Kann als gefäßerweiterndes Mittel bei Herzproblemen eingesetzt werden

Gesundheitslexikon: Nitroglycerin

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23. Oktober 2019 - 12:02 Uhr

Nitroglycerin – nicht nur Sprengstoff, sondern auch unentbehrliches Arzneimittel

Nitroglycerin ist hauptsächlich als Sprengstoff bekannt, der in der stabilisierten Form Dynamit verwendet wird. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass dieser Stoff auch als Arzneimittel einsetzbar ist. Bereits seit seiner ersten Herstellung im Jahre 1847 wurde Nitroglycerin auch auf Anwendungsmöglichkeiten im medizinischen Bereich untersucht. Wir erklären, was Nitroglycerin ist, welche Bedeutung es für die Medizin hat, wie es wirkt und bei welchen Erkrankungen es eingesetzt werden kann.

Was ist Nitroglycerin und welche Bedeutung hat es für die Medizin?

Nitroglycerin ist das Trinitrat von Glycerin. Glycerin besitzt als dreiwertiger Alkohol drei Hydroxylgruppen, an denen bei der Reaktion mit Salpetersäure und Schwefelsäure jeweils eine Nitratgruppe bindet und Nitroglycerin (Glycerintrinitrat) bildet. Das Molekül ist sehr instabil und zerfällt ohne Stabilisierung explosionsartig in Kohlendioxid, Stickstoff und Stickstoffmonoxid (NO). Darum wird es als Sprengstoff genutzt. Allerdings hat Stickstoffmonoxid (NO) eine große biologische Bedeutung, weil es die Durchblutung durch Erweiterung der Blutgefäße fördert. NO wird üblicherweise im Organismus aus der Aminosäure Arginin über verschiedene Reaktionsstufen synthetisiert und wirkt dort wie ein Gewebshormon. Beim Einsatz von Nitroglycerin stammen die NO-Moleküle aus den Nitraten des Glycerins.

Wie wirkt Nitroglycerin im Körper?

Im Körper wird Nitroglycerin über mehrere enzymatische Reaktionsprozesse abgebaut. Dabei entsteht unter anderem Stickstoffmonoxid (NO) als Reaktionsprodukt. Über verschiedene Botenstoffe im Organismus hemmt NO ein Enzym, welches für die Muskelkontraktion eine große Bedeutung hat. Gleichzeitig stimuliert es das Enzym MLKP, das für die Entspannung der Muskulatur verantwortlich ist. Als Ergebnis kommt es zur Erweiterung der Gefäße und zur Senkung des Blutdrucks. Diese Gefäßerweiterung (Vasodilatation) wirkt bei verschiedenen Erkrankungen des Herzkreislaufsystems entspannend. So können mit dem Einsatz von Nitroglycerin Linksherzinsuffizienz, Angina Pectoris, Lungenödeme und plötzliche Bluthochdruckkrisen günstig beeinflusst werden. Ein Herzinfarkt ist so allerdings nicht behandelbar, weil hier bereits Gewebe abstirbt.

Welche medizinischen Anwendungsgebiete gibt es für Nitroglycerin?

Nitroglycerin wird in Form von Zerbeißkapseln oder Sprays hauptsächlich bei Angina Pectoris eingesetzt. Es hilft bei aktuellen Anfällen, kann aber auch einem kurz bevorstehenden Anfall vorbeugen. Die Wirkung tritt sehr schnell ein. Bereits nach ein bis zwei Minuten erweitern sich die Gefäße, sodass sofort eine Erleichterung spürbar wird. Auch bei anderen Herzerkrankungen wie einer Linksherzinsuffizienz oder Lungenödemen kann Nitroglycerin im Notfall Leben retten. Des Weiteren hilft es bei Harnleiter- oder Gallenkoliken. Auch außerhalb der typischen Anwendungsgebiete kommt Nitroglycerin unter anderem bei Analfissuren als Creme, bei Speiseröhrenkrämpfen oder Menstruationsbeschwerden zum Einsatz. Es wird noch erforscht, ob Nitroglycerinhaltige Salbe auch die Knochendichte bei Osteoporose erhöhen kann.

Das müssen Sie beachten

Vor der Anwendung von Nitroglycerin sollte darauf hingewiesen werden, dass als Nebenwirkungen Hitzegefühle, Hautrötungen (Flush) und Kopfschmerzen auftreten können. Des Weiteren kann es zu einer starken Erhöhung der Herzfrequenz bis zur Tachykardie und zu einer Steigerung des Hirndrucks kommen. Außerdem darf Nitroglycerin in Verbindung mit verschiedenen Medikamenten –  beispielsweise Viagra® (Sildenafil), Tadalafil oder Vardenafil – nicht eingenommen werden, weil dabei die Herzfrequenz bis zu einer tödlichen Bradykardie absinken kann. Erst drei Tage nach Einnahme dieser Präparate sind bei Verabreichung von Nitroglycerin keine darauf zurückführenden Komplikationen mehr zu erwarten.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen und Hinweise über Arzneimittel, hat jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ersetzt daher nicht die Beratung durch einen Arzt oder Apotheker. Da die Medizin sich ständig weiterentwickelt, sollten Sie immer die aktuelle Gebrauchsinformation zu Ihrem Arzneimittel sorgfältig durchlesen und Ihren Arzt oder Apotheker zurate ziehen.