Absolut spannender Thriller im Check

„Das Ferienhaus“ von C.M. Ewan: Atemlos durch die Nacht

C.M. Ewan: Das Ferienhaus
C.M. Ewan: Das Ferienhaus
Penguin Randomhouse

Von Tobias Elsaesser

Angenommen, Sie befinden sich in Ihrem Haus – oder einem Ferienhaus – und plötzlich dringen mehrere Männer in Ihr Haus ein. Das Motiv ist unklar, die Absichten jedoch keine guten. Was würden Sie tun? Hollywood hat sich mit dem Thema eindrucksvoll auseinandergesetzt, zum Beispiel in „Panic Room“ mit Jodie Foster oder in dem Klassiker „An einem Tag wie jeder andere“ mit Humphrey Bogart.

Einbrecher haben Leichensäcke dabei

Die Ausgangssituation ist jeweils die Gleiche, aber sie entwickeln sich unterschiedlich. Während die Opfer in „Panic Room“ Schutz in eben diesem suchen, um der Konfrontation aus dem Weg zu gehen, muss sich die Familie im anderen Film an einem Tag, der nicht wie jeder andere ist mit Bogart und seinen Kumpanen arrangieren, um den Schein aufrecht zu erhalten. Ein anderes Szenario beschreibt C.M. Ewan in seinem Thriller „ Das Ferienhaus“*. Anwalt Tom Sullivan, seine Frau Rachel und seine Tochter Holly müssen die Flucht aus dem Haus antreten. Denn die beiden Eindringlinge haben drei Leichensäcke dabei. Dass Tom und seine Familie unbewaffnet sind, sich irgendwo in Schottland fernab der Zivilisation befinden, sich nicht auskennen und die Einbrecher das Familienauto fahruntauglich gemacht haben, sind nicht die einzigen Probleme. Die drei haben schon genug mit sich selbst zu tun: Vor acht Monaten ist Sohn Michael bei einem Autounfall gestorben, Tom und Rachel haben sich in der Folge emotional entfremdet und Tochter Holly wurde kürzlich bei einem Überfall schwer verletzt. In dem Ferienhaus von Toms Chef und Freund Lionel wollen die drei ein wenig Ruhe und zurück zueinander finden. Tom plagen zudem große Zweifel, ob er seiner Rolle als Ehemann und Vater gerecht werden kann und überhaupt je gerecht geworden ist. Umso größer ist der Druck, jetzt nicht bei der Rettung seiner Frau und seiner Tochter zu versagen. Die emotional entfremdete Familie muss einander bedingungslos vertrauen. Doch das wird auf eine harte Probe gestellt, denn Tom wird das Gefühl nicht los, dass seine Frau irgendetwas über das, was gerade vor sich geht, weiß.

Von Null auf Hundert in wenigen Zeilen

C.M. Ewan ist ein hervorragender, sehr spannender und packender Thriller gelungen. Mehr als ein Pageturner, man kann gar nicht so schnell lesen, wie man wissen will, wie es weitergeht. Der Autor schafft es, den Leser sofort in die Geschichte zu ziehen, die aus Sicht des Vaters, Ehemanns und Anwalts Tom geschildert ist. Ihm gelingt es in einer kurzen Einführung – der Fahrt der Familie ins abgelegene Ferienhaus – die Ausgangssituation für eine spannende Hetzjagd und ein emotionales Familiendrama zu schaffen, die innerhalb weniger Absätze von 0 auf 100 beschleunigen. Man gerät beim Lesen beinahe selber außer Atem, in den kurzen Verschnaufpausen, spürt man die Stiche, wenn Toms Vertrauen in seine Frau durch immer neue Zweifel ins Wanken gerät. Mit immer neuen Wendungen hält Ewan die Spannung aufrecht, während sich gleichzeitig ein Drama entfaltet. Das Drama einer Familie, die unter extremen Voraussetzungen versucht, die Trümmer ihrer Gemeinschaft zusammenzuhalten, um später möglicherweise neu darauf aufbauen zu können.

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Kampf ums Überleben

Ewan verzichtet darauf, den Vater zu einer Figur zu stilisieren, die beim Kampf um das Überleben seiner Familie vom „Normalo“ zum Superhelden mutiert, auch wenn ihn die scheinbar ausweglose Situation, Mut und ein wenig Kraft aus seiner Verzweiflung ziehen lässt. Zum Beispiel, wenn er darüber nachdenkt, ins Haus zurückzukehren, um sich dort eine Waffe zu beschaffen: „Wenn ich zu ihnen gelangen konnte, könnte ich mich bewaffnen. Und was sprach dagegen? Nun, vor allem die zwei Männer, die mich und meine Familie umbringen wollten. Aber ganz ehrlich? In gewisser Hinsicht fragte sich ein kleiner Teil von mir, ob das überhaupt ein Gegenargument war.“ Erfolge oder Misserfolge solcher Aktionen sind eher der Dynamik der Situation und dem Zufall zuzuschreiben, als plötzlich entdeckten ungeahnten Talenten. Außerdem ist die physische Komponente in diesem Überlebenskampf eher zweitrangig, entscheidender sind die Fragen, die über das emotionale Überleben der Familie entscheiden. Was bin ich bereit zu opfern, um Vertrauen zu bewahren? Wie weit würde ich gehen, um die bedingungslose des Partners zurückzugewinnen? Fragen, auf die es keine eindeutigen, Antworten gibt. Wichtig ist, sich ihnen zu stellen.

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