Kenianer entging nur mit Glück einer langen Haftstrafe

"Für diese WM sind Menschen gestorben" - die Geschichte eines Gastarbeiters in Katar

Homosexuelle in Katar: "Haben Angst vor Bestrafung und Tod" Rote Karte statt Regenbogen
01:27 min
Rote Karte statt Regenbogen
Homosexuelle in Katar: "Haben Angst vor Bestrafung und Tod"

30 weitere Videos

In gut zwei Monaten beginnt sie, die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Mitten im Winter. In der Wüste. Mit Spielen in Stadien, die, wie viele Menschenrechts-Organisationen anprangern, unter teils unmenschlichen Bedingungen gebaut wurden. Stadien, die Leben gekostet haben. „Für diese WM sind Menschen gestorben“, sagt Malcolm Bidali im Gespräch mit dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Der Kenianer war einst Gastarbeiter in Katar – bis ihn das Wüsten-Regime verschleppte.

Malcom Bidali will die Deutschen "sensibilisieren"

Bidali ist zurzeit auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Deutschland, tourt mit anderen ehemaligen WM-Gastarbeitern durchs Land, um zu berichten, was er in Katar erlebt hat. Und um die Deutschen zu „sensibilisieren, dass das keine WM wie jede andere ist“. Zweimal habe er in Katar gearbeitet. Und: nicht immer sei alles schlecht gewesen. Bei seinem ersten Einsatz 2016 habe er eine ordentliche Unterkunft gehabt, „gutes Essen“ bekommen und so gut verdient, dass er sparen und seiner Familie in Kenia helfen konnte.

Stream-Tipp auf RTL+: Rote Karte statt Regenbogen – Homosexuelle in Katar

Wohl deshalb reiste Bidali nach einer kurzen Rückkehr in die Heimat auch wieder zurück in den Wüstenstaat. Dieses Mal habe er als Wachmann auf einer Baustelle der staatlichen Immobilienfirma Msheireb Properties gearbeitet. Die Firma ist für den Bau der Wellness-Oase bei Doha verantwortlich, in dem die deutsche Nationalmannschaft während der WM residiert.

VIDEO: In dieser Luxus-Oase residiert das DFB-Team

WM in Katar: In dieser "Oase" residiert das DFB-Team Quartier im Emirat
01:45 min
Quartier im Emirat
WM in Katar: In dieser "Oase" residiert das DFB-Team

30 weitere Videos

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Zu wenig Essen und Arbeit in praller Sonne

Die Erzählungen seiner zweiten Katar-Station gleichen dem, was in Berichten mehrerer Menschenrechts-Organisationen zu lesen ist. Zu sechst hätten er und seine Kollegen in einer kleinen Baracke gewohnt. „Wir hatten Bettwanzen und zu wenig Essen, die Waschräume waren ebenfalls eine Katastrophe.“

Dazu immer wieder Überstunden (über die „regulären“ 12-Stunden-Schichten hinaus) – und zwar bei den Katar-typischen Temperaturen jenseits der 40 Grad. „Ich habe Kollegen gesehen, die draußen in der prallen Sonne stehen mussten, und denen man nicht einmal etwas zu trinken gebracht hat.“ Außerdem habe er am Monatsende immer weniger Lohn bekommen als vereinbart. Ohne Erklärung.

„Irgendwann dachte ich bloß noch: Das ist mein Ende"

Er habe die Missstände im Netz unter dem Pseudonym „Noah“ angeprangert und zunächst sogar Erfolg gehabt, berichtet Bidali. „Plötzlich mussten wir nur noch zu dritt in einem Zimmer schlafen, und wir bekamen jeder einen Nachttisch und eine Lampe. Ich dachte: Wow, es geht doch! Alles, was ich tun muss, ist, über die Probleme zu schreiben.“ Also habe er weiter gemacht. Doch dann tut Bidali etwas, was in Demokratien Alltag ist, in autoritären Herrschaftssystemen aber meist böse Konsequenzen nach sich zieht. Er wagt es, die Familie des Emirs von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, zu kritisieren.

Danach sei sein Smartphone gehackt worden, erzählt Bidali. Am 4. Mai 2021 hätten ihn katarische Sicherheitsbehörden festgenommen und verschleppt. Man habe ihm die Augen verbunden, ihn in einen Wagen gezerrt und zwei Tage in eine winzige Zelle ohne Fenster gesteckt. „Sie ließen rund um die Uhr das Licht an, damit ich das Zeitgefühl verliere“, erinnert er sich. „Irgendwann dachte ich bloß noch: Das ist mein Ende, ich werde nie mehr nach Hause kommen.“

Anklage wegen Spionage

Bidali wird monatelang festgehalten und angeklagt. Der Vorwurf: Er arbeitete für einen ausländischen Geheimdienst und verbreite Falschinformationen „um das öffentliche System des Staates zu gefährden“, zitiert das RND aus der Anklageschrift.

Ihm droht eine lange Haftstrafe. Sein Glück: Als „Noah“, der die Missstände in Katar im Internet kritisiert hat, kennt man ihn. Menschenrechtler und Medien machen seinen Fall publik. Im August 2021 kommt der Kenianer frei – gegen eine Zahlung von umgerechnet 7.000 Euro. Viele vermuten, dass Katar die Spionage-Anklage fallen lässt, um ein Jahr vor der WM und im Lichte stärker werdender internationaler Kritik ein PR-Desaster abzuwenden.

"Woher will der DFB wissen, was auf den Baustellen in Katar passiert?"

Etwas mehr als ein Jahr später also tourt Bidali durch Deutschland. „Ein Wunder“, sagt er. Kritik am Deutschen Fußball-Bund (DFB) kann und will er sich aber nicht verkneifen. „Reine PR“ nennt er etwa die Versicherung des DFB, man habe bei der Auswahl des Teamhotels die Arbeitsbedingungen der Angestellten berücksichtigt, also recherchiert, unter welchen Umständen das Hotel gebaut wurde. „Woher will der DFB wissen, was auf den Baustellen in Katar passiert? Wen hat er befragt? Und warum sind die Ergebnisse nicht öffentlich einsehbar?“ (mar)