Darum wird das Wehenmittel trotz fehlender Zulassung eingesetzt

Geburtshilfe-Experte Prof. Dr. Friedrich Wolff: "Cytotec ist eines der wertvollsten Medikamente in der Geburtshilfe"

Cytotec ist eigentlich ein Magenmittel - wird aber oft zur Einleitung der Geburt verwendet.
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14. Februar 2020 - 10:56 Uhr

Medien berichten über Cytotec-Einsatz mit Todesfolge

In Deutschland nutzen Geburtsmediziner zur Einleitung der Wehen Medienberichten zufolge gerne ein Medikament, das in der Geburtshilfe nicht zugelassen ist. Cytotec heißt das eigentliche Magenschutzmittel. In Einzelfällen kann es zu schweren Komplikationen bei Mutter und Kind führen - im schlimmsten Fall zum Tod des Babys, berichten die "Süddeutsche Zeitung" und der "Bayerische Rundfunk". Die Anwendung wird aber unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen. Doch wie ist Cytotec denn nun einzuschätzen? Und warum wird es trotz fehlender Zulassung eingesetzt? Gynäkologe Prof. Dr. Friedrich Wolff hat uns die wichtigsten Fragen beantwortet.

Cytotec wurde 2006 vom deutschen Markt genommen

Der US-amerikanische Pharma-Riese Pfizer hatte das Medikament 2006 vom deutschen Markt genommen. Begründet wurde die Entscheidung mit dem überholten Behandlungsprinzip für die Therapie und Prävention von Gastro-duodenalulcera, einer Magen- beziehungsweise Zwölffingerdarm-Erkrankung. Laut Auskunft von Branchendiensten war Cytotec nur für diese Indikation zugelassen, da der Hersteller es nie für eine andere Anwendung beantragt hatte - trotz zahlreicher Publikationen und der eindeutigen Datenlage für einen sinnvollen Einsatz in der Gynäkologie und Geburtshilfe. Pfizer widerspricht dem: "Für die Anwendung von Cytotec zur Einleitung einer Geburt gibt es nach unserer Einschätzung keine ausreichenden, randomisierten und kontrollierten Studien, die eine verlässliche Aussage diesbezüglich erlauben", sagt ein Firmensprecher auf unsere Anfrage.

Gefährlich bei Überdosierung: "Man will einfach mit Macht die Wehen"

Frauenarzt Professor Friedrich Wolff
Hunderte von Frauen hat der renommierte Frauenarzt Professor Friedrich Wolff während seiner langen Praxisjahre in allen gynäkologischen Gesundheitsfragen betreut, beraten und begleitet.
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Warum Cytotec trotz fehlender Zulassung bei Ärzten und Patientinnen beliebt ist und warum sein Einsatz bei Einhaltung der Regeln sicher sein soll, erklärt der gynäkologische Präventivmediziner Prof. Dr. Friedrich Wolff im Gespräch mit RTL. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Warum wird das Magenmedikament Cytotec in der Geburtshilfe überhaupt angewendet?

Die Geburtshilfe erfordert ja manchmal, dass man Wehen einleitet, zum Beispiel, wenn der Termin überschritten ist. Das Spektrum der Wehenmittel ist aber nicht so groß. Wenn man einen Muttermund hat, der noch geschlossen ist, dann muss man den Muttermund "reifen", damit er für die Geburt bereit ist. Das geht nur mit sogenannten Prostaglandinen. Eines dieser Prostaglandinen ist Cytotec.

Cytotec ist ja deswegen umstritten, weil es für die Anwendung in der Geburtshilfe nicht zugelassen ist. Wieso wird es trotz fehlender Zulassung angewendet?

Wenn ein Arzt der Meinung ist, ein Medikament ist für einen Patienten sinnvoll, dann kann er nach Aufklärung des Patienten auch ein Mittel anwenden, dass in Deutschland nicht zugelassen ist. Er muss nur entsprechend aufklären.

Warum darf ein Arzt ein nicht zugelassenes Medikament verabreichen?

Es besteht grundsätzlich die ärztliche Therapiefreiheit. Also der Arzt kann entscheiden, welches Medikament er bei dem Patienten einsetzt und welches er für ihn am besten hält. Er muss das mit dem Patienten besprechen und den Patienten aufklären. Das ist unabhängig von der Zulassung eines Medikamentes. Die Zulassung regelt nur den juristischen Bereich der Zulassung in Deutschland.

Warum ist Cytotec in Deutschland nicht zugelassen?

Das Medikament ist von dem amerikanischen Hersteller Pfizer, es ist relativ preiswert, ein solches Zulassungsverfahren wäre mit hohen Kosten verbunden. Weltweit ist Cytotec in der Geburtshilfe eines der wertvollsten Medikamente. Das sagt auch die WHO. Es kommt eben nur auf die gezielte Anwendung an.

Inwieweit spielt der Preis hier eine Rolle?

Der Preis darf dabei keine Rolle spielen. Wir haben auch andere Prostaglandine, aber der Vorteil von Cytotec ist, dass es oral eingenommen werden kann. Die anderen Medikamente müssen vaginal angewendet werden. Das ist für viele Frauen schon ein wichtiger Vorteil. Außerdem kann es im Gegensatz zu den anderen Prostaglandinen, die wir in Deutschland auf dem Markt haben, kein Asthma auslösen.

Welche Risiken und Nebenwirkungen hat Cytotec?

Wir haben keine einheitlichen Vorgaben, wie Cytotec zu dosieren ist. Was man auch feststellt als Gutachter in Verfahren, wo es zu Komplikationen gekommen ist: Es wird häufig zu hoch dosiert und die Abstände zu den Gaben sind zu gering - man will einfach mit Macht die Wehen auslösen. Wenn man dieses Medikament zu hoch dosiert, kann es zum sogenannten Wehensturm kommen. Das sind sehr heftige Wehen, die bis zur Zerreißung der Gebärmutter führen können. Das darf auf gar keinen Fall passieren.