Was Eltern jetzt wissen müssen

Kinder haben zu viele Chemikalien im Blut: Wie gefährlich ist das?

Auch Outdoorkleidung wird mit PFAS-Chemikalien beschichtet.
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07. Juli 2020 - 17:55 Uhr

Hohe Konzentration im Blut könnte die Neigung zu Infekten erhöhen

Viele Kinder und Jugendliche in Deutschland haben zu viele langlebige Chemikalien im Blut. Davor warnt jetzt das Umweltbundesamt (UBA). Bei mehr als jeder fünften Probe, die im Rahmen der Deutschen Umweltstudie zur Gesundheit genommen wurde, war die Konzentration sogenannter PFAS zu hoch. Was Eltern jetzt wissen müssen.

Was ist das überhaupt?

Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) und Perfluoroctansäure (PFOA) sind Industriechemikalien. PFOS wurde bis zum Jahr 2006 etwa als Ausgangsmaterial zur Herstellung von schmutz-, fett- und wasserabweisenden Oberflächenbehandlungen von Teppichen, Polsterungen, Outdoorjacken und Verpackungen aus Pappe und Papier und in Feuerlöschmitteln verwendet. Im Jahr 2006 schränkte die Europäische Kommission aber den Gebrauch von PFOS stark ein, so dass seitdem die Substanz nur noch in wenigen Spezialanwendungen (z. B. in der Raumfahrt) erlaubt ist. PFOA hingegen darf noch bis ins Jahr 2020 verwendet werden. Die Industrie benutzt sie, um Antihaftbeschichtungen für Bratpfannen herzustellen und um Kleidung, wie Outdoorjacken, wasser-, öl- und schmutzabweisend zu machen. Ab dem Jahr 2021 darf PFOA, deren Salze und Vorläuferverbindungen weder hergestellt noch in den Verkehr gebracht werden, so das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Darf ich jetzt keine Outdoorjacken mehr kaufen?

Neben den fluorchemiefreien Varianten für die wasserabweisende Ausrüstung von Bekleidung ist durch die neue Technologie "C6-Fluorchemie" der Restgehalt an PFOA reduziert worden, so dass nur noch Spuren davon im Produkt nachgewiesen werden. PFOA ist nicht fest an die Textilfaser gebunden und kann beim Gebrauch oder Waschen der Kleidung freigesetzt werden. Aus Sicht des BfR stellt das Tragen einer nach dem neuesten Stand der Technik hergestellten Jacke nach jetzigem Kenntnisstand kein gesundheitliches Risiko dar, da zudem die Haut eine gute Barriere für PFOA darstellt.

Wie nehmen wir die Chemikalien überhaupt auf?

PFAS sind sowohl in pflanzlichen als auch in tierischen Lebensmitteln nachweisbar. Verbraucherinnen und Verbraucher nehmen über unterschiedliche Lebensmittelgruppen PFAS auf: Relevant sind Trinkwasser, Fisch und Meeresfrüchte. Weitere tierische Produkte, insbesondere Innereien, aber auch Milch und Milchprodukte sowie pflanzliche Lebensmittel können messbare Gehalte an PFAS aufweisen. Im Vergleich zu Fleisch werden in Innereien höhere Gehalte an PFAS nachgewiesen. Da aber Innereien in Deutschland verhältnismäßig selten verzehrt werden, spielt die Aufnahme von PFAS über diese Lebensmittel für die Gesamtaufnahme gegenüber PFAS eine untergeordnete Rolle, so das BfR.

Muss ich jetzt meine Ernährung umstellen?

Für Verbraucherinnen und Verbraucher ist es nur begrenzt möglich, ihren Kontakt mit bzw. ihre Aufnahme von PFOA und PFOS zu beeinflussen. Dies gilt insbesondere für Lebensmittel und Trinkwasser. Eine diesbezügliche Umstellung der Ernährungsgewohnheiten ist nicht nötig, rät das Bundesamt für Risikobewertung weiter.

Ich bin eine stillende Mutter. Kann ich PFAS auf mein Baby übertragen?

PFOA und PFOS sind in niedrigen Gehalten in Muttermilchproben aufgrund der internen Belastung der Mütter zu erwarten und auch nachgewiesen worden. Eine gesundheitliche Beeinträchtigung durch PFOA und PFOS ist dennoch bei gegenwärtigem Expositionsniveau in Deutschland nicht zu erwarten, so das BfR.

Ist mein Kind jetzt generell gefährdet?

PFAS stehen schon lange im Verdacht, dass die Stoffe das Risiko für Asthma, Schilddrüsenerkrankungen und Krebs erhöhen und bei Kindern für ein verspätetes Einsetzen der Pubertät sorgen beziehungsweise die Fortpflanzungsorgane von Menschen verändern. Erhöhte Konzentrationen mancher PFAS im menschlichen Blut können zudem Wirkungen von Impfungen vermindern, die Neigung zu Infekten erhöhen, die Cholesterinwerte erhöhen und bei Nachkommen ein verringertes Geburtsgewicht zur Folge haben. Aus Sicht des Bundesinstituts für Risikobewertung besteht hier aber weiterer Forschungsbedarf, um wirklich abschätzen zu können, inwieweit die Stoffe gesundheitsschädlich sind.