Anas erzählt von der Begegnung mit Angela Merkel

Ein Selfie mit der Bundeskanzlerin: „Frau Merkel hat mir das Leben gerettet“

15. Juli 2021 - 10:39 Uhr

Ein Selfie, das um die Welt geht

von Kathrin Hetzel

2015 kommt Anas nach Deutschland. Über die Balkanroute flüchtet er vor Krieg und Unsicherheiten aus seiner Heimat in Syrien. Mehrere gescheiterte Überfahrten über das Mittelmeer und viele weitere Strapazen später, steht er in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin plötzlich Bundeskanzlerin Angela Merkel gegenüber. Der Frau, die es ihm ermöglicht hat nach Deutschland zu kommen. Er macht mir ihr ein Selfie. Merkel und der syrische Flüchtling – der Schnappschuss geht um die Welt und wird Symbolbild für die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin.

Aber auch für Anas ändert sich einiges. Das Selfie wird Fluch und Segen gleichermaßen und mündet zwischenzeitlich in einer Klage gegen den Medienkonzern Facebook. Wie "Frau Merkel" sein Leben auf den Kopf gestellt hat, erzählt er jetzt – fast sechs Jahre nach dem Selfie – RTL-Reporterin Nazan Eckes. "Frau Merkel hat mir das Leben gerettet", sagt er heute.

Im Video: Nazan Eckes trifft Anas

„Ich mache erstmal ein Selfie und erfahre später wer das ist.“

Es wirkt wie ein Schnappschuss, ungestellt und aufgenommen in aller Eile: Ein junger Mann mit kurzen gegelten Haaren ist darauf zu erkennen. Ein leichtes, aber selbstbewusstes Lächeln liegt auf seinen Lippen. Im Hintergrund tummeln sich überall Menschen. Sie alle sind gekommen wegen der Frau, um die nun der Arm des jungen Mannes liegt. Sie selbst lächelt freundlich in die Kamera, der Daumen der rechten Hand zeigt nach oben: "Daumen hoch". Ein typisches Selfie, wäre die Frau in dem türkisfarbenen Blazer nicht Deutschlands bekannteste Politikerin: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Anas, der syrische Flüchtling, gerade einmal zwei Tage in der Flüchtlingsunterkunft in Berlin, weiß zu dem Zeitpunkt nicht, um wen es sich da auf seinem Selfie eigentlich handelt. Es muss schon jemand Berühmtes sein, so viel Aufsehen, so viele Leute und alle so fein herausgeputzt.

"Aus Sicherheit haben sie nicht verraten, wer da zu Besuch kommt, aber ich habe gewartet, um zu erfahren, wer da wirklich kommt. […] Ich habe so gedacht: Das ist bestimmt eine bekannte Schauspielerin oder Politikerin. Ich dachte mir: Ich mache erstmal das Selfie und später erfahre ich wer das ist."

Und das tut er auch wenig später: Die freundliche Frau im Blazer ist Angela Merkel, Bundeskanzlerin von Deutschland. Die Frau, die die Grenzen für ihn und so viele andere geöffnet hat und ihm eine Chance zu einem neuen Leben abseits von Krieg und Angst ermöglicht hat.

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Nicht mehr nur "irgendein" Flüchtling

Festgehalten wurde dieser Moment nicht nur auf Anas Smartphone. Ein Agenturfotograf hielt die Szene in einem Foto fest. Die deutsche Bundeskanzlerin neben einem syrischen Flüchtling in Berlin – ein Bild mit Symbolcharakter, das schon bald um die halbe Welt gehen sollte. Es steht für die weltoffene Flüchtlingspolitik Deutschlands und unterstreicht nicht zuletzt Merkels berühmten Satz "Wir schaffen das!".

Plötzlich ist Anas nicht mehr nur einer von den Millionen Flüchtlingen. Die Welt kennt seinen Namen und sein Gesicht. Er postet es auf Facebook, es wird sein neues Profilbild. So lernt er viele neue Menschen kennen, unter anderem seine neue Gastfamilie. Genau das hatte er sich gewünscht: neue Menschen kennenzulernen und so leichter die deutsche Sprache zu lernen.

Anas im Kampf mit Facebook

Anas mit dem Selfie von Angela Merkel
Heute sechs Jahre nach dem Treffen mit Merkel, erzählt Anas von dem Selfie, das ihn berühmt gemacht hat.
© RTL

Doch die Stimmung kippte plötzlich. Denn das Selfie mit der Bundeskanzlerin brachte nicht nur Bewunderer von Merkel auf mit sich, sondern auch viele Kritiker ihrer Flüchtlingspolitik. Viele Menschen, die eben nicht gut fanden, dass die Grenzen offen waren und dort plötzlich so viele Flüchtlinge in "ihrem" Land waren. Anas Modamani war der direkte Beweis dafür und personifizierte die Ängste Vieler auf sehr direkte Art und Weise.

Plötzlich wurde Anas mit der terroristischen Szene in Verbindung gebracht. Auf Facebook wurde sein Bild unter anderem im Zusammenhang mit den Anschlägen in Brüssel am 22. März 2016, mit dem LKW-Anschlag am Berliner Breidtscheidplatz und zuletzt mit dem Anzünden von Obdachlochen in Berlin gebracht. Schließlich titelte man nicht mehr "Merkel und der syrische Flüchtling", sondern "Merkel und der Terrorist".

Anfeindungen, die Anas dazu brachten, nicht mehr das Haus verlassen zu wollen, Angst zu haben sein Gesicht offen auf der Straße zu zeigen, Hasskommentare und nicht zuletzt auch Angst alles bisher Erreichte wieder verlieren zu können.

Ein Ende setzen wollte er den Gerüchten mit einer Klage gegen Facebook. Die er wenig später verlor. Die Gerichtskosten gegen den Milliardenkonzern wurden zu hoch. Lieber wollte er sich um seine Zukunft kümmern, die deutsche Sprache richtig lernen. Trotz verlorener Klage hatte Anas seine Geschichte aber wieder ins richtige Licht gerückt.

Anas Geschichte

Anas ist 2015 aus Syrien, aus einem kleinen Vorort von Damaskus geflüchtet. Der bald 18-Jährige sollte den Militärdienst antreten. Keine Option für den Abiturienten, denn dort verbringe man entweder sein ganzes Leben oder sterbe dort – wie viele seiner Freunde und Bekannten. Ein Schicksal, das Anas nicht blühen soll. Seine Familie bereitet die Flucht vor. 3000 Euro spart seine Familie für ihn. Er lässt Vater, Mutter und Geschwister zurück.

Seine Flucht führt ihn zunächst in die Türkei. Dort wird Europa angepriesen, man könne dort studieren und sei sicher. Das bestätigen auch Anas' Recherchen. Von Deutschland und Angela Merkel hatte er gehört.

"Ich wusste, dass die Politik hier in Deutschland ganz gut ist, dass man hier seine Rechte hat und man sein Leben hier führen kann, wie normale Menschen – im Gegensatz zu Syrien."

Er zahlt Schleusern fast die Hälfte seines Geldes für die Überfahrt in einem Schlauchboot nach Griechenland. Die ersten beiden Versuche scheitern, der dritte wäre beinahe schief gegangen. Viele Mitflüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder auf Anas' Boot, schaffen es nicht bis ans Land. Über Umwege erreicht er schließlich besagte Flüchtlingsunterkunft in Berlin. An seinem zweiten Tag dort entsteht das berühmte Selfie mit Merkel.

Eine Zukunft in Deutschland

Heute studiert Anas zusammen mit seiner Freundin an einer Universität in Berlin
Anas Modamani mit seiner Freundin Anna
© RTL

Mittlerweile ist Anas so richtig angekommen: An einer Universität in Berlin studiert er Wirtschaftskommunikation, hat einen Nebenjob als Kassierer. Gerade erst wurde Anas' Aufenthaltsgenehmigung verlängert. Er hofft auch, darüber hinaus bleiben zu können. Mit seiner Freundin Anna, die aus der Ukraine stammt und an seiner Uni Maschinenbau studiert, möchte er sich eine gemeinsame Zukunft in Deutschland aufbauen. Deutschland hat ihm eine Chance geboten und die möchte er voll und ganz ausnutzen. Was er tun würde, wenn er noch einmal die Gelegenheit hätte Angela Merkel zu treffen?

"Wenn ich sie mal wieder treffe, würde ich mich sehr sehr drüber freuen. Ich würde nochmal erzählen, warum ich hergekommen bin und was ich hier in Deutschland gut finde und, dass ich hier sehr sehr froh bin und mich bei ihr nochmal so richtig bedanken und ich wollte ihr nochmal anbieten ein neues Selfie zu machen."

Themenabend Angela Merkel

Anas' Selfie mit der Bundeskanzlerin, das um die Welt ging und für so vieles mehr steht, war nur ein Ausschnitt aus Angela Merkels 16jährger Kanzlerschaft. Viele weitere können Sie auf dem Themenabend "Angela Merkel - Ihr Weg, ihre Geheimnisse & Ihre Zukunft" kennenlernen. Am 15.7. um 20.15Uhr in einer Livesendung moderiert von Peter Kloeppel live aus Berlin. Angela Merkel hat nicht nur das Leben von Anas verändert: Sie werden Überraschendes über sie erfahren aber auch Bekanntes aus einer neuen Perspektive sehen.

Hier können Sie sich die exklusive für TV NOW produzierte, fünfteilige Dokumentation "Angela Merkel – Frau Bundeskanzlerin" anschauen.