4. Mai 2018 - 14:48 Uhr

Obdachlose Jugendliche mussten zu pädophilen Pflegevätern

Aus heutiger Sicht fragt man sich: Wie kann man nur auf so eine schreckliche Idee kommen? In den 1970er Jahren gab es in Deutschland ein Modellprojekt, bei dem Kinder und Jugendliche bewusst an pädophile Pflegeväter vermittelt wurden. Die meisten waren Teenager, die vorher in Berlin auf der Straße lebten. Viele der Opfer leiden bis heute – zwei von ihnen haben jetzt den Mut gefunden über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen.

Helmut Kentler leitete das Projekt

Der umstrittene Sexualwissenschaftler Helmut Kentler, der noch bis 1996 an der Leibniz Universität Hannover lehrte, war der Leiter des Projekts. Auch das West-Berliner Jugendamt unterstützte das 'Kentler-Experiment'. Der Wissenschaftler "vertrat über Jahre hinweg die Überzeugung, dass sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen nicht schädlich sind."

Jahrzehntelang stellte niemand die wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraften Pflegeväter infrage. Nach außen hin lief ja alles gut. Die Kinder waren weg von der Straße und mussten nicht in Heimen untergebracht werden und auch die Pädophilen wurden nicht erneut straffällig – zumindest nicht mit unbeteiligten Kindern. Sie hatten ihre Opfer jetzt schließlich zuhause direkt zur Verfügung.

Opfer leiden bis heute

Das haben auch die Brüder Marco und Sven erlebt. Bis heute haben beide nicht verarbeitet, was sie bei ihrem Pflegevater über Jahre hinweg durchmachen mussten. "Ich hab mir eingeredet dass ein starker Ritter bin und alles aushalte", erzählt Marco, der mit sechs zum ersten Mal sexuell missbraucht wurde. "Heute sehe ich nur noch einen grinsenden alten Mann, der mich anwidert", sagt sein älterer Bruder.

Im Video erzählen die beiden, wie sehr die Taten ihres Pflegevaters sie bis heute belasten. Damit wollen sie anderen Mut machen, die Ähnliches erlebt haben, um zu zeigen: Ihr seid nicht allein. Wie viele Kinder und Jugendliche über das 'Kentler-Experiment' vermittelt wurden, ist völlig unklar. Bis jetzt haben sich drei Betroffene bei einer Ansprechstelle des Berliner Senats gemeldet. Wie groß die Dunkelziffer ist, weiß aber niemand genau. Die Uni in Hannover will nun externe Wissenschaftler mit einer Untersuchung beauftragen, um die Geschehnisse aufzuarbeiten. Auch der Berliner Senat hat 2016 eine Untersuchung eingeleitet.