Unterstützung von Djokovic, Unverständnis aus China

Nach mysteriösem Verschwinden von Peng Shuai: Alle Damen-Turniere in China abgesagt

Peng Shuai
Peng Shuai
© REUTERS, Kim Hong-Ji, MB

02. Dezember 2021 - 13:42 Uhr

Was ist mit Peng Shuai passiert?

Der mysteriöse Fall um die vermisste chinesische Tennis-Spielerin Peng Shuai beschäftigt die Tennis-Welt weiter. Die WTA hat jetzt in der Folge ernst gemacht und will keine Tennis-Turniere mehr in China und Hongkong spielen. Die Vereinigung der Berufsspielerinnen ist weiter um das Wohl von Peng Shuai besorgt. Für den Weltsport könnte der Boykott Folgen haben.

Keine Turniere mehr in China

Weil die Signale aus China zum Schicksal der Tennisspielerin Peng Shuai ihr nicht ausreichen, hat die WTA ernst gemacht und alle Turniere in dem Land ausgesetzt. Den entsprechenden Schritt, der auch Veranstaltungen in Hongkong umfasst, gab der Chef der Frauen-Profi-Tennis-Organisation, Steve Simon, am Mittwochabend bekannt. Der US-Nachrichtenagentur AP sagte er zudem, dass diese Entscheidung auch über das Jahr 2022 hinaus gelten könnte. "Das ist ein organisatorischer Versuch, der wirklich etwas anspricht, bei dem es darum geht, was richtig und falsch ist", sagte er.

Erster öffentlicher Affront gegen China

Keine andere Sportorganisation hat sich bislang öffentlich so offensichtlich mit dem Olympia-Gastgeberland angelegt. China ist mit einer Reihe von Veranstaltungen wichtiger Geldgeber der Damen-Tour. Mit der Stadt Shenzen gibt es einen laufenden Zehnjahresvertrag über die Austragung der WTA-Finals. Ein Ende der Beziehungen könnte die WTA Millionen kosten. Gut zwei Monate vor der Eröffnungsfeier in Peking nimmt damit auch der Druck auf das Internationale Olympische Komitee zu, das für seinen Umgang mit der unklaren Situation ohnehin schon deutliche Kritik abbekommt.

Peng Shuai, die frühere Nummer eins der Doppel-Weltrangliste hatte Anfang November im sozialen Netzwerk Weibo Vorwürfe wegen eines sexuellen Übergriffs durch einen chinesischen Spitzenpolitiker veröffentlicht. Ihr Post wurde bald danach gelöscht. Seither äußerten Sportler, Politiker und Menschenrechtler Sorge um das Wohlergehen der Tennisspielerin. Die WTA vermutet, sie wird unter Druck gesetzt und kann sich nicht mehr frei bewegen.

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FILE PHOTO: Chinese tennis player Peng Shuai signs large-sized tennis balls at the opening ceremony of Fila Kids Junior Tennis Challenger Final in Beijing, China November 21, 2021, in this screen grab obtained from a social media video. TWITTER @QING
Dieses Foto soll Peng Shuai vor Kurzem bei einem Tennis-Turnier zeigen: Gesprochen hat sie dort aber mit niemandem.
© via REUTERS, via TWITTER @QINGQINGPARIS, /FW1F/Bernadette Baum

Internationale Unterstützung für den China-Boykott

Barbara Rittner lobte den Schritt der WTA als eine der ersten. "Das ist ein konsequentes und vorbildliches Handeln. Es muss alles getan werden, um das Wohl der Spielerinnen zu garantieren. Das ist auch ein Zeichen an die junge Generation, dass die WTA Verantwortung übernimmt. Ich bin stolz auf die WTA", sagte Deutschlands Tennis-Chefin der "Süddeutschen Zeitung".

Auch Tennis-Star Novak Djokovic freut sich über das rigorose Handeln der WTA. "Ich unterstütze die Haltung der WTA voll und ganz, weil wir nicht genug Informationen über Peng Shuai und ihr Wohlergehen haben", sagte die Nummer eins der Welt am Rande des David Cups in Madrid und fügte hinzu, dass die Gesundheit von Peng Shuai für die Tenniswelt von "größter Bedeutung" sei.

Djokovic hatte sich bereits im vergangenen Monat hinter die Drohung der WTA gestellt, die lukrativen Geschäftsbeziehungen mit China wegen des Falles zu kappen. "Ich denke, die Position der WTA ist sehr mutig", sagte der Serbe.

 December 1, 2021, MADRID, MADRID, SPAIN: Novak Djokovic of Serbia celebrates the victory during the Davis Cup Finals 2021, Quarter Final, tennis match played between Serbia and Kazakhstan at Madrid Arena pabilion on December 01, 2021, in Madrid, Spa
Novak Djokovic unterstütz das Handeln der WTA.
© imago images/ZUMA Wire, Oscar J. Barroso via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Unverständnis aus China

"Mit gutem Gewissen sehe ich nicht, wie wir unsere Athleten fragen können, dort anzutreten, wenn Peng Shuai nicht erlaubt ist, frei zu kommunizieren", hatte WTA-Chef Simon erklärt. Peng Shuai werde anscheinend unter Druck gesetzt, ihre Vorwürfe der sexuellen Übergriffe zu widerrufen. "Wenn mächtige Menschen die Stimmen von Frauen unterdrücken können und Vorwürfe von sexuellem Missbrauch unter den Teppich kehren, dann würde das Fundament, auf dem die WTA gegründet wurde - Gleichberechtigung für Frauen - einen immensen Rückschlag erleiden», schrieb Simon. «Ich werde und kann nicht zulassen, dass dies der WTA und ihren Spielerinnen widerfährt."

Die chinesische Regierung hat mit Unverständnis auf die Absage der Tennisturniere der WTA im Zuge des Falls Peng Shuai reagiert. "Wir sind entschieden dagegen, dass der Sport politisiert wird", antwortete Außenministeriumssprecher Wang Weibin kurz und knapp auf die entsprechende Frage von Reportern.

Und was ist mit Olympia in Peking?

Zusätzliche Brisanz erhält der Fall durch die bevorstehenden Winterspiele in Peking im Februar und die ohnehin anhaltende Kritik am Gastgeber-Land. Das Internationale Olympische Komitee mit seinem deutschen Chef Thomas Bach könnte durch das Vorgehen der WTA in Zugzwang geraten. Die designierte Außenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) schloss einen Boykott der Olympischen Winterspiele in Peking nicht kategorisch aus. Auf die Frage, wie sie zu einem Boykott stehe, sagte sie in einem Interview der "tageszeitung": "Wenn ich sehe, wie Chinas Führung mit der Tennisspielerin Peng Shuai umgeht oder mit der verhafteten Bürgerjournalistin Zhang Zhan, sollten wir natürlich auch die Olympischen Spiele genauer in den Blick nehmen. Da gibt es für Regierungen unterschiedliche Formen des Umgangs, die in den kommenden Wochen sicherlich diskutiert werden."

Peng Shuai selbst hat sich seit ihrem Verschwinden im November nicht an die Öffentlichkeit wenden können. Zwischenzeitlich waren Fotos und auch Videos von ihre aufgetaucht, die ihre Unversehrtheit und ihr Wohlbefinden beweisen sollen- allerdings alle gepostet von der Regierung Chinas nahestehenden Accounts. Deshalb bestehen Zweifel an der Echtheit dieser Aufnahmen. Bis sich Peng Shuai nicht selbst an die Öffentlichkeit wendet, wird sich die Welt weiter Sorgen machen. (dpa/sid/lgr)