Können die Phantomgeräusche endlich nachgewiesen werden?

Hoffnung für Tinnitus-Betroffene? Forscher entwickeln neues Diagnose-Verfahren

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19. November 2020 - 16:22 Uhr

Durchbruch bei der Tinnitus-Diagnose?

Es rauscht, es piepst, es summt – und es will einfach nicht aufhören! Wenn es zu nervtötenden und monotonen Geräuschen im eigenen Kopf kommt, die keine erkennbare Schallquelle haben, liegt zumeist ein Tinnitus vor. Niemand außer den Betroffenen ist in der Lage, zu erkennen, wie laut und belastend die Töne im Kopf sind – bis jetzt! Denn australische Forscher haben ein neues Verfahren entwickelt, das einen Durchbruch in der Tinnitus-Diagnose darstellen könnte. Mithilfe ihrer Methode soll es nun erstmals möglich sein, die Phantomgeräusche objektiv nachzuweisen.

Tinnitus kann bislang nicht objektiv nachgewiesen werden

Mithilfe einer Elektrodenkappe untersuchen Forscher der Universität Melbourne Tinnitus-Patienten
Mithilfe einer Sensoren-Kappe untersuchen Forscher der Universität Melbourne Tinnitus-Patienten.
© Mehrnaz Shoushtarian

Etwa 10 bis 20 Prozent der Erwachsenen leiden unter chronischem Tinnitus. Trotz dieser hohen Anzahl Betroffener gibt es bislang noch kein Verfahren, mit dem objektiv nachvollzogen werden kann, wie häufig oder laut ein Patient die Störgeschräusche hört. Stattdessen müssen sich Mediziner bisher allein auf die Wahrnehmung ihrer Patienten verlassen, um ein Bild von der Stärke der Erkrankung zu erhalten. Genau das wollen die Forscherin Mehrnaz Shoushtarian und ihre Kollegen der Universität Melbourne ändern! Sie untersuchten die Hirnströme von 25 Tinnitus-Betroffenen und 21 Menschen ohne Tinnitus mithilfe einer Kappe, an der Nah-Infrarot-Sensoren angebracht sind. Mit dem Ergebnis: Im Gehirn der Tinnitus-Patienten zeigten sich deutliche Aktivitätsunterschiede im Vergleich zur Kontrollgruppe!

Diese sogenannte funktionelle Nah-Infrarot-Spektroskopie (fNIRS) messe ähnlich wie ein fMRT Veränderungen im Sauerstoffgehalts des Bluts im Gehirn, erklären die australischen Wissenschaftler im Fachmagazin "PLOS ONE". Sie speisten die Ergebnisse in ein lernfähiges Computerprogramm ein, das daraufhin in der Lage war, Tinnitus anhand der veränderten Hirnaktivität zu erkennen. 

Neue Hoffnung auch für die Behandlung von Tinnitus

Ein weiterer großer Vorteil der Methode: Sie ist portabel und kostengünstig. Damit sei sie für den zukünftigen klinischen Einsatz bestens geeignet, so die Wissenschaftler. Zudem erzeuge das fNIRS keinen Scannerlärm, was bei der Untersuchung von Hörproblemen wichtig sei. "Die klinische Behandlung von Patienten mit Tinnitus könnte von einer solchen Methoden sehr profitieren", hoffen die Forscher. "Zudem könnte eine verlässliche objektive Messung auch dabei helfen, die Wirksamkeit von Tinnitus-Therapien besser zu überprüfen."

Auch Frau Prof. Dr. Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums der Charité in Berlin, findet die Studie interessant, gibt jedoch zu bedenken, dass man zwischen Studie und neuer Diagnostikmöglichkeit unterscheiden sollte. Diese Studie wurde an 25 Tinnitus- Patienten und 21 Kontrollen ohne Tinnitus durchgeführt, für sie noch zu wenig, um zu sagen, ob es zukünftig eine neue diagnostische Methode für die Behandlung von Tinnitus sein könnte. Sie sieht die Vorteile der Methode eher in der Ursachenforschung als in der Implementierung zur Standard-Diagnostik. 

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