Horror-Serie in der Bundesliga

Warum ist Greuther Fürth so schlecht?

Es steht nicht gut um Greuther Fürth.
Es steht nicht gut um Greuther Fürth.
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06. Dezember 2021 - 22:47 Uhr

Pleiten, Pech und Greuther Fürth

Mit dem Thema Klassenerhalt in der Bundesliga beschäftigt man sich bei der SpVgg Greuther Fürth nicht mehr. Denn für den Klassenerhalt des Aufsteigers braucht es etwas, das größer ist als ein Wunder. Doch so erfolglos das Team ist, so souverän geht der Klub damit um.

Am Ende 111 Gegentore?

Als ob das krachende 1:7 bei Bayer Leverkusen nicht schon brutal genug für die SpVgg Greuther Fürth gewesen wäre: Das Portal "nordbayern.de" zeichnet nach der historischen (weil höchsten) Pleite des Aufsteigers in der Bundesliga ein Schreckensszenario auf. Man kann auch von einem Horrorszenario sprechen. Wenn es für die Spielvereinigung so weiter geht wie bisher, dann wird der Verein am Ende der Saison 111 Gegentore kassiert haben. Das wären drei mehr als Tasmania Berlin, diesem Klub, der bis heute das Synonym schlechthin für Überforderung in der Bundesliga ist.

Es ist schon kurios, dass Vergleiche mit der Tasmania in den vergangenen Monaten einen immensen Konjunkturschub bekommen haben. Erst ließen die Schalker die mittlerweile stolzen Berliner um den prominenten Eintrag in der Liga-Geschichte bangen und nun sind es die Fürther, die auf dem besten (was für ein unpassendes Wort) Wege sind, sich den Namen als schwächste Team, das es je gab, zu verdienen (noch so ein unpassendes Wort). Ein erster Meilenstein ist jetzt erreicht: Nie zuvor hatte eine Mannschaft nach 14 Spieltagen weniger als drei Punkte auf dem Konto. Fürth hat gerade einmal einen Zähler (durch ein 1:1 gegen Arminia Bielefeld). Der Klassenerhalt? Eine Utopie.

Schon jetzt müssten zwölf Punkte aufgeholt werden, um sich in die Relegation zu retten. Noch einen weiteren Zähler ist der erste Rang entfernt, der den sicheren Verbleib in der Oberklasse bedeutet. Um was geht es da überhaupt noch? Kleinigkeiten. Um den ersten Bundesliga-Heimsieg aller Zeiten. Der blieb den Franken bereits beim ersten Gastspiel in der Saison 2012/13 versagt. Dieses Ziel hat Trainer Stefan Leitl nach dem Kollaps von Leverkusen noch für dieses Jahr ausgerufen. Irgendeinen Ansporn braucht es ja, um die Saison nicht im Chaos austrudeln zu lassen. Die Gegner lauten Union Berlin und FC Augsburg.

"Mehr Jobgarantie gibt es nicht"

Dieser historische Erfolg würde der Mannschaft endlich mal Applaus einbringen. Und nicht mehr nur Mitleid. Denn das ist das am meisten verbreitete Gefühl für den Aufsteiger. Natürlich gibt's auch Häme und Spott. Die schmerzen aber weniger. Denn Mitleid ist tatsächlich der härteste Beleg für den Mangel an Qualität. Davon hat der Klub im Sommer viel verloren. Zu viel, wie längst klar ist. Mit David Raum (zur TSG Hoffenheim), mit Paul Jaeckel (Union Berlin), mit Sebastian Ernst (Hannover 96) und mit Anton Stach (FSV Mainz 05) gingen vier Leistungsträger verloren. Raum war der beste Vorbereiter, Jaeckel ein zuverlässiger Mann in der Abwehr, Ernst der Antreiber im Mittelfeld und Stach ein Stabilisator.

Die, die blieben, haben auf Bundesliga-Niveau mehr als nur Anpassungsprobleme. Kapitän Branimir Hrgota hat zwar bereits vier Treffer erzielt, doch drei davon vom Elfmeterpunkt. Nach 16 Treffern im Vorjahr, nach seiner entscheidenden Beteiligung am Aufstieg, steht auch der Schwede vor dem Scheitern an der Hürde Bundesliga. Im dritten Anlauf. Nach seinen Versuchen in Gladbach und Frankfurt. Sein norwegischer Sturmpartner Havard Nielsen ist unsichtbar. Julian Green, der sich in der Vorsaison mit beeindruckenden Leistungen zurück in den Kreis der US-Nationalmannschaft gespielt hat, hinterlässt ebenfalls keine Spuren mehr.

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Mutiger Ansatz nicht belohnt

Ja, die Mannschaft aus Fürth, sie war in der Aufstiegssaison eine gute. Eine richtig gute. Während der VfL Bochum sich viele Siege hart erarbeitete oder sich der dank herausragender Momente seine Top-Spieler verdiente, boten die "Kleeblätter" gemeinsam mit Holstein Kiel oft den schönsten Fußball der Liga. Diesen mutigen Ansatz wollte die Mannschaft konservieren. Doch - trotz der immer wieder zu erkennenden Ansätze - hat das fatale Folgen. Vorne fallen zu wenig Tore und hinten scheppert es viel zu häufig. Die Balance, der Trainer findet sie einfach nicht. Dennoch bleibt es erstaunlich ruhig. Bei jedem anderen Bundesligisten wäre Leitl wohl längst gefeuert worden, nicht aber in Fürth.

Und das kann auch noch eine Weile so bleiben. Erst vor gut drei Wochen hatte Klub-Manager Rachid Azzouzi sehr deutlich bekannt, dass er an seinem Coach festhalten wolle und werde. "Ich habe schon immer gesagt, dass wir mit diesem Trainer auch die nächsten Jahre arbeiten wollen. Wir sehen, was Stefan leistet. Ich möchte mit Stefan so lange wie möglich arbeiten. Mehr Jobgarantie gibt es nicht. Das ist unabhängig von den Ergebnissen hier." Und vermutlich ist das Festhalten des Funktionärs an seinem Coach damit auch einfach eine sehr realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten.

Wunder gibt es in Fürth nicht immer wieder

Alles muss passen, damit der Klassenerhalt gelingen kann, das wiederholt Azzouzi wieder und wieder. Die bittere Wahrheit: Es passt wenig bis gar nichts. Die fürchterliche Lage ist ein Resultat fehlender Klasse, dramatischer individueller Fehler, nicht immer günstigen Schiedsrichterentscheidungen und einer immer häufiger erodierenden Moral. Auch die Bilanz des Transfersommers ist ernüchternd - und allerdings auch von Pech geprägt. Bis auf den offensiven Mittelfeldspieler Jeremy Dudziak (er kam vom Hamburger SV) und Innenverteidiger Nick Viergever (er kam von der PSV Eindhoven) funktioniert kein Neuzugang. Hoffnungsträger wie Jetro Willems (Eintracht Frankfurt) und Sebastian Griesbeck (Union Berlin) sind entweder überfordert in ihren Rollen als Stabilisatoren oder finden wie Adrian Fein (vom FC Bayern ausgeliehen) nicht statt.

Hinzu kommt ein absurdes Verletzungspech. Herthas Sturmtalent Jessic Ngankam zerfetzte sich am dritten Tag seiner Leihe das Kreuzband. Mit Viergever, mit Gideon Jung - auch so ein Mann, auf dem große Hoffnungen lagen - und mit Justin Hoogma fallen drei Innenverteidiger längerfristig aus. Mit Maximilian Bauer hat Leitl nur noch eine Option und muss Wochen improvisieren. Der Versuch mit Griesbeck etwa hat nicht gut funktioniert, in drei Spielen gab es 13 Gegentore. Den neuen Mann dafür verantwortlich zu machen, wäre allerdings nicht fair. Denn das gesamte Kollektiv der Franken ist zuletzt immer häufiger kollabiert.

Erst kein Glück, dann noch Pech

Und wenn sie nicht kollabierten, verloren sie dermaßen unglücklich, dass man es eigentlich niemanden erzählen kann. Gegen Frankfurt erzielten sie in der zweiten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich, nur um zwei Minuten später mit der letzten Aktion des Spiels trotzdem noch den entscheidenden Gegentreffer zu kassieren. Dass die Mannschaft Ende Oktober auch noch einen größeren Corona-Ausbruch zu verkraften hatte, gleich fünf Spieler fehlten, hatte die Lage weiter angespannt.

Was also nun tun? Im Winter alles auf eine Karte setzen und mit einer Transferoffensive auf etwas hoffen, das größer als ein Wunder wäre? Das wäre unseriös. Doch den Trainer tauschen? Welchen Effekt kann das haben? Auf Schalke letztes Jahr haben sie gelernt, dass Panikreaktionen nichts zum Guten wenden. Bleibt die Frage, wie viel Kraft der Leitl noch hat, diese Tiefschläge Woche für Woche zu kassieren, sie aufzuarbeiten und dann diese überforderte Mannschaft wieder aufzurichten? (tno)