Mirco (†10): "Ich baue mir eine Leiter zum Himmel"

© dpa, Federico Gambarini

20. Oktober 2014 - 20:16 Uhr

Von Linda Görgen

Vor zwei Jahren, am 3. September 2010, verschwindet der fröhliche Mirco (†10) auf dem Heimweg. Darauf folgt die bislang größte Suchaktion in der Geschichte der Bundesrepublik. Ganz Deutschland nimmt Anteil an dem Schicksal von Familie Schlitter aus dem niederrheinischen Grefrath und hofft und bangt, dass der Zehnjährige doch noch wohlbehalten nach Hause kommt. Doch der Junge mit dem Lausbuben-Lachen bleibt verschwunden. Nach 145 Tagen voller Hoffnung und Gebete dann die furchtbare Gewissheit für Mircos Eltern: Ihr Junge kehrt nicht zurück. Er ist tot. Er wurde entführt, missbraucht und erdrosselt.

Sandra und Reinhard Schlitter haben mit dem Journalisten Christoph Fasel nun ein Buch geschrieben, in dem sie die Menschen an ihrem Schicksal teilhaben lassen. Mit 'Mirco - Verzweifeln. Vertrauen. Verzeihen.' ('adeo'-Verlag) wollen sie ihrem Jungen aber kein Denkmal setzen, sondern vielmehr versuchen, anderen Menschen zu helfen, "die das Leben ebenfalls auf schwierige Wegstrecken geführt hat oder führt", heißt es im Vorwort. Im Detail beschreiben die vierfachen Eltern, wie sie und Mircos Geschwister das größte denkbare Unglück, das einer Familie widerfahren kann, erlebten und vor allem überlebten.

Die Leser lernen viel Persönliches von dem Jungen kennen, der durch seinen Tod traurige Berühmtheit erlangte. Man erfährt vieles über den Jugendlichen hinter dem Lausbuben-Lachen, den die meisten Menschen nur von dem Bild auf der Suchanzeige kannten: seine Träume und seine Pläne für die Zukunft. Über die Arbeit in einem Reitstall hatte Mirco seine Leidenschaft für die Landwirtschaft entdeckt und ging voll und ganz darin auf. Seine Freizeit verbrachte er auf einem Bauernhof, auf dem er helfen durfte, und war sich nach kurzer Zeit sicher, dass er einmal Landwirt werden wollte, wenn er erwachsen wäre.

"Wir werden Mirco wiedersehen"

Von Mircos Geburt bis zu seinem Tod lassen die Schlitters die Leser an seinem Leben teilhaben und schildern natürlich auch den Morgen am Tag X, als sie merkten, dass ihr Sohn nicht in seinem Bett lag, sondern verschwunden war. Beeindruckend offen gewähren Sandra und Reinhard Schlitter abwechselnd Einblicke in ihre Erinnerungen und Gefühle.

Mircos Mutter erinnert sich nach dem Mord an ihrem Sohn an eine Begebenheit, die sich im Sommer – kurz vor seinem Verschwinden – zugetragen hatte: "Mirco hatte sich eine (…) Leiter aus unserem Schuppen geholt und experimentierte damit auf dem Spielplatz hinter unserm Haus herum, als meine Tante Marita vorbeikam und interessiert zusah, was er da machte. Mirco spielte mit der Leiter, versuchte, ungewöhnliche Verwendungsmöglichkeiten dafür zu finden und steckte sie mit beiden Sprossen fest in den Boden. Dann kletterte er hinauf und turnte daran herum. Als Marita das sah, sprach sie Mirco an: 'Das sieht ja ziemlich gefährlich aus, mein Junge! Was soll denn das werden?' Mirco antwortete, ohne seine waghalsigen Turnübungen zu unterbrechen: 'Ich baue mir eine Leiter zum Himmel!'" Und sie erinnert sich an einen Besuch im Beerdigungsinstitut, als Mircos Uroma gestorben war: Der neugierige Junge hatte sich in den Aufbahrungsräumen umgesehen und dann zu seiner Mutter gesagt: "Mama, wenn ich mal sterbe, möchte ich das mediterrane Zimmer." Dass dies so bald zur schrecklichen Wirklichkeit werden würde, hatte damals natürlich niemand geahnt.

Sandra und Reinhard Schlitter schreiben auch über den Moment, in dem sie erfuhren, dass ihr Junge nie mehr heimkehren würde, von ihrer ersten Begegnung mit seinem Mörder, Olaf H., vor Gericht, und von der Kraft, die sie durch die Anteilnahme von Familien und Freunden und all den Menschen, die für sie mit hofften, erfahren haben.

Der starke Glaube der Familie war von Anfang an auch in den Medien präsent und hat der Familie offenbar geholfen, nicht an dem Geschehenen zu zerbrechen. Reinhard Schlitter schreibt: " Wir sind eine ganz gewöhnliche Familie, die das Leben in eine außergewöhnliche Situation geworfen hat. Das Schlimmste, was einer Mutter, einem Vater und den Geschwisterkindern geschehen kann, haben wir durchlitten. Wir hatten keine Zeit, uns auf diese Katastrophe einzustellen. Wir haben keine Gebrauchsanweisung dafür mitbekommen, wie man trotz eines solchen Erlebnisses weiterleben kann. Wir hatten nur eine Chance: Das Schicksal so anzunehmen, wie es vor uns stand." Und Mircos Mutter schreibt: "Uns bleibt eine große Hoffnung: Wir glauben, dass Gott Mirco an seine Hand genommen hat, um ihm den Himmel zu zeigen. Wir werden Mirco wiedersehen."



Linda Görgen entdeckte schon während der Schulzeit den Journalismus für sich, als sie bei der Lokalzeitung in ihrer niederrheinischen Heimat erstmals Redaktions-Luft schnupperte. Nach dem Studium und einem Volontariat beim Fernsehen zog es sie zunächst nach London, wo sie im RTL-Außenstudio hospitierte. Sie ist bereits seit 2007 festes Mitglied der Redaktion - anfangs als Studentin, später als Redakteurin. Hier kümmert sie sich zudem um die Betreuung der Praktikanten. Nach Feierabend trifft man sie beim Sport, beim Eishockey und auf Konzerten, wenn sie nicht gerade den Koch- oder Backlöffel schwingt. Letzteres auch sehr zur Freude ihrer Kollegen.