RTL News>

Mythos Streif - zwei Minuten durchs Ski-Inferno, zwischen Heldensaga und Horrorsturz

Von Helden und brutalen Stürzen

Mythos Streif - zwei Minuten durchs Inferno

Kitzbühel-Abfahrt
Steil, gefährlich, bisweilen brutal - die Abfahrt auf der Streif in Kitzbühel
deutsche presse agentur

von Tobias Nordmann

Mausefalle, Steilhang, Hausbergkante, Traverse – Pistenabschnitte aus der Hölle. Zwei Minuten auf zwei Brettern am Anschlag, Tempo bis zu 150 km/h. Angst, Adrenalin, die Streif. Wer hier siegt, wird zur Legende. Wer hier fliegt, der landet im Spital.

Brutale Stürze en masse

Josef Ferstl war der erste, der abflog. Und das ist im doppelten Wortsinn zu verstehen. Der deutsche Speed-Spezialist war im ersten Training an der Ausfahrt des Steilhangs der Sicherheitsplane zu nahe gekommen, verlor daraufhin die Kontrolle über seine Skier und stürzte. Per Helikopter ging es ins Krankenhaus. Dort aber gab es Entwarnung. Prellungen, verkrampfte Muskeln und eine leichte Abschürfung, ein "harmloses" medizinisches Bullentin für einen Abflug auf der Piste am Hahnenkamm. Weit mehr als 20 brutale Stürze gab es in den vergangenen drei Jahrzehnten auf der legendärsten Abfahrt im Weltcup-Zirkus.

Beinahe Jahr für Jahr werden Sportler und Zuschauer daran erinnert, dass die "Streif" keine Fehler verzeiht. Im vergangenen Jahr erwischte es den Schweizer Urs Kryenbühl. Der 27-Jährige, der in seiner Karriere schon drei Mal auf dem Weltcup-Podium stand, verlor beim letzten Sprung die Kontrolle. Bei rund 140 Stundenkilometern schlug er mit dem Kopf hart auf und blieb schließlich im Zielraum reglos liegen. Kryenbühl erlitt eine schwere Gehirnerschütterung, einen Bruch des rechten Schlüsselbeins sowie einen Riss des Kreuz- und Innenbands. Er war nicht der Einzige, den es 2021 auf der "Geister-Streif" erwischte. Der Amerikaner Ryan Cochran-Siegle fand in der brutalen Traverse keinen Halt und flog spektakulär ab. Seine Diagnose: Wirbelfraktur.

Aber es geht alles noch härter, noch schlimmer, noch gnadenloser. So wie bei Hans Grugger. Der Österreicher verliert 2011 während eines Trainingslaufs in der Mausfalle das Gleichgewicht. Er schlägt hart auf Rücken und Kopf auf. Lebensgefahr, Koma, Karriereende. Oder aber bei Daniel Albrecht. Sein Sturz beim Zielsprung, so sagte der Schweizer einmal in seiner Erinnerung, "war eigentlich ein sehr kleiner Fehler. Ich hätte sterben können." 2009 war das. Lungenquetschungen, schweres Schädel-Hirn-Trauma, fast vier Wochen Koma. Aber er überlebt. Zwei Jahre später fährt Albrecht wieder Weltcuprennen. Erfolgreich ist er nicht mehr, aber glücklich: "Dass ich es nach meinem Unfall nochmals in den Weltcup geschafft habe, stufe ich sehr hoch ein und das Wichtigste: Ich kann gesund aufhören!" Sätze, die für Gänsehaut sorgen.

Daniel Albrecht of Switzerland crashes during the third practice downhill session at the 'Streif' in Kitzbuehel, Austria, 22 January 2009. EPA/Robert Jaeger +++(c) dpa - Bildfunk+++
Der Schweizer Daniel Albrecht schlug 2009 auf der Streif brutal auf
dpa, A2918 epa apa Robert Jaeger

Nur 1000 Schaulustige erlaubt

Die Faszination für diesen fast zweiminütigen Ritt durch die Hölle ist ein ständiger Thrill, einer, der keine Pause kennt. Nicht für den Fahrer, der nicht eine Millisekunde den Fokus und die Körperspannung verlieren darf, und auch nicht für den Zuschauer, der sich für die maximale Risikobereitschaft der Abfahrer begeistert - immer mit einkalkuliert, dass einer der Mutigen das Risiko mal zu sehr herausfordert. So gnadenlos das klingt, die Stürze machen einen Teil des Mythos aus, der dieses Rennen seit jeher umweht. Die Faszination für das Gefährliche ist Teil der menschlichen Neugier. Natürlich setzt sich der Mythos noch aus weiteren Puzzleteilen zusammen. Da sind vor allem die wilden Helden auf den Brettern. Der Kampf der Besten um den prestigeträchtigsten Sieg im Weltcup. Und da sind die fanatischen Zuschauer. Ein wilder Mix aus Prominenz, aus Reichen und Verrückten. Dieses Puzzleteil passt aber auch 2022 nicht so richtig.

Lediglich 1000 Zuschauer sind auf der mächtigen Stahlrohrtribüne zugelassen. Sie müssen geimpft oder genesen sein und sind nur mit negativem PCR-Test zugelassen. Sponsoren, Offizielle, Stammgäste - keine Superstars, keine Fans ohne herausgehobenen Status. In Kitzbühel grassiert das Virus heftig. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt über 3000. Überall herrscht Maskenpflicht. Die Polizei hat angekündigt, rund um die Rennen sehr präsent zu sein und alle Partys zu unterbinden. Partys, die sind auch so ein Teil dieses Mythos "Streif".

Der wird allerdings in diesem Jahr von den Organisatoren ein wenig verwässert. Wie bereits im vergangenen Jahr wird es zwei Abfahrten (aufgrund der Wetterprognose mit viel Neuschnee am traditionellen Rennsamstag werden die Abfahrten Freitag und Sonntag ausgetragen) geben. 2021 war Kitzbühel mit dem zweiten Rennen für die ausgefallene Lauberhornabfahrt eingesprungen. In diesem Jahr war der Doppelpack allerdings frühzeitig geplant. Grund dafür: Die Veranstalter wollten so das ursprünglich erwartete, massive Besucheraufkommen auffangen. Bis zu 50.000 Menschen war in vor Pandemie-Zeiten dabei.

Das Problem des Plans: Die Einzigartigkeit des Siegs geht verloren. Mutmaßlich gilt es Ehre und Anerkennung zu teilen, auch wenn vergangenes Jahr der Schweizer "Kugelblitz" Beat Feuz das historische Doppel feiern konnte. Unter anderem Thomas Dreßen, der 2018 überraschend gewann, kann diesem Plan wenig Gutes abgewinnen.

Thomas Dreßen
Thomas Dreßen siegte 2018 sensationell in Kitzbühel
deutsche presse agentur
Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Warum tut man sich das an?

Den Fahrern kann und muss das egal sein. Wenn sie sich aus dem Starthaus wuchten dauert es vier Sekunden, ehe sie auf 100 km/h beschleunigt haben. Knapp zwei Minuten und 3312 Meter dauert der Ritt am Limit. Nur in der Gleitpassage Gschöss gibt es eine kurze Verschnaufpause. "Du brauchst Kraft und Konzentration, um etwas zu besiegen, vor dem du Angst hast", sagt der Kanadier Eric Guay.

Das Zitat stammt aus dem 2014 erschienen Film "Streif - One Hell of a ride". Mausefalle, Karussell, Steilhang, Hausbergkante, Traverse, Zielschuss - Pistenabschnitte aus der Hölle, Gefälle bis zu 80 Prozent, Sprünge über 30, 60, 70 Meter ins gefühlte Nichts. Für wen das verlockend klingt, der muss verrückt und voll bei sich sein. "Bevor du einen Rückzieher machst, ist es am Gescheitesten, du schnallst ab und gehst heim", sagte der Österreicher Max Franz einmal. Auch er kennt die Gnadenlosigkeit der Piste. Auch ihn hatte die "Streif" schonmal abgeworfen. So nennen es die Speedstars. Die Fahrt ist eben nicht nur ein Kampf um Sekunden, sondern auch ein Ritt mit dem eigenen Risiko. Es gilt die Piste zu "bezwingen". Möglichst schnell natürlich. Franz erholte sich und kam wieder. Immer wieder.

Es ist die ewige Sucht nach dem Adrenalin-Maximum, das die Fahrer antreibt. "Da ist dieser Kick. Es ist das schönste Glücksgefühl, durch das Ziel zu fahren und eine so schwierige Aufgabe gemeistert zu haben. Diesen Mut haben nur wenige", erklärte der Schweizer Rekordsieger Didier Cuche (fünf Erfolge) vor einigen Jahren gegenüber der "WAZ". Es sei "ein Ritt durchs Inferno." Eine heilige Kuh des Alpinsports. Und so reagieren die Fahrer äußerst empfindlich, wenn mal wieder darüber diskutiert wird, ob das Spektakel vielleicht doch zu gefährlich ist. Ob Abschnitte entschärft werden müssen. So wie 2022. Der Hausberg und die Einfahrt in die Traverse, in der Vergangenheit häufig Schauplatz schwerer Stürze, wurden etwas umgestaltet. "Es ist eine Kurve, eine Passage. Es ist nicht so, dass Kitzbühel neu erfunden wurde", sagte Feuz, der auch in diesem Jahr zu den Favoriten zählt. DSV-Star Romed Baumann findet derweil, dass die Piste am Hahnenkamm in einem "hervorragenden" Zustand ist. "Es war unruhig, aber nicht sinnlos, sondern einfach fordernd, richtig cool."

Ob die Änderung unbedingt erforderlich war, darüber gibt es unter den Fahrer sehr unterschiedlichen Ansichten. Niemand möchte sich schließlich sagen lassen, dass er auf der leichteren Streif zum Helden geworden war.

Quelle: ntv.de