Kimmich sagt, dass er nicht geimpft ist - und halb Deutschland dreht durch

Warum die Debatte so eskaliert

Bayern-Profi Joshua Kimmich steht auf dem Platz. Foto: Sven Hoppe/dpa/Archivbild
Bayern-Profi Joshua Kimmich steht auf dem Platz. Foto: Sven Hoppe/dpa/Archivbild
© deutsche presse agentur

26. Oktober 2021 - 6:31 Uhr

Von Tobias Nordmann & Stephan Uersfeld

Joshua Kimmich sagt, dass er nicht geimpft ist - und halb Deutschland dreht durch. Der Nationalspieler vom FC Bayern München befindet sich nach seinen Aussagen im Auge eines Hurrikans. An ihm werden die großen Impf-Fragen diskutiert.

Kimmich, die neue Konfliktlinie

Applaus von der AfD, Applaus von den Querdenkern und Corona-Leugnern, angezählt von denen, die sich auf der richtigen Seite wähnen. Von denen, die sich seit beinahe zwei Jahren in einer Pandemie bewegen und die Impfung als den plausibelsten Ausgang in Richtung Epidemie anerkannt haben. Sogar die Bundesregierung hat sich zu Wort gemeldet. Sie hofft in Form von Regierungssprecher Steffen Seibert auf eine Neubewertung der Lage, auf den Sprung in das Lager der Geimpften.

Nationalspieler Joshua Kimmich befindet sich in einer durchweg misslichen Lage, aus der es keinen einfachen Ausweg gibt. Vollkommen überraschend für Außenstehende ist der bisherige Posterboy des deutschen Fußballs, der wie kein zweiter Profi das bayerische Miasanmia auf den Platz gebracht und mit seinem Verhalten neben dem Platz mit seinem Einsatz gegen Corona, seinem Verzicht auf einen Berater bei Vertragsverhandlungen für Wohlbefinden sorgte, zur personifizierten Konfliktlinie geworden.

Im Video: Kimmich lässt sich (noch) nicht impfen

Womöglich lässt Joshua Kimmich sich jetzt doch noch gegen das Coronavirus impfen. Das hat er gesagt. Der Spieler des FC Bayern hat sogar gesagt, dass das womöglich schon sehr bald passieren könnte. Wäre damit die Eskalation der Empörung befriedet? Um die geht es nämlich gerade. Kimmich, der strahlende Held des deutschen Fußballs, wird aller Orten abgestraft. Dass sich der 26-Jährige, der für seine Klarheit und Meinungsstärke genauso abgefeiert wird, wie für seine Chipbälle und Grätschen, bislang gegen den Stich entschieden hat, ist das übergroße Thema des Wochenendes gewesen.

Dabei sind noch lange nicht alle Bundesliga-Spieler geimpft. Es gibt zwar keine offiziellen Zahlen zum Impfstatus der Profis, denn sowohl Vereine als auch Liga müssen darüber keine Auskunft erteilen, sind intern jedoch sehr wohl über konkrete Fälle informiert. Doch die Entscheidung über eine Impfung obliegt den Spielern, nicht den Vereinen. Aus gutem Grund. Liga und Klubs können nur mahnen und bitten. Das haben sie oft und eindringlich getan. Doch bei anderen Fällen, wie dem des Wolfsburger Stürmers Wout Weghorst, blieb ein so lauter Aufschrei aus. Aus verständlichen Gründen. Weghorst ist ein guter Stürmer, doch Kimmich wird als kommender Kapitän der Nationalmannschaft gehandelt - und füllte diese Rolle unter seinem ehemaligen Vereinstrainer Hansi Flick erst kürzlich aus. Es ist unwahrscheinlich, dass Flick nichts über den Impfstatus des Spielers wusste und somit auch unwahrscheinlich, dass er es bei seiner Entscheidung zum Thema machte.

Das Thema Kimmich ist also übergroß, weil die Fallhöhe so hoch ist, weil es so überraschend ist. Und seit diesem Wochenende spaltet es das Land in zwei Lager. Zwei Lager, die sich fremd sind, die sich bisweilen sogar feind sind. Auf der einen Seite des Pfades stehen die Geimpften, die Genesenen und die Wissenschaftler. Sie empören sich in der moralischen Überlegenheit, werfen dem Spieler vor, sich nicht um gesellschaftliche Solidarität zu kümmern. Denn Impfen schützt. Auf der anderen Seite stehen die Querdenker und Corona-Leugner. Sie erheben sich vor Anerkennung und instrumentalisieren den Nationalspieler als ihren Helden. Auf beiden Seiten werden, wie es in solchen Debatten immer ist, im Minutentakt neue Eskalationsstufen gezündet. Und mittendrin steht Kimmich. Er markiert die neue Konfliktlinie in der deutschen Impf- und Corona-Debatte. Auch, weil sein urplötzliches Auftauchen darin so überraschend ist. Hochgespült hatte ihn eine Veröffentlichung der in der vergangenen Woche selbst in schweren Gewässer liegenden "Bild."

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Impfstatus spaltet unsere Gesellschaft

Nun ist Joshua Kimmich ein Fußballer. Er ist nur ein Fußballer! Warum eskaliert diese Debatte so? Nun, das hat mehrere Ebenen. Zum einen bekam der Profi-Fußball im vergangenen Jahr ein paar amtliche Corona-Privilegien. Während unter anderem Kulturbetriebe, Kneipen, Clubs ihren Betrieb ewig lang einstellen mussten, rollte er der Ball nach dem ersten Lockdown recht bald wieder. Wenn auch vor Geisterkulisse. Dem Sport fehlte zwar die Seele, aber er lebte und viele Vereine überlebten. Für die meisten anderen Branchen galt das nicht. Aber lässt sich aus dieser kollektiven Situation tatsächlich eine solidarische Pflicht des Einzelnen zur Impfung herleiten?

Und dann kommt bei Kimmich noch ein weiteres Problem hinzu. Über die Initiative "we kick corona", die er gemeinsam mit Bayern-Kumpel Leon Goretzka gegründet hat, hat er verdammt viel Geld für eine weltweite Impfstoff-Verteilung gespendet. Eine höchst ehrenwerte und begrüßenswerte Sache. Aber eben eine, die nun von einem massiven Glaubwürdigkeitsproblem unterminiert wird. Denn wie kommt das denn an, wenn ein Gesicht der Initiative das ablehnt, für das sie sich einsetzt?

Kimmich und seine bizarre Lage

An Joshua Kimmich lässt sich derzeit also auf bizarre Weise nachzeichnen, was eigentlich nicht sein soll. Nicht sein darf. Denn der Impfstatus spaltet unsere Gesellschaft. Er schafft Gräben. Er schafft Wut. Auf beiden Seiten. Die Geimpften kämpfen mit dem Piks und dem verbundenen Schutz um mehr Normalität. Es macht sie fassungslos, dass die andere Seite so ignorant ist. Aber wer ist die andere Seite? Klar, da gibt es die Leugner, Verharmloser, Verweigerer, sie zu erreichen scheint unmöglich. Ebenso unmöglich scheint es, die Motive zu durchschauen, sich nicht impfen zu lassen. Ihre Haltung ist von einem absurden Absolutismus, eine Ignoranz gegenüber der Wissenschaft und teilweise auch einer erschreckenden Aggressivität geprägt.

Doch auf der anderen Seite stehen auch Menschen, die Angst haben. Die nichts verharmlosen oder gar leugnen. In der spaltenden Debatte landen sie aber nicht in der grauen Mitte, sondern gehen irgendwo im schwarz und weiß hilflos unter (eher im schwarz). Nun, Joshua Kimmich war nach der Veröffentlichung seines Impfstatus via "Bild"-Zeitung sehr bemüht, sich in dieser grauen Mitte zu platzieren. In einem Statement nach dem Bundesligaspiel gegen die TSG Hoffenheim (4:0) wehrte er sich vehement gegen eine Einordnung als Corona-Leugner oder Piks-Verweigerer. Er begründete die Entscheidung mit fehlenden Langzeitstudien über die neuen Impfstoffe. An möglicher Aufklärung soll es nicht mangeln. Zahlreiche Experten boten Hilfe an und klärten noch einmal ausführlich darüber auf, dass es über das Wort "Langzeitfolgen" zahlreiche Missverständnisse gebe.

Anders sieht die Sache mit Blick auf die 2G-Regel in deutschen Stadien aus. Im Bemühen, die Hütten wieder vollzumachen, gilt an den meisten Standorten noch die 3G-Regel. Für Kimmich kein Problem. Er lässt sich regelmäßig testen. Dass er das nicht selbst bezahlt, sondern sein Verein, das ist auch ein bisschen ein Hohn. Denn Menschen ohne exponierten Status müssen ja mittlerweile privat für ihre Ergebnisse löhnen. Aber es gibt mittlerweile eben auch Stadien, in denen die 2G-Regel gilt. Bedeutet: Zutritt nur für Geimpfte oder Genesene. Diese Regelung gilt jedoch nicht für Fußball-Profis, die dort in den Stadien ihrem Beruf nachgehen. Doch in einer Debatte, die momentan wenig rational ist, kocht auch wieder die viel diskutierte Frage nach der Sonderrolle des Fußballs in Zeiten der Pandemie auf.

Kimmich, der strahlende Held des deutschen Fußballs, ist nun in einer äußerst bizarren Lage. Aus allen Richtungen wird an ihm gezerrt. Man kann sagen: Das ist auch ein Preis für seine Popularität und sein Vermögen. Öffentliche Debatten muss er aushalten. Egal wie unangenehm sie sind. Aber es ist halt so: Kimmich hat seinen Status nicht freiwillig veröffentlicht. Er wurde, soweit man weiß, verpfiffen. Und das auf dem sensibelsten Gebiet, das unsere Gesellschaft zu bieten hat.

Glaubwürdigkeit dahin

Nun ist es so: Es ist nicht problematisch, auf Kimmich sauer zu sein. Weil der Nationalspieler die Werte, von denen wir dachten, dass er sie eben auch mit der "we kick corona"-Initiative vermitteln will, verraten hat. Ein großer Teil der Gesellschaft, eben jener Teil, der sich durch den Impfstoff den Weg aus der Pandemie verspricht, fühlt sich von dem 26-jährigen Familienvater in die Irre geführt und ereifert sich seit der Öffentlichwerdung der Nicht-Impfung. Doch die "digitalen Steinigung" des Bayern-Spielers, der Corona nicht geleugnet, sondern vielmehr seine irrationale Angst vor den "Langzeitwirkungen" der Impfung geäußert hat, bleibt in dieser eskalierenden Form bedenklich.

Vielmehr wirft die Causa Kimmich ein Schlaglicht auf die Sorgen der zahlreichen Menschen, die die Pandemie und ihre Folgen auch beinahe zwei Jahre nach Ausbruch weiter mit mehr Fragen als Antworten zurücklässt. Die Causa Kimmich wirft ebenso die Frage auf, wie eine Gesellschaft in Zukunft mit denen umgehen will, die sich aus welchen Gründen auch immer der Impfung bislang entzogen haben und es womöglich auch in Zukunft so handhaben werden. Es erscheint wenig angemessen, diese auch Familien entzweiende Debatte weiter zu befeuern.

Was unweigerlich aber der Fall ist: Joshua Kimmichs Glaubwürdigkeit ist erst einmal dahin. Das allein ist Schaden genug für ihn.