Ein Foto erschüttert die Welt: In Bodrum wird ein totes Flüchtlingskind angespült

04. September 2015 - 14:35 Uhr

Sinnbild der Flüchtlingskrise im Mittelmeer

Ein Foto eines ertrunkenen Kleinkindes wird zum Sinnbild der Flüchtlingskrise. Das schockierende Bild, das in internationalen Medien und sozialen Netzwerken und um die Welt ging, führt sehr drastisch vor Augen, wie gefährlich die Flucht über das Mittelmeer ist. Die Aufnahme entstand in der türkischen Stadt Bodrum und zeigt die Leiche eines kleinen Jungen, die am Strand angespült wurde. In der Nähe stehen zwei Polizisten. Das tote Flüchtlingskind liegt mit dem Gesicht nach unten im Sand und wird von der Brandung umspült.

Ertrunkenes Flüchtlingskind angespült in Bodrum am Strand
Das Foto eines ertrunkenen Flüchtlingskindes sorgt weltweit für Entsetzen.
© dpa, Dogan News Agency

Der Junge, der die Überfahrt nach Europa nicht überlebte, soll Aylan Kurdi heißen. Er wurde nur drei Jahr alt. Laut der britischen Zeitung 'Guardian' gehörte er zu einer Gruppe syrischer Flüchtlinge, die vor der türkischen Küste ertrunken waren.Insgesamt zwölf Menschen sollen bei dem Vorfall ums Leben gekommen sein, darunter auch die Mutter und der fünfjährige Bruder des Jungen auf dem Foto.

Der Vater kam knapp mit dem Leben davon. Das Boot, in dem die Familie die Überfahrt wagte, sei bei hohem Wellengang gekentert, sagte Abdullah Kurdi dem oppositionellen syrischen Radiosender 'Rosana FM'. Die Schleuser, denen er 4000 Euro gezahlt hatte, seien nach Beginn des hohen Wellengangs ins Wasser gesprungen, um sich zu retten. Inzwischen wurden die Männer verhaftet, die die Überfahrt organisiert haben sollen.

"Ich half meinen beiden Söhnen und meiner Frau und versuchte mehr als eine Stunde lang, mich am gekenterten Boot festzuhalten. Meine Söhne lebten da noch. Mein erster Sohn starb in den Wellen, ich musste ihn loslassen, um den anderen zu retten." Unter Tränen erzählte der Mann, dass trotz aller Bemühungen auch der andere Sohn gestorben sei. Auch seine Frau ertrank in den Wellen. "Danach war ich drei Stunden im Wasser, bis die Küstenwache ankam und mich rettete", berichtete Kurdi.

"Wenn dieses Bild die Welt nicht verändert, haben wir alle versagt"

Das Kind stammte wohl aus dem syrischen Kobane – seine Familie war vor Krieg und IS-Terror geflohen. Von Bodrum aus versuchten sie per Flüchtlingsboot in die griechische Hafenstadt Kos zu gelangen. Die Familie hatte vor, nach Kanada zu emigrieren, berichtete die kanadische Zeitung 'Ottawa Citizen'. Doch die Hoffnungen auf ein besseres Leben in Frieden und Sicherheit erfüllten sich nicht. Die gefährliche Überfahrt wurde der Familie zum Verhängnis.

Viele Twitternutzer äußerten sich unter dem Hashtag #KiyiyaVuranInsanlik (grob übersetzt: Menschheit an die Küste gespült) bestürzt über das traurige Bild. "Alles, was bleiben wird, sind unsere gebrochenen Herzen", schrieb ein Nutzer. "Mir kamen die Tränen (...)", oder auch "Ohne Worte", meinen andere.

Viele glauben, dass das Bild, das die ganze Dramatik der Lage vieler Flüchtlinge zeigt, zu einem veränderten Umgang der Asylpolitik in Europa führen müsse. "Wenn dieses Bild die Welt nicht verändert, haben wir alle versagt", schrieb beispielsweise ein Twitter-Nutzer. Auch das Portal 'Meedia.de' bezeichnete das Foto als "medialen Wendepunkt". Die türkische Zeitung 'Hürriyet' betitelte das Bild mit "Die Welt ist erschüttert".

Peter Bouckaert von der Menschenrechtsorganisation 'Human Rights Watch' erklärte: "Einige sagen, das Foto sei zu anstößig, um es online zu teilen oder in unseren Zeitungen abzudrucken, aber ich finde es vielmehr anstößig, dass an unseren Küsten ertrunkene Kinder angespült werden, wenn wir mehr hätten tun können, um ihren Tod zu verhindern."

Auch die Eltern des Jungen seien nicht dafür zu verurteilen, dass sie ihr Kind einer so großen Gefahr ausgesetzt hätten. "Diese Eltern sind Helden", meinte Bouckaert. Es sei verständlich, dass sie versucht hätten ihre Kinder an einen sicheren Ort zu bringen. Schließlich hätten sie in Syrien Gräueltaten mitansehen müssen.