Erfolgreicher Start für das neue Album "The Bitter Truth"

Evanescence-Gitarristin Jen Majura im Interview

Jen Majura
Jen Majura
© Tom Row

20. April 2021 - 14:32 Uhr

"The Bitter Truth" erobert mit starken Gitarrenriffs die Charts

Von Mirjam Wilhelm

Evanescence sind zurück – und wie! "The Bitter Truth"* heißt das neue Album der US-amerikanischen Alternative-Rock-Band, das Ende März erschienen und direkt auf Platz 2 der Album-Charts eingestiegen ist. Ganz besonders stolz auf diesen Erfolg ist Gitarristin Jen Majura. Die deutsche Musikerin ist seit 2015 festes Mitglied der Band. "The Bitter Truth" ist nicht nur das erste Album, auf dem Jen mit neuen Evanescence-Songs an der Gitarre zu hören ist – nachdem auf dem Album "Synthesis" (2017) vor allem bekannte Songs der Band mit großem Begleitorchester neu eingespielt wurden – sondern es ist auch das erste Mal, dass neben der Leadsängerin Amy Lee eine weitere weibliche Stimme zu hören ist. Im Interview erzählt Jen Majura unter anderem, wie ihr völlig ungeplanter und überraschender Weg in die Band war und inwiefern sie Songwriting mit Kochen vergleicht.

Das neue Album "The Bitter Truth" ist wieder härter und purer, um einiges schlagzeug- und gitarrenlastiger als die Musik davor. Wie kam es dazu?

Ich glaube, du hörst auf diesem Album in jedem einzelnen Song den Vibe, durch den wir 2020 alle zusammen gegangen sind. Dieses Vermissen in der Zeit der Pandemie, diese Sehnsucht nach Leben, nach Kontakten, nach Reisen. Und dann die Wut darüber, dass alles so ist, wie es ist. Diese ganzen angestauten Emotionen haben sich bei uns in diesem Album einfach komplett entladen. Der Albumtitel "The Bitter Truth" bedeutet aber auch, dass wir in einer sehr schnelllebigen und oberflächlichen Welt leben, voller Instagramfilter und so weiter. Es geht auf der Platte darum, dass wir einfach mehr zurück zum "Menschsein" gehen sollten. Wir sind alle immer viel zu sehr damit beschäftigt etwas darzustellen, das wir vielleicht gar nicht sind, um stark zu sein, um zu passen, um akzeptiert zu werden. "The Bitter Truth" symbolisiert einfach für uns alle, dass wir als Menschheit wieder mehr zum Menschsein zurück müssen, um diesen Planeten, der zur Zeit so in Aufruhr ist – damit meine ich zum Beispiel die Bewegungen wie "Black Lives Matter" oder den Klimawandel – zu heilen. Und ich glaube, das passiert erst, wenn wir uns wieder selbst als Menschen sehen können.

Wie bist du persönlich mit dem Lockdown bisher umgegangen?

Ich bin inzwischen durch alle Phasen durch. Von Wut über Trauer über "ich will nicht mehr"- ich glaube, ich habe echt alles durch. Aber ich denke, die große Qualität als Künstler ist es, sich zu arrangieren, auch wenn die ganze Entertainment- und Kulturbranche mittlerweile schon am Krückstock geht. Es ist Wahnsinn, wie systemirrelevant wir anscheinend sind. Dazu zähle ich alle dazu, Crew, Caterer, alle. Es ist unfassbar, wie wenig Gewichtung anscheinend auf Kultur gelegt wird.

Aber du hast für dich selbst in der langen Zeit daheim andere kreative Möglichkeiten gefunden…

Ja! Socken stricken, kochen, malen … ich habe gemerkt, dass mir persönlich ein bisschen der Drive gefehlt hat. Wenn dein ganzes Leben jahrelang aus Flugzeug, Venue, Hotel, Tourbus, Jetlag, Konzerte spielen besteht und du ein sehr intensives musikalisches Leben mit sehr viel Input hast, dann hast du natürlich auch sehr viel Output. Aber seit dem Lockdown ist mein einziger Input die Couch in meinem Wohnzimmer. Was soll ich denn schreiben, den Couch-Blues? (lacht). Und so kam dann das Malen, das Kochen, das Stricken – ich habe schon richtig viele Socken gestrickt ...(lacht).

Das Album habt ihr zum großen Teil auch schon im Lockdown aufgenommen. Wie lief das?

Ich war letztes Jahr noch zusammen mit der Band und dem Produzenten Nick Raskulinecz im Studio in Nashville, dort haben wir vier Songs eingespielt. Dann sind wir erstmal alle nach Hause geflogen und haben uns verabschiedet "bis nächsten Monat". Und dann kam Corona. Hätte mir letztes Jahr im Februar jemand erzählt, dass ich meine Band für über ein Jahr nicht mehr sehen kann, hätte ich herzhaft gelacht. Wir haben es dann so gemacht, dass Amy und die Jungs in Nashville unter allen Corona-Auflagen weiter aufgenommen haben. Die Dateien haben sie mir geschickt und ich habe eben meine Parts alleine zuhause in meinem Homestudio eingespielt und meinen Teil dazu beigetragen. Das war natürlich schwierig, denn ich bin Perfektionistin … und dann alleine zu entscheiden, ob das jetzt gut genug war, ohne dass Amy hinter mir sitzt und mir Feedback gibt, ohne dass der Produzent was dazu sagt … also der Druck war immens hoch.

Welchen Einfluss hattest du auf das Album, wo ist deine persönliche Note zu erkennen?

Auf jeden Fall bei dem Song "Better Without You". Zuhause bei mir wusste ich nicht, was ich daran noch einfügen oder anders machen sollte, ich fand ihn perfekt, wie er war. Ich habe Amy gefragt, was ich denn dazu noch machen solle und sie sagte: "Sing!" Und das ist die eine Sache, auf die ich so unfassbar stolz bin: Es ist in der ganzen Historie von Evanescence das erste Album mit einer zweiten weiblichen Stimme außer Amys. Als ich das Booklet von der Platte aufgemacht habe und da stand "Jen Majura, Guitar, Vocals" war ich so stolz! Ich würde sagen, ich habe auf 90 Prozent der Songs auf dem Album gesungen. Und dann ist es überall auf der Welt so hoch in die Charts eingestiegen – ein tolles Gefühl! Und zur Frage, wo man noch meine ganz persönliche Note heraushört: im Intro von "Broken Pieces Shine".

Wie arbeitet ihr beim Songwriting zusammen?

Dieses Album haben wir wirklich als Gruppe gemeinsam geschrieben. Das Songwriting ging bereits 2019 los. Wir haben uns in Kanada in ein wunderschönes großes Haus in einem Wald zurückgezogen und haben dort im Wohnzimmer die Songs geschrieben. Jeder hat seine Ideen und seinen Flavour reingebracht. Ich vergleiche das immer gerne mit Essen: Jeder von uns ist ein bestimmtes Gewürz. Beim einen Essen schmeckst du mehr Oregano, beim nächsten mehr Majoran und dann wieder etwas Schärferes, je nachdem von wem die Komposition am meisten ausging. So haben wir als Band schon schön gekocht zusammen (lacht).

„Better Without You“: Hier ins Video reinschauen

Die Geschichte, wie du zu Evanescence gekommen bist, ist ja echt ungewöhnlich. Wie war das genau? Du hast nicht mal vorgespielt?

Ich habe mit meiner damaligen Band auf einem Festival in Tschechien gespielt, zeitgleich vor Ort war auch die Band Testament mit ihrem wunderbaren Gitarristen und meinem inzwischen sehr guten und engen Freund Alex Skolnick. Wir haben uns erzählt, was bei uns so gegenseitig los ist und er war sehr verwundert darüber, dass ich in dieser Band Bass gespielt habe und nicht Gitarre. Auf die Frage "Warum" konnte ich nur antworten, "sie haben halt keinen Gitarristen mehr gesucht!" (lacht). Drei Tage später kam eine Email von ihm – "Jen, es werden sich Freunde von mir aus Amerika melden. Ich kann nichts Genaues sagen, aber es ist etwas, zu dem du 'Ja' sagen solltest!" Ich las die Mail und dachte nur "was ist denn jetzt mit ihm – warum schreibt er so komisch", das war ganz seltsam. Und kurz darauf kam dann die Email vom Management von Evanescence mit der Frage, ob ich Interesse hätte … in dem Moment habe ich sofort mit "Ja" geantwortet und dann erst die ganze Email gelesen (lacht). Ein paar Tage später habe ich dann mit Amy Lee telefoniert, sie hat mich nach New York kommen lassen und wir haben einfach Zeit miteinander verbracht, um uns menschlich kennen zu lernen. Ich brauchte nicht mal meine Gitarre mitbringen, denn sie hatte schon so viele Videos von mir gesehen dass sie wusste, wie ich spiele. Es ging ihr mehr um das Menschliche. Denn wenn du jemanden in einer Band ersetzen musst, dann ist es wichtig, dass du auf der selben Wellenlänge bist. Wenn man ganz banal darüber nachdenkt – ein Konzert ist 90 Minuten lang, aber was ist denn mit der restlichen Zeit, die man ununterbrochen auf Tour zusammen verbringt? Da musst du schauen, dass du diesen einen Menschen findest, mit dem du leben kannst. So eine Band ist nicht nur ein Job, mit dem du null emotional und privat zu tun hast, es wird dein Leben.

Es ist bestimmt auch wichtig, sich gut zu verstehen, um überhaupt gemeinsam Musik zu machen, oder?

Es kommt auf die Musikrichtung an. Wenn man Death Metal macht, muss das vielleicht nicht unbedingt sein (lacht).

Evanescence (v.l.): Jen Majura, Will Hunt, Amy Lee, Tim McCord, Troy McLawhorn
Evanescence (v.l.): Jen Majura, Will Hunt, Amy Lee, Tim McCord, Troy McLawhorn
© Nick Fancher

Ist es schwierig, sich neu in eine Band einzufinden?

Im Fall von Evanescence absolut nicht. Ich hatte ein bisschen Angst vor meinem ersten Konzert mit der Band im November 2015 in Nashville, wie wohl die Fans reagieren. Da habe ich mir große Sorgen gemacht, aber ich bin auf die Bühne gegangen und vor mir ging ein riesengroßes Schild hoch, auf dem stand "Willkommen in der Evanescence-Familie, Jen". Ich hatte richtig Pipi in den Augen – wir haben wirklich die tollsten Fans der Welt. Und auch innerhalb der Band. Wir sind wirklich ein Team, wir sind Freunde, wir sind wie eine Familie. Auch mit der Crew sind wir immer zusammen, wir machen alles gemeinsam, Ausflüge, Essen gehen, alles. Es ist sehr schön zu sehen, dass Amy über die Jahre ein unfassbar tolles Team zusammengestellt hat.

Hast du dich durch Evanescence musikalisch weiterentwickelt?

Hm. Das ist ein gute Frage … (überlegt). Ich empfinde es so, dass ich sehr viel von Amy lernen konnte, was Gesang angeht. Bei der "Synthesis"-Tour, die wir mit Live-Orchester gemacht haben, dufte ich enorm viel singen. Da habe ich sehr viel gelernt, Phrasierung, Körpersprache lesen und wie du als Backgroundsängerin die Hauptstimme richtig unterstützt und nicht plattsingst oder verdrängst. Ich habe da auch sehr viel über Orchester-Arrangements gelernt. Es war eine ganz tolle Erfahrung, eine ganz andere Art von Musik, als ich sonst mache oder höre. Aber danach mussten wir auch wieder mal so richtig rocken, ich denke, das ist auch ein Grund, warum "The Bitter Truth" so hart geworden ist und wir nochmal etwas zugelegt haben, was die Heaviness angeht.

Lass uns auch über deine Solo-Karriere sprechen. Nach deinen beiden Alben "Jen Majura" (2015) und "InZENity"* (2017) hast du 2020 mit dem Musiker Alen Brantini das Projekt "Something On 11" realisiert. Wie kam es dazu?

Alen und ich sind schon seit Ewigkeiten befreundet. Und wie es halt so ist, wenn du zwei Musiker hast – wir haben irgendwann gesagt, lass uns doch mal was zusammen machen. Und so entstand "Something On 11". Wir haben etwas aufgenommen, und dann ging das Coronajahr los und ich wusste nicht, was machen wir, bringen wir das Album heraus oder nicht … aber ich glaube, dass positive, energetische, aufmunternde Musik zur Zeit mehr gebraucht wird als je zuvor. Die Songs sind definitiv mit positiven Vibes geladen. Es geht nicht darum, dass wir jetzt die Welt erobern wollen damit, wir haben das so als Musiker für uns gemacht, mit unkonventionellem Songwriting.

Woher nimmst du die Inspiration für deine unterschiedlichen musikalischen Projekte?

Ich glaube, es ist falsch zu glauben, dass man durchs Leben geht und auf Inspiration wartet. Alles kann Inspiration sein. Das Leben an sich ist Inspiration. Ich schaue aus dem Fenster und sehe etwas, ich schaue einen Film an, ich lese ein Buch … ganz egal, was dir passiert im Leben, alles kann Inspiration sein. Die Frage ist nur, ob du es als Inspiration zulässt und wahrnimmst.

Welche Musik hat dich in deiner Jugendzeit geprägt, was hast du gehört?

Mein persönlicher Musikgeschmack ist etwas extravagant, sagen wir es mal so (lacht). Privat höre ich gerne Steve Vai, Freak Kitchen, Panzerballett – eher so unkonventionelle, schwer verdauliche Musik. Steve Vai habe ich entdeckt, als ich zehn Jahre alt war. Im Teenageralter haben dann alle die Backstreet Boys gehört und waren im Freibad, ich war zuhause und habe Gitarre geübt.

Du hast bereits im Alter von sechs Jahren angefangen, Gitarre zu spielen. Wie kam die Liebe zu dem Instrument?

Mein Papa ist auch Musiker, deswegen war Musik für mich nie etwas Abstraktes, sie war immer da. Ich wollte nie etwas anderes machen, ich wusste schon mit vier Jahren, ich will Musikerin werden. Und ich habe tolle Eltern, die mich immer unterstützt haben. Sie haben immer gesagt, wenn es das ist, was ich machen möchte, was mich glücklich macht, dann unterstützen sie mich dabei. Mein Vater wollte zwar, dass ich Piano spiele, aber mit sechs Jahren habe ich dann Bands wie Kiss und Bon Jovi gesehen und wollte rocken (lacht).

Gitarristin Jen Majura lebt für die Musik
Gitarristin Jen Majura lebt für die Musik
© Tom Row

Du spielst ja nicht nur E-Gitarre, sondern auch auch klassische Gitarre und Flamenco. Welche Gitarristen inspirieren dich, wer sind deine Vorbilder?

Steve Vai, Ron "Bumblefoot" Thal, Guthrie Govan und Mattias "IA" Eklundh. Steve und Mattias haben mich wahrscheinlich am meisten beeinflusst, weil ich einfach fasziniert bin von innovativen, kreativen Köpfen, die es selbst heutzutage noch schaffen, die Gitarre neu klingen zu lassen. Es geht immer einen Schritt weiter als bei anderen.

Was war das beste Live-Konzert, das du bisher gesehen hast?

Oh Gott, das waren so viele großartige Konzerte, das kann ich gar nicht mehr sagen. Bei einem der für mich wichtigsten Konzerte war ich noch ein kleines Kind. Mein Papa hat mich zu einem "G3" Konzert von Steve Vai und Joe Satriani mitgenommen. Ich war ganz vorne in der ersten Reihe, und das hat nochmal so einen extra Kick gegeben, dass ich das auch machen möchte.

Du hast auch eine eigene Musikschule. Wie sieht das aus, unterrichtest du selbst? Welche Instrumente?

Ich unterrichte E-Gitarre, Akustik-, Flamencogitarre – alles, auch Klassik, Musiktheorie, Instrumentenkunde – da ist alles dabei. Es tut auch gut, unterrichten erdet einen sehr. Das ist eine sehr dankbare Tätigkeit, die ich nicht missen möchte. Man vermittelt den Schülern auch das Gefühl "Musik", zusammen etwas zu kreieren, gemeinsam etwas entstehen zu lassen. Darum geht es in der Musik – dass die Kunst, du du kreierst, die Leute berührt.

Die gemeinsame Tour von Evanescence und Within Temptation wurde jetzt nochmal verschoben auf 2022. Während der Coronazeit gab es ja immer wieder verschiedene Ideen, Live-Events umzusetzen – im Autokino zum Beispiel oder via Livestream. Was hältst du davon?

Also bevor ich vor einem Haufen Blech spiele, der hupt und mit Scheibenwischern Applaus symbolisiert, muss noch viel passieren (lacht). Ich finde es toll, dass es Kollegen gibt, die das machen, aber was das angeht, warte ich lieber. Livestreams sind etwas anderes, da haben wir ja auch schon ein paar gemacht. Das ist schon eine gute Möglichkeit, den Fans etwas zu geben.

Evanescence und Within Temptation: Neue Termine für die "Worlds Collide"-Tour

Tickets und Termine für die Daten 2022 gibt es hier.

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