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Kampf gegen Depressionen: Das unglaubliche Comeback des Tyson Fury

Kampf gegen Depressionen: Das unglaubliche Comeback des Tyson Fury

Tyson Fury 2017 vs Tyson Fury 2018
Eine unglaubliche Metamorphose: Zwischen diesen Bildern von Tyson Fury liegt nur ein Jahr
Twitter, @HitmanHatton, @Tyson_Fury,

Von Martin Armbruster

Es war im November 2017: Tyson Fury spazierte in einer grauen englischen Landschaft herum und kündigte via Instagram keuchend sein Box-Comeback an. Er werde schon bald wieder um die Schwergewichts-Weltmeisterschaft boxen, prustete der 2,06-Meter-Riese gewohnt marktschreierisch. Für voll nahm Fury (mal wieder) keiner.

Nur vernunftlose Träumer glaubten noch an Fury

Der selbsternannte "Gypsy King" war nach seinem sensationellen Triumph über den langjährigen Schwergewichts-König Wladimir Klitschko im November 2015 in einem Sumpf aus Drogen, Depressionen und Junkfood versunken – und aufgegangen wie Omas Hefeteig. Zwischen 160 und 180 Kilogramm schleppte Fury auf seinen armen Rippen herum, als er die Schwergewichts-Champions Anthony Joshua und Deontay Wilder herausforderte. Dass er nur ein Jahr später tatsächlich wieder boxen, geschweige denn um die Meisterschaft aller Klassen kämpfen würde –, daran glaubte außer Fury und irgendwelchen vernunftlosen Träumern niemand.

WM-Kampf gegen Deontay Wilder in Los Angeles

Der Ex-Weltmeister aber belehrte die Welt eines Besseren. Unter Leitung seines neuen Trainers Ben Davison legte Fury eine sagenhafte Abspeck-Einheit hin, meldete sich im Juni erst mit einem Zirkus-Kampf gegen den Albaner Sefer Seferi , Ende August dann mit einer ordentlichen 10-Runden-Schicht gegen den früheren WM-Herausforderer Francesco Pianeta aus Gelsenkirchen zurück.

Genug für WBC-Weltmeister Wilder, um Fury eine Titelchance zu geben. Dem wort- und schlaggewaltigen Amerikaner kam die Rückkehr des einstigen Weltmeisters und Showmans für einen finanziell lukrativen Kampf in den USA gerade recht. Und so wurde das Unmögliche Realität: Am 1. Dezember kämpft der wie Phönix aus der Asche gestiegene Fury in Los Angeles gegen Wilder um die WBC-Krone. Es könnte eines der unglaublichsten Comebacks der Boxgeschichte werden.

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Fury will depressive Menschen inspirieren

"Ich bin wieder da. Nach allem, was ich durchgemacht habe: Psychische Probleme, Drogensucht, Alkoholsucht. Ich habe es gegen jede Wahrscheinlichkeit geschafft. Wie soll mich da jemand mit Boxhandschuhen an den Händen besiegen. Ich werde Deonaty Wilder überwältigen. Ich werde ihm meinen Willen aufzwingen, bis er aufgibt", tönt Fury vor dem Duell mit dem ungeschlagenen K.o.-Knipser aus Alabama.

Der Engländer mit den irischen Wurzeln sieht sich auf einer Mission. Er will depressive Menschen ermuntern, im täglichen Ringen mit den eigenen Dämonen nicht kleinbeizugeben. "Gebt den Kampf nicht auf", twitterte der 30-Jährige erst kürzlich. Fury weiß, wovon er spricht. Ärzte diagnostizierten bei ihm eine bipolare Störung – ausgeprägte Stimmungsschwankungen. Wie schlimm es in seinen "fetten" Monaten, seiner dunklen Phase, um ihn stand, gab er in einem Interview bemerkenswert offen zu.

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Nach seinem Sieg gegen Wladimir Klitschko versank Tyson Fury in einem Sumpf aus Drogen, Alkohol und Depressionen
imago sportfotodienst, imago/BPI

Im Sommer 2016 habe er mit seinem Leben abgeschlossen, erzählte der Boxer. "Ich hatte mir einen brandneuen Ferrari gekauft. Ich war auf der Autobahn und raste mit 300 auf eine Brücke zu. Mir war alles egal. Ich wollte einfach nur noch um jeden Preis sterben. Ich hatte mein Leben aufgegeben als ich auf die Brücke zuschoss. Dann sagte eine Stimme in meinem Kopf: 'Tyson, mach’s nicht! Denk an deine Familie, an deine Kinder. Deine Tochter und die Söhne wachsen ohne Dad auf.'" Spurwechsel im letzten Moment.

"Teilt euch mit, nehmt euch Hilfe"

Morgens habe er oft die Augen aufgeschlagen und gedacht, warum er überhaupt aufgewacht sei. "Und das von einem Mann, der alles hat. Geld, Ruhm, Titel, eine Frau, Familie, Kinder." Seither wird Fury nicht müde, das öffentliche Bewusstsein für Depressionen zu schärfen und Betroffene zu ermuntern, offen über ihre Krankheit zu reden. Er selbst habe es zwar Ende 2017 allein und dank seines Glaubens langsam aus dem Tal der Finsternis geschafft, so Fury. Seine Botschaft lautet dennoch: "Teilt euch mit, nehmt euch Hilfe." Wenn die bösen Geister es schafften, einen Box-Riesen wie ihn umzuhauen, könne es jeden treffen.

Seinen wohl schwersten Kampf – so viel steht fest – hat Tyson Fury fürs Erste gewonnen. Bleibt nur noch Deontay Wilder.