappen seit 20 Jahren gibt. Früher war es so, dass das Kind für acht Wochen in der Obhut der Einrichtung blieb, die die Babyklappe anbieten. Heute ist es meistens so, dass die Kinder direkt zu einer Adoptivpflege-Familie kommen. Die passende Familie wird vom Jugendamt ausgesucht und wenn das Kind gesund ist, wird es dorthin gegeben."

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Was passiert, wenn die Mutter sich meldet und das Kind wiederhaben will?

"Laut Gesetz kann selbst bei einer offiziellen Adoption, die Mutter erst nach acht Wochen, die Adoptionspapiere unterschreiben. Das ist so, weil man immer voraussetzt, dass eine Frau nach einer privaten Entbindung eine gewisse Bedenkzeit braucht. Und dafür sind diese acht Wochen vorgesehen, in der sich die Mutter überlegen kann und soll, ob sie diese Adoption durchziehen will. Oder ob die Mutter das Kind doch selber aufziehen will."

Was passiert, wenn die Eltern anonym bleiben und sich dann doch melden?

"Wenn die Eltern des Kindes nicht bekannt sind, also anonym bleiben, wird die Adoption meist ein ganzes Jahr herausgeschoben. Es wird ein Jahr gewartet, ob sich die Eltern melden. Und innerhalb dieses Jahres kann eine Mutter immer noch zurückkommen und sich melden. Da schaut das Jugendamt natürlich genau hin, warum die Mutter das Kind abgegeben hat und warum entscheidet sie sich jetzt doch nachträglich für das Kind. Dafür wird natürlich dann ein DNA-Gutachten gemacht."

Wann wird eine Babyklappe verwendet?

"Oft ist es so, dass sich der Vater aus dem Staub macht, es keine Verwandten gibt, die eingreifen könnten – oder sich die Mutter in einer schwierigen Situation befinden. Dann ist die Babyklappe manchmal der einzige Ausweg. Wenn die Mutter sagt, nein es geht nicht, weil meine private Situation so schwierig ist, so dass ich selbst nicht damit klarkomme. Ich kann dem Kind kein gutes Aufwachsen garantieren. Deswegen entscheide ich mich vom Kind zu trennen – schweren Herzens, um dem Kind eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Das ist bei allen Müttern so, dass sie drauf achten, dass ihr Kind nicht zu Schaden kommt – egal auf welche Weise, sie das Kind zur Welt bringen.

So können sie ihrem Kind einen guten Start ins Leben geben. Ohne dass sie als Mutter und Frau oder das Kind irgendwie zu Schaden kommt. Ich denke, dass die Babyklappe immer ein Weg ist, der mit Hoffnung verbunden ist. Es gibt immer die Möglichkeit, dass die Mutter sich melden kann und es ist auch für das Kind hoffnungsvoll."

Wie oft werden Babyklappen verwendet?

"Nicht jede Babyklappe geht offen mit den Daten um, wie viele Kinder in Babyklappen abgegeben werden. Die behalten die Zahlen für sich, deswegen sind die genauen Zahlen nicht ganz klar. Wir halten das in einer Liste fest über die Berichte, die an die Öffentlichkeit gelangen. Es war aber eine Steigerung zu sehen.

Zwischen 2000 und 2004 waren es 61 Kinder.

2004 bis 2009 waren es 113.

2009 bis 2014 schon 136.

Von 2014 bis 2019 waren es 100.

Und für 2020 und 2021 liegt die Zahl derzeit bei 29 Kindern.

Schätzungsweise kann man aber nochmal um die 100 Kinder dazu zählen, die abgegeben wurden und es die Babyklappe einfach nicht bekannt gemacht hat."

Was sind die Hürden bei einer Babyklappe?

"Im Normalfall gibt es Wegweiser und Hinweisschilder, damit die Mütter diese Klappe leicht finden können. Beispielsweise wenn eine Babyklappe auf einem großen Krankenhausgelände ist. Manchmal sind die Babyklappen aber auch sehr versteckt. Bei manchen ist es eben auch so, dass die Babyklappen sehr nahe am Haupteingang sind, was ich persönlich als unglücklich empfinde. Weil dort viel Publikumsverkehr ist und die Mütter sich leicht beobachtet fühlen können. Bei anderen ist es aber so, dass sie sehr weit abgelegen sind, dass die Mütter erst eine Wegstrecke zurückzulegen haben, was nicht hilfreich ist. Wenn man dort in der Nacht rumlaufen muss, kann das eine Frau auch ängstigen. Jede Einrichtung muss darüber aber selbst nachdenken."

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