Jeanne Pouchain möchte endlich wieder leben

Frankreich: Gericht erklärt Frau fälschlicherweise für tot und niemand korrigiert es

Jeanne Pouchain wurde für tot erklärt, nun versucht sie, zu beweisen, dass sie noch lebt.
Jeanne Pouchain wurde für tot erklärt, nun versucht sie, zu beweisen, dass sie noch lebt.
© REUTERS, CECILE MANTOVANI, SAA/

31. August 2021 - 21:29 Uhr

Jeder sieht, dass sie lebt - was hat der Staat für ein Problem?

Jeanne Pouchain möchte endlich wieder leben. Und zwar offiziell leben, mit allem, was in einem modernen Staatswesen und einer Gesellschaft wie der unseren dazugehört. Bankkarte, Krankenversicherung, Reisepass, all diese Dinge. Und da reicht es nicht aus, dass man ganz offensichtlich am Leben ist. Nein, man muss es beweisen. Und das versucht die 58-jährige Französin seit mittlerweile fünf Jahren. Seit dem Tag, an dem sie fälschlicherweise für tot erklärt wurde.

Passantrag abgelehnt, Gesundheitskarte funktioniert nicht mehr

Die alten Dokumente gelten nicht mehr (Foto: Reuters)
Die alten Dokumente gelten nicht mehr (Foto: Reuters)

Seit 2016 währt der Alptraum der Frau aus Saint-Joseph, einem 2.000-Seelen-Dörfchen im Südosten Frankreichs zwischen Lyon und Saint-Etienne. Er begann an dem Tag, als sie einen neuen Pass beantragen wollte. Das wurde abgelehnt. Kurz darauf sollte sie plötzlich die Medikamente gegen ihre Zuckerkrankheit selbst bezahlen, die ihr vorher immer verschrieben wurden. Dann konnte der Arzt ihre Versichertenkarte nicht mehr einlesen. Die Vorfälle häuften ich, wie sie der britischen Zeitung "The Guardian" erzählt.

Eine Zeit lang ärgerte sie sich, doch richtig stutzig wurde sei erst, als ihr Konto ein dickes Minus aufwies. Das hätte nicht sein dürfen, denn die früher selbstständige Unternehmerin hatte ihre Ausgaben immer im Blick und auch eine Reihe Schecks eingereicht. Die jedoch nicht gutgeschrieben wurden, erzählt sie dem britischen Blatt.

Bankdirektor: "Es tut mir leid, Sie existieren nicht"

Jeanne Pouchain poses with her husband Pierre-Jean Pouchain during an interview with Reuters at her home, detailing the ordeal she has been leaving through since being declared dead by a judge, in Saint-Joseph, near Lyon, August 30, 2021. Picture tak
Jeanne Pouchainmit ihremEhemann Pierre-Jean in in Saint-Joseph
© REUTERS, CECILE MANTOVANI, SAA/

Als sie bei der Bank Auskunft verlangte, bei der sie 27 Jahre lang Kundin war, sagte ihr der Direktor: "Es tut mir leid, Sie existieren nicht." Sie habe geantwortet: "Aber ich bin hier, sie kennen mich doch." Er habe keine Erklärung gehabt und erklärt, es gebe keine Aufzeichnungen über eine Jeanne Pouchain und keine Konten unter diesem Namen. Sie solle ihr Scheckbuch zurückgeben. Das tat sie nicht, daraufhin gab er ihr ihre nicht eingelösten Schecks in Höhe von 14.000 Euro zurück.

In den folgenden Monaten kam es zu weiteren Vorfällen, ohne dass sich Jeanne Pouchain einen Reim darauf machen konnte, warum etwas in ihrem Leben gehörig schieflief. Sie versuchte im Oktober 2017 erneut, einen Pass zu beantragen. Wieder wurde der Antrag abgelehnt. Im November 2017 bekam ihr Mann Pierre-Jean plötzlich Einschreiben von einem Gericht – seine Frau sei tot! Sie sei im Februar im Alter von 53 Jahren gestorben.

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Gericht: Niemand kann für tot erklärt werden, der nicht tot ist

Für Jeanne Pouchain brach eine Welt zusammen. Ihrer Auskunft nach hat ein Anwalt gelogen und in einem alten Rechtsstreit zwischen ihr und einer ehemaligen Mitarbeiterin einem Gericht mitgeteilt, sie – Pouchain – sei verstorben. Der Richter habe das einfach geglaubt, obwohl es keine Sterbeurkunde gab. Und somit war sie für die Behörden offiziell tot.

"Ich dachte, ich breche zusammen", sagt sie dem "Guardian". Aber sie dachte, die Lösung sei ganz einfach. "Ich ging zu meinem Arzt, der mir ein Attest ausstellte, dass ich noch am Leben war, dann gingen wir zum Verwaltungsbüro in Saint-Étienne und meldeten eine Unregelmäßigkeit." Doch das Gericht sagte nur, dass niemand für tot erklärt werden kann, der nicht tot ist. Dafür sei es nicht zuständig.

"Es ist wie beim Murmeltiertag"

Spaelweise Papier, doch offiziell ist Jeanne Pouchain immer noch nicht wieder lebendig (Foto: Reuters)
Spaelweise Papier, doch offiziell ist Jeanne Pouchain immer noch nicht wieder lebendig (Foto: Reuters)

Seither kämpft Jeanne Pouchain ihren Kampf gegen behördlichen Irrsinn. "Es ist wie beim Murmeltiertag: Es ist das Erste, woran ich jeden Morgen denke, und das Erste, worüber mein Mann und ich sprechen. Jeder Tag ist ein Tag ohne Ende." Seit fast vier Jahren versucht sie den staatlichen Institutionen in Frankreich klarzumachen, was jeder sehen kann.

Zahlreiche Medien greifen den Fall auf, berichten umfangreich. In einem langen Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters zeigt Pouchain ihre ehemaligen Ausweise, Pässe. Stapelweise Unterlagen, die sie vorgelegt hat. Sie berichtet von großen gesundheitlichen Problemen, die sich eingestellt hätten, weil sie nicht mehr krankenversichert sein kann. Sie bräuchte dringend einen umfassenden Gesundheitscheck, müsste auf neue Medikamente eingestellt werden, würde sich gern die Zähne richten lassen.

Jeanne Pouchain gilt inzwischen nicht mehr als tot aber auch nicht als lebendig

"Ich würde gerne Zähne haben. Können Sie sich das vorstellen? Ich würde wirklich, wirklich, wirklich gerne Zähne haben." Das Ehepaar kämpft weiter. "Wir sagen uns, dass das Ergebnis am Ende zwangsläufig zu unseren Gunsten ausfallen wird. Es wird Zeit in Anspruch nehmen. Aber wir haben die Beweise gebracht, also müssen die Richter jetzt nur noch entscheiden", sagt Jeanne.

Das ist immer noch nicht passiert. Im Januar 2021 berichtet die Nachrichtenagentur afp, dass Jeanne Pouchain auf eine offizielle Bestätigung hoffe, dass sie noch am Leben sei. "Die Behörden haben mir mitgeteilt, ich gelte inzwischen nicht mehr als tot, aber auch noch nicht als lebendig", wird sie zitiert.

"Ich möchte nur gern mein friedliches und ruhiges Leben zu Hause zurück"

Jeanne Puchain würde gern einen Geundheitscheck machen und sich die Zähne richten lassen. (Foto: Reuters)
Jeanne Puchain würde gern einen Geundheitscheck machen und sich die Zähne richten lassen. (Foto: Reuters)

Laut "Guardian" hätten inzwischen mehrere Gerichte, darunter der Kassationsgerichtshof (das höchste Gericht in Frankreich), den Fall geprüft und "Unregelmäßigkeiten" eingeräumt. Wer Jeanne Pouchain offiziell von den Toten auferstehen lassen kann, sei allerdings immer noch unklar. Valéria Faure-Muntian, Abgeordnete in der französischen Nationalversammlung habe mit Justizminister Éric Dupond-Moretti über den Fall gesprochen.

Bis dahin kann die 58-Jährige aus Saint-Joseph nur weiter hoffen, dass sich ihr großer Wunsch erfüllt: "Ich möchte nur gern mein friedliches und ruhiges Leben zu Hause zurück. Mein kleines, ruhiges Leben mit meinem Mann." (uvo / Quellen: Reuters, The Guardian)