Das belgische Fußball-Phänomen

Kevin (de Bruyne) allein macht's aus

Kevin de Bruyne, der Matchwinner.
Kevin de Bruyne, der Matchwinner.
© dpa, Dirk Waem, mbu

18. Juni 2021 - 8:39 Uhr

Die "Diables Rouges" lösen das Achtelfinal-Ticket

Von Tobias Nordmann

Die Italiener haben vorgelegt, die Belgier dann nachgezogen: Als zweite Mannschaft bei der Fußball-EM qualifizieren sich die "Diables Rouges" für das Achtelfinale. Beim Sieg gegen Dänemark wird deutlich, wie sehr der Erfolg des Teams an Kevin de Bruyne hängt.

Zwei ganz unterschiedliche Halbzeiten

Die Sache mit der belgischen Fußball-Nationalmannschaft ist eigentlich ganz einfach: Ohne Kevin de Bruyne sind die "Diables Rouges" ein Team, das noch ein paar Tage erfolgreich bei dieser Fußball-Europameisterschaft mittun wird. Mit Kevin de Bruyne sind die "Diables Rouges" indes ein Team, das mutmaßlich bis zum letzten Tag dieses Turniers mitwirken kann. Um es kurz zu machen: Mit Kevin de Bruyne ist Belgien ein anderes Team. Ein Titel-Favorit. Ein Topfavorit. Neben den bemerkenswerten Italienern, neben den (noch) zurückhaltenden Franzosen.

Es gibt ja immer wieder Spiele, in denen der Konjunktiv für ungute Emotionen sorgt. Man sagt sich dann: Ach, was wäre nur gewesen, wenn ...! Nun, das zweite Vorrundenspiel der Belgier gegen Dänemark (2:1) brauchte diesen Konjunktiv gar nicht erst zu bemühen. In der ersten Halbzeit war Kevin de Bruyne nicht auf dem Platz. Zur zweiten Halbzeit wurde er eingewechselt. In der ersten Halbzeit war Dänemark, emotional brutal aufgeladen durch die 25.000 Zuschauer in der heimischen Arena in Kopenhagen und emotional immer noch brutal angefasst nach dem Kollaps-Drama um Spielmacher Christian Eriksen (ihm geht's zum Glück besser) aus der Auftaktpartie, klar besser. Nach 99 Sekunden ging das Team sogar in Führung. Durch den Leipziger Yussuf Poulsen. Begünstigt durch einen sehr schlampigen Pass von Belgiens Abwehrspieler Jason Denayer.

Lukaku hat mit Eriksen vor dem Spiel telefoniert

RTL.de empfiehlt

Anzeigen:

Er prägt das Spiel wie kein Zweiter

Zur Pause baute Trainer Roberto Martinez seine "Diables Rouges" um. Und eine Maßnahme reicht, um alles auf dem Platz zu verändern. Für Dries Mertens kam Kevin de Bruyne. Erste nennenswerte Aktion: In der 54. Minute nahm er ein Zuspiel des überragend nach vorne gesprinteten Romelu Lukaku gut zwölf Meter vor dem Tor an, er schoss nicht, nein, er streichelte den Ball mit der Sohle im vollen Tempo, legte ihn sich perfekt vor. Wieder schoss er nicht, nein, er spielte den Ball quer durch den Fünfmeterraum, wo Thorgan Hazard war, schoss, Tor 1:1. Beim ZDF staunte der Gladbacher Christoph Kramer in seiner Rolle als Experte: "99 von 100 Spielern machen das so nicht." Einer schon. Kevin de Bruyne. Man muss kein Fan dieses Spielers sein, um ihn faszinierend zu finden.

Wie sein Klub Manchester City hört auch das Nationalteam auf den 29-Jährigen. Er muss dafür nicht mal laute Kommandos geben. Seine Bewegungen, seine Wege geben den Rhythmus vor. Sorgt er mit seinen Läufen für Tiefe, werden seine Mannschaften gefährlich. Sorgt er für Breite, sind seine Mannschaften kaum vom Ball zu trennen. Das gilt für die Citizens indes noch mehr als für die "Diables Rouges". Was wiederum beide Teams vereint: Egal, wo sich seine Mitspieler auf dem Feld die Pässe zuspielen, sie haben immer das Auge für ihr Metronom. Wenn er startet, löst das Team die Aktion aus. Ein vergeblicher Laufweg? Nein. Wohl keiner Spieler im europäischen Spitzenfußball prägt seine Teams so sehr wie Kevin de Bruyne. Vielleicht noch Lionel Messi beim FC Barcelona? Wie perfekt die Belgier ihren Superstar auch für den Abschluss in Szene setzen können, wiesen sie beim Siegtreffer nach. Der Ball lief über Lukuka, über Youri Tielemans und die Hazard-Brüder in perfekter Kurz- und Doppelpass-Harmonie durch bis zu de Bruyne, der von der Strafraumkante knallhart und platziert abzieht. Diese Szene war eines Weltranglisten-Ersten würdig.

Eine andere Mannschaft. Ein Titel-Favorit.

Simon Kjaer, Romelu Lukaku og Jannik Vestergaard under kampen mellem Danmark og Belgien i gruppe B under EURO2020 i Parken i Koebenhavn, torsdag den 17. juni 2021.. , Copenhagen Denmark *** Simon Kjaer, Romelu Lukaku and Jannik Vestergaard during the
Romelu Lukaku ist in bemerkenswerter Form.
© imago images/Ritzau Scanpix, Mads Claus Rasmussen via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Ja, diese Belgier ..., ach, man kann es ja irgendwie auch nicht mehr hören. Die Geschichten von der "goldenen Generation", von dem ewigen Geheimfavoriten. All das ist längst überholt. Wenn diese Mannschaft mit ihren Hochbegabten endlich einen Titel holen will, dann jetzt. Besser werden Spieler wie de Bruyne, wie die Brüder Thorgan und Eden Hazard (gut, er hat nach seinen zahlreichen Verletzungen noch Raum für Steigerungen) nicht besser. Und auch Lukaku spielt derzeit wohl in der besten Verfassung seiner Karriere. Noch ein Turnierzyklus und noch einer bis zum so ersehnten Titel, den kann sich diese Mannschaft nicht mehr erlauben. In der Abwehr sind die Spuren des Alters bereits zu sehen. Jan Vertonghen ist bereits 34, Toby Alderweireld 32. Beide haben viel von ihrer Schnelligkeit eingebüßt. Junge Alternativen auf Top-Niveau sind derzeit nicht verfügbar. Denayer ist zwar erst 25, aber (noch) nicht der Mann, der die neue große Abwehrchef-Hoffnung ist.

Besonders für de Bruyne wäre ein großer internationaler Titel der Lohn für seine herausragenden Leistungen. Mit City hat er gerade erst eine fürchterliche Enttäuschung erlebt. Im Finale der Champions League unterlag Manchester dem FC Chelsea mit 0:1, das Siegtor schoss Deutschlands Top-Talent Kai Havertz (42.). Es war ein Finale für den Belgier, das nicht nur psychische Schmerzen verursachte, sondern auch physische. Nach einem Zusammenprall mit der Schulter von Antonio Rüdiger (ebenfalls deutscher Nationalspieler) konnte de Bruyne nicht weitermachen, er zog sich einen Augenhöhlen- und Nasenbeinbruch zu. Er wurde operiert, verpasste den EM-Auftakt gegen Russland, der mit einem 3:0-Sieg bereits beeindruckend ausgefallen war. Allerdings waren die Russen auch ein ganz schwacher Gegner.

Nun ist de Bruyne dabei. Und Belgien noch besser. Eine andere Mannschaft. Ein Titel-Favorit. Ein Topfavorit.

Auch interessant