Im Interview: Jenke von Wilmsdorff über seine Experimente

Jenke von Wilmsdorff im Interview
RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff spricht über seine Experimente und warum er an die Grenze des Machbaren geht.

"Vier Themen, die uns alle beschäftigen."

Seit 2001 ist Jenke von Wilmsdorff für RTL als Reporter, Autor und Redakteur im Einsatz. Bei „EXTRA“ sind seine außergewöhnlichen, investigativen und unterhaltsamen Reportagen aus aller Welt („Jenke als...“, „Das Jenke-Experiment“) längst zur festen Größe geworden. Oft wagt sich der Extrem-Reporter in brisante Situationen: Egal, ob in der gefährlichsten Stadt der Welt, Ciudad Juárez, im verstrahlten Fukushima nach dem Reaktorunglück in Japan oder in verdeckter Mission auf einem Flüchtlingsboot in Lampedusa – Jenke von Wilmsdorff scheut die Gefahr nicht und ist immer bereit, Grenzen zu überschreiten.

Besonders beliebt sind die Selbstversuche des Reporters: Ein Millionenpublikum konnte miterleben, wie sich Jenke von Wilmsdorff in einer fremden Familie als alleinerziehende Mutter schlug oder wie sich wochenlange Fehlernährung mit anschließender radikaler Gewichtsabnahme im Rahmen seines großen Ernährungs-Experiments auf den menschlichen Körper auswirken. „Das Jenke-Experiment“ ist mit neuen, einstündigen Folgen ab dem 11. März als eigenständige Doku-Reihe zu sehen.

Herr von Wilmsdorff, die Zuschauer kennen Sie bereits aus dem RTL-Magazin „EXTRA“, wo Sie schon einige abenteuerliche Selbstversuche unternommen haben. Welche Themen haben Sie sich für ihre eigene Sendung „Das Jenke-Experiment“ vorgenommen?

Jenke von Wilmsdorff: In den ersten vier Folgen geht es um Armut, Alkohol, Alter und Geschlechterrollen – vier Themen, die uns alle beschäftigen, weil sie gesellschaftsrelevant sind. Diese werden aber nicht einfach nur erzählt, sondern immer durch ein Experiment, das ich dann am eigenen Leib erfühle, ertrage und durchziehe, vermittelt. In der ersten Sendung geht es direkt um das heikle Thema Alkohol: 10 Millionen Deutsche haben offensichtlich ein Alkoholproblem und keiner weiß so genau, wann es anfängt. Wenn ich täglich ein, zwei Gläser Alkohol trinke, bin ich dann schon abhängig? Das habe ich am eigenen Körper

herausgefunden, weil ich mich intensiv mit dem Alkohol beschäftigt habe – ich habe für dieses Experiment selber getrunken, exzessiv und sehr lange.

"Ich werde extrem neugierig darauf, diese Grenzen zu überschreiten."

Vor welchem „Jenke-Experiment“ hatten Sie im Vorfeld den größten Respekt? Und welches Ergebnis hat Sie im Nachhinein am meisten beeindruckt?

Jenke: Den größten Respekt hatte ich vor dem Thema Armut, nicht zuletzt, da ich Weihnachten zum ersten Mal in meinem Leben nicht mit meiner Familie und den Menschen, die ich liebe, zusammen sein konnte. Ich war bei Obdachlosen auf der Straße, um wirklich authentisch sein zu können und ihren Heiligabend zu dokumentieren. Das war sowohl im Vorfeld als auch rückblickend eine Hürde, denn es war für mich emotional sehr anstrengend und intensiv. An das Alkoholexperiment geht man ein bisschen lächelnd dran und denkt, dass es ja nicht so schlimm ist, eine Zeit lang mal etwas mehr zu trinken. Das hat sich dann entwickelt, nach

einer Woche wurde es wirklich heftig und das Trinken hat keinerlei Spaß mehr gemacht. Ich musste mich wirklich disziplinieren, um weiter zu trinken und habe dann Veränderungen bei mir bemerkt, die mir nicht gefielen. Es war körperlich insofern anstrengend, dass relativ schnell eine Sucht entsteht. Nach eineinhalb bis zwei Wochen trinken merkt man, dass man ohne Alkohol so leicht nicht mehr auskommt. Das verharmlost man für sich selbst, indem man sich sagt, dass es nach zwei Tagen ohne Alkohol schon wieder okay ist. Das ist aber nicht so. Es ist wirklich ein von vielen Leuten unterschätztes Risiko, dazu zähle ich auch mich selbst. Denn auch ich habe gedacht, dass ich schneller davon loskomme, als es dann rückblickend wirklich war.

Bei ihren Experimenten überschreiten Sie psychische und physische Grenzen...

Jenke: Ganz oft sogar, weil man die meisten Grenzen gar nicht so recht im Vorfeld sieht. Während der Recherche gibt es Momente, in denen man denkt, dass es schwierig werden könnte. Aber die wirklichen Grenzen, die es dann zu überschreiten gilt, lassen sich immer erst in der Situation blicken. Das macht es immer wieder spannend und ich werde extrem neugierig darauf, diese Grenzen zu überschreiten. Natürlich gibt es auch bei mir Limits und ich würde nicht alles machen. Aber die meisten Grenzen während dieser Dreharbeiten habe ich gerne überschritten, weil sie mir ganz viele Erkenntnisse über mich selbst und über das jeweilige

Thema gebracht haben. Und das ist die treibende Kraft für jede einzelne Geschichte.

Wer passt auf, dass Sie diese extremen Versuche heil überstehen?

Jenke: Zum einen ist es meine Familie und meine Freundin, die immer wieder hinterfragt und sagt „Pass auf und geh nicht zu weit!“ Zum anderen Teil ist es aber auch ganz stark meine Producerin Lotte Lang, die immer den großen Blick fürs Ganze behält. Sie sagt dann: „Wenn ich das Gefühl habe, du verlierst dich irgendwo, dann greife ich ein und sorge dafür, dass alles da bleibt, wo es hingehört und es nicht übers Ziel hinaus schießt.“ Sie schützt mich dadurch. Und natürlich wurde z.B. das Alkohol-Experiment auch ständig von einem Arzt begleitet.

Gab es Momente, in denen Sie ein Experiment abbrechen wollten? Oder kommt das für Sie generell nicht in Frage?

Jenke: Doch, diese Momente gab es beim Thema Alkohol. Da wollte ich nach ungefähr drei Wochen abbrechen. Ich hatte das Gefühl, es geht nicht mehr, ich möchte und kann nicht mehr. Denn der Selbstversuch hat mich in meinen Emotionen verändert, hat meine Sicht auf die Dinge verändert und wirklich ganz tief in mein persönliches Leben eingegriffen. Das gefiel mir dann in dieser hohen Dosierung nicht mehr und da habe ich überlegt, das Experiment abzubrechen. Habe ich aber nicht, ich habe es trotzdem durchgezogen. Bei den anderen Geschichten habe ich natürlich auch Grenzen gespürt und sehr viel Mut und Kraft gebraucht, um sie zu überwinden.

Sie waren als verdeckter Reporter auf einem Flüchtlingsboot in Lampedusa unterwegs, sind nach dem Reaktorunglück ins verstrahlte Fukushima gereist und waren in Ciudad Juárez, der gefährlichsten Stadt der Welt. Was sagen denn ihre Familie und ihre Freunde dazu, wenn Sie sich immer neuen und zum Teil wirklich haarsträubenden Situationen stellen?

Jenke: Sie bekommen im Vorfeld nicht alle Informationen von mir (lacht). Sie wissen schon, wo es hingeht. Und wenn ich sage, dass ich auf einem Flüchtlingsboot unterwegs bin, dann wissen sie schon, dass es kein Ozeandampfer ist, auf dem ich eine schöne Zeit haben werde. Wenn

ich nach Fukushima reise, wissen sie auch, dass es kein Luftkurort ist und ein bisschen heikel werden kann. Aber wie heikel es aus meiner Sicht tatsächlich werden kann, sag ich ihnen nicht. Rückblickend höre ich dann immer: „Das hättest du mir aber auch sagen können, dass es so gefährlich ist.“ Aber davor schütze ich meine Familie und Freundin - und mich auf eine gewisse Art auch. Ich glaube, wenn ich mich im Vorfeld so intensiv damit auseinander setzen würde, dass ich mir vor allem die ganzen negativen Aspekte vor Augen halte, würde mich das sicherlich auch noch mal ganz anders beeinflussen. Ich recherchiere aber natürlich ganz genau, ich bin bestens vorbereitet. Aber wie gesagt, viele Überraschungen und Momente entstehen direkt vor Ort – von der einen auf die andere Sekunde und da muss man schlichtweg reagieren.

Welches „Jenke-Experiment“ würden sie gerne noch machen, egal, ob es umsetzbar ist oder nicht?

Jenke: Da gibt es eine ganze Liste: Arbeitslosigkeit, Gewalt, Schönheit, Gesundheit, Doping – immer wieder ein Thema. Oder Burnout, denn viele Menschen fühlen sich davon betroffen. Wie sieht es damit in unserem Land aus? Wenn du versuchst, einen Termin bei einem renommierten Psychologen zu bekommen, hast du unter Umständen eine Wartezeit von einem halben Jahr, bis du ein erstes Beratungsgespräch hast. Es ist sicher ein Thema, das die Menschen interessiert. Darauf kommt es an und da und haben wir auf jeden Fall noch eine große Vielfalt vor uns. Für uns sind immer Themen wichtig, die gesellschaftlich relevant sind. Dinge, über die die Leute sprechen, weil sie sie selbst betreffen. Diese unmittelbare Nähe zum Zuschauer ist enorm wichtig.

Stehen Sie dazu auch im direkten Kontakt mit Zuschauern?

Jenke: Es wird erstmalig eine interaktive Online-Begleitung zur Sendung stattfinden, das macht die Sache noch spannender: Auf einer speziell dafür eingerichteten Internetseite können die Zuschauer nicht nur mehr über das je weilige Thema erfahren und über das Thema mit mir persönlich und anderen Usern chatten, sondern wir haben während der Dreharbeiten nebenbei viel privates Material gedreht. Da sieht man mich auch in ganz schwachen Momenten, also einen Jenke der zweifelt, der übellaunig ist, der keine Lust mehr hat. All das wurde immer filmisch dokumentiert, viele Sachen, die wir nicht im Fernsehen zeigen. Diese Backstage-Clips gibt es nahezu täglich online. Die Zuschauer können etwas über den Produktionsprozess und auch über mich erfahren.

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