Agenten-Thriller im Check

„Das Zweite Geheimnis“ von Titus Müller: Geschichte wird lebendig

Das zweite Geheimnis von Titus Müller
Das zweite Geheimnis von Titus Müller
(c) Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Muenchen

Von Tobias Elsaesser

Der zweite Teil von Titus Müllers Trilogie um die BND-Spionin Ria Nachtmann. Es ist Mai 1973, seit dem Bau der Berliner Mauer sind knapp 12 Jahre vergangen. Ria hat die Zusammenarbeit mit dem Bundesnachrichtendienst aufgekündigt und versucht ein systemkonformes Leben zu führen. Wäre da nur nicht die Liebe. Sie kann ihren Ex-Freund, den westdeutschen Journalisten Jens Fichtner nicht vergessen und trifft sich mit ihm im Urlaub in Bulgarien.

Im Visier der Stasi

Das sieht – wie so ziemlich alles, was DDR-Bürger zu jener Zeit taten – auch die Staatssicherheit. Gleichzeitig scheitert ihr Schwager bei seiner Flucht in den Westen. Und schon ist Ria in der prekären Situation, die wohl niemand je besser beschrieb als Al Pacino aka Michael Corleone in „Der Pate III“: „Als ich dachte ich wäre draußen, war ich wieder mittendrin“. Zunächst in Stasi-Untersuchungshaft, dann wieder mittendrin im Geschäft der Spionage. Denn um ihrer Schwester und deren inhaftiertem Mann zu helfen, sieht sie nur eine Chance: Zurück zum BND.

Doch die Stasi hat die Vertraute des DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck im Visier. In der Bundesrepublik hat ihr ehemaliger Agentenführer Stefan Hähner ganz andere Probleme. Nach dem Verlust Rias zum Verfassungsschutz abgeschoben, entdeckt er merkwürdige Funksprüche, die auf einen Stasi-Spitzel im Bundeskanzleramt schließen lassen. Bald ist klar: Rias und seine Wege sollen sich erneut kreuzen.

Der GAU der DDR-Spionage.

Nachdem Müller im ersten Teil der Trilogie, „ Die fremde Spionin“*, die Handlung rund um den Bau der Berliner Mauer hat spielen lassen, wählt er nun ein weiteres einschneidendes Ereignis in der deutsch-deutschen Geschichte als Rahmenhandlung: Die Guillaume-Affäre rund um Bundeskanzler Willy Brandt (SPD). Dem Stasi-Spion Günter Guillaume war es gelungen, in der SPD Karriere zu machen, vom einfachen Parteimitglied bis hinein in den engsten Kreis des Bundeskanzlers. Markus Wolf, Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes, gab später zu, dass man damit niemals gerechnet hatte.

Es war der größte Erfolg der DDR und gleichzeitig ihr größter Misserfolg. Denn Brandt, so etwas wie der „Wunschkanzler“ der DDR, musste 1974 nach der Enttarnung Guillaumes zurücktreten. Zwei Jahre zuvor hatte die DDR noch zwei Unions-Abgeordnete bestochen, damit Brandt das konstruktive Misstrauensvotum, das CDU-Gegenspieler Rainer Barzel zum Kanzler machen sollte, überstand. Der von der Affäre verursachte Sturz Brandts war im Grunde der GAU der DDR-Spionage.

Doch nicht nur der westdeutsche Bundeskanzler wird ausspioniert. In der DDR kann sich kaum ein Bürger sicher sein, nicht den Augen und Ohren der Staatssicherheit ausgeliefert zu sein. Selbst während ihres Urlaubs in einem sozialistischen Bruderland kann Ria der engmaschigen Stasi-Überwachung nicht entkommen, so sehr sie sich auch bemüht. Zurück in Ost-Berlin wird es noch schlimmer. Auch wenn der Grund für ihre Festnahme nicht ihr Treffen mit Jens ist, sondern der Fluchtversuch ihres Schwagers. Die hartnäckige Verhörspezialistin Marga Dierks ist sich sicher, dass Ria für den Westen spioniert. Zwar wird Marga auf Weisung von Schalck zurückgepfiffen, aber sie bleibt auf eigene Faust an Ria dran.

Zwischen den beiden Frauen kommt es zu einem spannenden Duell, bei dem mal die eine, mal die andere die Nase vorn hat. Zum einen schafft Müller mit diesem (v)erbitterten Zweikampf das Herzstück des Buches. Zum andern gelingt es ihm, die perfiden Methoden des Stasi-Apparates eindrucksvoll in Szene zu setzen: Die systematische Erniedrigung in der Haft, Säen von Misstrauen, Verbreitung von Gerüchten, die Instrumentalisierung engster Familienmitglieder, Überwachungs- und Abhörmaßnahmen.

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Duell der Spioninnen

Mit dem eigenmächtigen Vorgehen Margas, nimmt Müller in Ansätzen vorweg, was ab 1976 von der Stasi systematisch zur Überwachung und Bekämpfung „unliebsamer Personen“ angewandt werden sollte: Die Methode der „Zersetzung“, beschrieben in der „Richtlinie Nr. 1/76 zur Entwicklung und Bearbeitung Operativer Vorgänge (OV)“ des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Zersetzung (ab 1981 auch als Begriff im Wörterbuch zur politisch-operativen Arbeit der Staatssicherheit erklärt) hatte die „systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges auf der Grundlage miteinander verbundener wahrer, überprüfbarer und diskreditierender, sowie unwahrer, glaubhafter, nicht widerlegbarer und damit ebenfalls diskreditierender Angaben; systematische Organisierung beruflicher und gesellschaftlicher Misserfolge zur Untergrabung des Selbstvertrauens einzelner Personen“ zum Ziel.

Wie im ersten Teil gelingt es Müller, auch in „Das zweite Geheimnis“ ein wichtiges und traumatisches Kapitel deutsch-deutscher Geschichte zum Leben zu erwecken. Geschickt verwebt er Fakten und Fiktion. Vieles – wie die Enttarnung Guillaumes oder der Ausbruch aus dem Gefängnis Bautzen – hat genau so stattgefunden. Auch das Vorgehen der Stasi ist durch Aussagen vieler Betroffener – Opfer und Täter – belegt. Und so schafft es Müller mit diesem akribisch recherchierten Thriller erneut, deutsch-deutsche Vergangenheit erfahrbar zu machen. Man darf auf den nächstes Jahr erscheinenden und abschließenden Teil der „Spionin-Trilogie“ gespannt sein.

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