Sportwissenschaftler Dr. Stephan Geisler klärt auf

Hype um den Haltungstrainer – aber ist er gut für den Rücken?

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4. August 2019 - 15:12 Uhr

Geradehalter im Experten-Check

Brust raus, Bauch rein, Schultern nach hinten! Puuuh, ständig eine vorbildliche Haltung zu zeigen, ist gar nicht so einfach. Bei Amazon & Co. wird gerade ein Produkt gehypt, das helfen könnte: Der Haltungstrainer (oder auch Geradehalter genannt)*. Mittlerweile bieten diverse Firmen den kuriosen Umschnall-Gurt an – aber taugt das Teil wirklich etwas? RTL.de hat den Sportwissenschaftler Professor Dr. Stephan Geisler gefragt. Geisler lehrt an der IST-Hochschule in Düsseldorf, im März ist sein Buch "Gesunder Rücken" erschienen. Der Mann kennt sich also aus mit der richtigen Körperhaltung - und völlig abgeneigt ist er dem Haltungstrainer gegenüber nicht.

Kein Rundrücken mehr dank Haltungstrainer für 20 Euro?

Es klingt so einfach: Morgens beim Anziehen den Schultergurt anlegen, auf Spannung bringen, schon stimmt die Körperhaltung. Kein Rundrücken mehr dank eines 20-Euro-Tools. Das ist doch fast zu gut, um wirklich wahr zu sein. Was wir uns – und den Fitness-Professor – gefragt haben: Wo ist der Haken? Ist der Haltungs-Helfer sinnvoll oder vielleicht sogar schädlich?

"Ich bin hin- und hergerissen", sagt Geisler. Jahrelang habe die Fitness-Industrie den Menschen vorgegaukelt, dass das Rundrücken-Problem mit dem richtigen Training in den Griff zu bekommen sei. "Aber so einfach ist das nicht."

Denn aus Geislers Sicht stecken neuromuskuläre Dysbalancen hinter dem Problem, "und die sollten ganzheitlich angegangen werden", erklärt der Sportwissenschaftler. Also durch die Kombination Krafttraining, Physiotherapie plus Haltungs-Korrektur im Alltag – und genau da könne der Haltungstrainer helfen. Vor allem bei Leuten, die schon viel ausprobiert haben und vielleicht noch einen weiteren Impuls im Alltag brauchen.

Der Haltungstrainer zieht durch elastische Bänder die Schultern zurück, sobald der Träger sich hängen lässt, etwa im Büro vor dem Computer oder auch in der Supermarkt-Schlange. Er rückt das Problem also immer wieder ins Gedächtnis, der Träger richtet sich wieder auf, die bessere Haltung entlastet die Wirbelsäule und die Muskulatur, die laut Hersteller nicht mehr so schnell verspannt. Das ist der kurzfristige Effekt.

Ist die ständige Haltungskorrektur durch einen Gurt gesund?

Haltungstrainer/Geradehalter von Charminer
Auch Frauen nutzen den Haltungstrainer, um im Alltag aufrecht zu bleiben.
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Ob und wie das Fitness-Tool langfristig wirkt? Dazu gab es offenbar noch keine Studien. Klar ist für Professor Geisler allerdings, dass der Haltungstrainer nicht ständig getragen werden sollte, sondern nur ab und zu für wenige Stunden. Denn durch die künstliche Stabilisierung der Schulter könnte sich die Muskulatur im oberen Rücken zurückentwickeln. Und das wäre absolut nicht sinnvoll.

Im Gegenteil: Wer Rücken- und Haltungsprobleme hat, sollte genau diese Muskelgruppe durch gezieltes Training aufbauen – beispielsweise durch Ruderzüge mit einer Hantel oder indem Sie in Bauchlage die Arme seitlich anheben (10 bis 15 Wiederholungen, 3 Sätze, die Übungen 2 bis 3 Mal pro Woche durchziehen).

Fazit: Wenn der Haltungstrainer Menschen mit Rückenproblemen und einer schlechten Haltung hilft, ihre Selbstwahrnehmung zu verbessern, dann ist er bedingt zu empfehlen. Aber nicht übertreiben! Und am besten mal einen Termin beim Physio- oder Sporttherapeuten machen, um die Körperhaltung in den Griff zu bekommen.

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