Zum Wahlkampf der AfD

Das Potential ist ausgeschöpft!

Tino Chrupalla, stv. Vorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion und Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Alice Weidel,
Tino Chrupalla, stv. Vorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion und Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Alice Weidel,
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26. Mai 2021 - 20:32 Uhr

AfD: Joachim Wundrak und Joana Cotar hatten keine Chance

Ein Kommentar von Leonard Geßner

Nun hat auch die AfD ihre Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl bestimmt. Eine Überraschung? Nein. Eine Richtungsentscheidung? Auf jeden Fall. Zwei Teams und zwei Strömungen, die gegeneinander angetreten sind. Nur stand das Gewinnerteam eigentlich vorher schon fest - der höchstens bei Parteifreunden bekannte Joachim Wundrak und die Digitalpolitikerin Joana Cotar hatten gegen den Parteivorsitzenden und das Aushängeschild der Partei keine Chance. Der Rechtsaußen-Rand der Partei hat über die "Gemäßigten" gesiegt, und zwar deutlich.

Die Schlüsselfigur ist für mich Alice Weidel

Leonard Geßner (16) ist Journalist, Podcaster und Autor.
Leonard Geßner (16) ist Journalist, Podcaster und Autor.
© RTL, Leonard Geßner

Aus taktischer Sicht hätte ein anderer Ausgang aber auch keinen Sinn gemacht. Die Schlüsselfigur ist Alice Weidel, die im Wahlkampf auch die führende Rolle übernehmen wird. Sie ist das bekannteste Gesicht der Partei und zweifelsfrei eine gute Rednerin - das erkennen sogar ihre ärgsten politischen Gegner an. Unter den jungen Menschen, die sich zumindest ein bisschen politisch interessieren, ist sie genauso bekannt, wie bei älteren Generationen.

Wäre sie allein, hätte sie vielleicht die Möglichkeit, unzufriedene Wähler rechts der Mitte zur AfD zu ziehen. Aber sie ist nicht allein, die Reihen der AfD sind gut gefüllt mit skandalträchtigem Personal. Dass sich die Abgeordneten nur "informieren" wollen, glaubt sie wahrscheinlich selbst nicht und ist eine lächerliche Ausrede. Doch was soll sie dazu sagen? Blöd nur, dass die Berliner AfD erst kürzlich erklärte, dass sie der parlamentarische Arm der "Querdenker-Demos" sei, was Weidel gegenüber Markus Lanz aber abstritt. Das wird während des Wahlkampfes zu einem großen Problem für Weidel und Chrupalla werden. Wie geht man mit denen um, die regelmäßig die Grenze überschreiten – beispielsweise, wenn ein Abgeordneter eine sichtlich durchlöcherte Maske trägt (und dann mit einer Coronainfektion auf der Intensivstation landet)? Wie oft kann Weidel sich glaubhaft distanzieren?

Bei der letzten Wahl hat die AfD es am besten unter den Parteien verstanden, in den sozialen Medien für sich zu werben und sich zu inszenieren. Doch dieses Mal werden die Karten neu gemischt - die anderen haben dazugelernt und sind vorbereitet. Es wird spannend, ob die AfD die sozialen Medien, auch dieses Mal, zu einem entscheidenden Faktor für sich machen kann.

AfD will "neue soziale Frage" in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfes stellen

Thematisch will die AfD die "neue soziale Frage" in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfes stellen, sich also um die Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie kümmern, denn laut Weidel stehen "ganze Industriezweige vor der Pleite". Ein sehr kluges Manöver, um Wähler aus der Mittelschicht zu gewinnen, die vielleicht von Arbeitslosigkeit durch die Pandemie betroffen sind oder sich davor fürchten. Wären da nicht die Beschlüsse des letzten Parteitages. Hier einigte man sich auf den Dexit als Ziel der Partei, also den Austritt Deutschlands aus der EU. Dass das keine mehrheitsfähige Position einer Volkspartei ist (ja, so bezeichnete Tino Chrupalla die AfD wirklich), wird sich im Wahlergebnis niederschlagen. Eine ernsthafte Alternative bietet man so den "gemäßigten" Wählern nicht.

Diese Bundestagswahl ist eine Richtungsentscheidung, und viele Wähler werden sich überlegen, ob sie ihre Stimme einer Partei geben, die in keiner realistischen Konstellation Teil der Regierung wird oder lieber eine andere Partei wählen, um ein bestimmtes Bündnis zu verhindern. Die AfD muss sich überlegen, welche Wählergruppen sie ansprechen möchte. Mit der Wahl von Weidel und Chrupalla hat sie erstmal eine Entscheidung getroffen: Es ist vor allem der rechte Rand der Wählerschaft und geografisch der Osten Deutschlands. Das heißt aber auch: So lange Björn Höcke, Anführer des nur formal aufgelösten Rechtsaußen-"Flügels" der AfD, ein Machtfaktor in der Partei ist, wird die AfD nicht über die Rolle als Protest- und Oppositionspartei hinaus kommen.

Die Prominenz der beiden Kandidaten tut dem Wahlkampf und dem allgemeinen Interesse an der Bundestagswahl gut. Jedoch setzt die AfD die Hürden für potentielle Wähler aus dem "gemäßigten" Lager selbst zu hoch - zu extrem sind einige der Positionen und zu viele Sonderlinge sind Teil der Partei. Man kann die Maßnahmen gegen die Erderwärmung kritisieren und in Frage stellen, doch muss man gleich den menschengemachten Klimawandel leugnen? Es gibt genug Menschen, die die Maßnahmen ebenfalls für falsch halten, den menschengemachten Klimawandel aber nicht leugnen wollen. Konstruktive Lösungsvorschläge gab es während der Pandemie auch nicht, man war einfach immer dagegen. Die AfD wird es schwer haben, das letzte Wahlergebnis aus dem Jahr 2017 zu steigern und wird sich eher darauf fokussieren müssen, nicht allzu viele Stimmen zu verlieren, denn das Potential ist erstmal ausgeschöpft…