US-Boy besteht Härtetest trotz Niederschlag

Ryan Garcia: Box-König oder Hype-Job?

Ryan Garcia soll nach dem Willen seiner Promoter das globale Gesicht des Boxens werden
© AP, Isaac Brekken, IB

04. Januar 2021 - 11:16 Uhr

Ryan Garcia nach K.o.-Sieg gegen Luke Campbell ganz dick im Geschäft

Ryan Garcia ist jung, schön und ein echter Social-Media-Celebrity. Damit nicht genug: Der Amerikaner soll der neue Superstar des Boxens werden. Bei seinem ersten Härtetest muss "King Ryan" allerdings erstmals auf die Bretter, ehe er triumphiert. Doch es bleiben Fragezeichen.

Von Martin Armbruster

Ryan Garcia ließ sich auf einer Sänfte zum Ring tragen. Ein goldenes Krönchen auf dem Kopf. Als wäre der 22-Jährige schon das, was sein Promoter Oscar de la Hoya in ihm sieht: Das neue, globale Gesicht des Boxsports, der König der Faustkämpfer.

Dabei musste "King Ryan" vor 6.000 Fans im American Airlines Center von Dallas gegen den hochgehandelten Luke Campbell erst einmal beweisen, überhaupt reif zu sein für die Weltspitze im Leichtgewicht. Musste Kritikern und Spöttern zeigen, "The Real Deal" zu sein – ein wirklicher Topmann und nicht bloß ein boxender Schönling mit acht Millionen Followern bei Instagram.

Garcia lieferte: Mit einem knallharten Leberhaken schlug er Campbell in der siebten Runde k.o. "Das war der härteste Schlag, der mich je getroffen hat", gab der Brite nach seiner ersten vorzeitigen Niederlage im 24. Duell als Preisboxer zu Protokoll. Garcias Fäuste also kein Fake.

Überschwänglicher Jubel nach Zittersieg

Die unmittelbare Reaktion des Amerikaners und seiner Entourage verriet allerdings, wie schwer es Garcia zuvor zwischen den Seilen hatte. Erleichtert sank er auf die Knie, ließ sich von seinen Betreuern hochleben, umarmte de la Hoya, vergoss sogar ein paar Tränen.

Garcia wirkte nicht wie ein stolzer König, eher wie ein junger Schüler, der froh war, seinen ersten Härtetest bestanden zu haben.

Schock in Runde 2

"Ich fühlte mich, als könne ich ihn einfach überrennen, aber das endete damit, dass er mir eine geknallt hat", kommentiert Garcia seinen Schock-Moment aus der zweiten Runde. Mit einer punktgenauen Linken hatte Campbell das sorglos "in der Luft" stehende Kinn seines Kontrahenten erwischt. Garcias königliches Hinterteil polierte erstmals Ringstaub, die hochtrabenden Pläne des US-Boys und Promoter de la Hoya hingen plötzlich am seidenen Faden.

Garcia aber berappelte sich fix, nahm die Fäuste hoch und rettete sich in die Rundenpause. "Ich musste zeigen, dass ich ein Krieger bin", sagte Garcia: "Mit diesem Kampf wollte ich den Leuten zeigen, dass man nicht das ist, was die Leute aus einem machen. Sondern das, wozu man sich entscheidet. Ich habe mich heute entschieden, ein Champion zu sein. Nichts konnte mich davon abhalten, ein Champion zu sein."

Zwei unendlich wertvolle Waffen

Tatsächlich: Garcia schüttelte den Niederschlag aus seinem statuenhaften Körper und schlug zurück. Zum Ende der Fünften klingelte er Campbell mit einem linken Haken erstmals an, zwei Runden später folgte das krachende Ende. Randnotiz: Durch seinen 18. Knockout im 21. Profikampf durfte sich der de-la-Hoya-Protegé den zweitrangigen "Interims"-WM-Gürtel des Verbandes WBC um die Hüfte schnallen.

Garcia untermauerte, dass er über zwei Waffen verfügt, die im Boxsport unendlich wertvoll sind und die ihm selbst seine Kritiker seit jeher zugestehen: Blitzschnelle Hände und vernichtende Power. Eigenschaften, die einem Kämpfer im Ring zuverlässig aus der Patsche helfen.

Kritiker fühlen sich bestätigt

"KingRy" offenbarte aber auch Schwächen. Am "Tag des Schweizer Käse" präsentierte er eine löchrige Deckung, die Campbell ausnutzte, um relativ einfache Treffer zu landen. Auch in puncto Ringintelligenz ließ Garcia zu wünschen übrig. Wähnte er Campbell in Problemen, prügelte er teils ohne Sinn und Verstand auf den 33-jährigen Engländer ein, ohne diesen richtig zu erwischen.

Auch hier wirkte Garcia nicht wie ein Faustkampf-Souverän, sondern wie ein Lehrling, der bei der Gesellenprüfung so seine Schwierigkeiten hat. Und obwohl er letztlich mit einem Knall siegte, dürften sich viele Kritiker bestätigt fühlen, die in Garcia ein überbewertetes, hochgejazztes Kunstprodukt von Promoter de la Hoya sehen.

Der weiß freilich, welch Vermarktungs-Potenzial in seinem Schützling steckt. Ob Garcia der "Golden Boy 2.0" sei, hatte man den 47-Jährigen vor dem Kampf gefragt. "Er ist Golden Boy 5.0", antwortete de la Hoya. Nach dem K.o.-Sieg Garcias legte der Box-Strippenzieher noch einen drauf. "Er ist Golden Boy 6.0."

Youtube-Star mit Millionen-Potenzial

"Golden Boy" – mit diesem Kampfnamen wurde de la Hoya (Olympiasieger 1992) in den 1990er und frühen 2000er Jahren zum bestbezahlten Preiskämpfer des Planeten. Den einstigen Weltmeister in sechs Gewichtsklassen verbindet einiges mit Garcia: Beide sind Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln, beide sehen (oder sahen) umwerfend aus. Und hätte es zu de la Hoyas Zeiten schon Social Media gegeben: Wahrscheinlich hätte auch der originale Goldjunge Millionen Fans bei Instagram hinter sich versammelt. So wie Garcia Anfang 2021.

Der 22-Jährige ist ein echter Social-Media-Star. In der Youtube-Serie "On the Ropes" (An den Seilen) spielt Garcia den Boxer Sonny Mendoza. "Wir sind immer auf der Suche nach Charakteren, die eine Serie tragen können – und dabei hatten wir Ryan auch aufgrund seines Instagram-Profils immer auf dem Schirm. Deswegen haben wir um ihn herum diese Show entworfen", erläuterte der Produzent Rob Fishmann. Allein die erste Episode der Serie brachte Youtube mehr als 1,5 Millionen Klicks.

Oscar de la Hoya
Oscar de la Hoya ist einer der einflussreichsten Promoter im Box-Business
© Imago Sportfotodienst

Was kommt als Nächstes?

Auch de la Hoya, ganz Promoter und Geschäfstmann, sah in Garcia früh die nächste große Nummer und witterte ein Millionengeschäft. Nach seinem Profidebüt 2016 baute er den schlagstarken Youngster behutsam auf – jetzt ließ er mit Campbell, Olympiasieger 2012 und zweimaliger WM-Herausforderer, erstmals einen richtigen Gegner auf ihn los. Prüfung bestanden. Weitere große Kämpfe sollen folgen.

"Ich will Gervonta 'Tank' Davis als Nächsten", forderte Garcia den Schützling von Floyd Mayweather zum Duell. Davis boxt derzeit noch im Superfedergewicht (58,9 kg), dem "Panzer" eilt der Ruf des furchterregenden K.o.-Schlägers voraus. Ein Kampf gegen Garcia ließe sich auch wegen der "Schattenmänner" de la Hoya und Mayweather hervorragend verkaufen.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass Garcia zunächst gegen Landsmann Devin Haney antritt, einen Rivalen aus Amateurtagen. Beide sind beim Streaming-Dienst DAZN unter Vertrag. Haney hält im Leichtgewicht (bis 61,2 Kilo) zudem den regulären WM-Titel des WBC, "KingRy" wäre als Interims-Titelträger der nominelle Herausforderer.

Der 22-jährige Haney gilt wie Garcia als großes Talent mit schnellen Fäusten und viel Power. Wirklich starke Gegner hat er noch nicht geschlagen. Zumindest da ist ihm Ryan Garcia seit dem 2. Januar einen Schritt voraus.