Box-Sensation vor 85 Jahren

Als Schmeling dem "Braunen Bomber" den Nimbus nahm

Unerwarteter K.o.: Mit seinem Sieg gegen den als unschlagbar geltenden Joe Louis wurde Max Schmeling 1936 zur Box-Ikone.
Unerwarteter K.o.: Mit seinem Sieg gegen den als unschlagbar geltenden Joe Louis wurde Max Schmeling 1936 zur Box-Ikone.
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19. Juni 2021 - 7:47 Uhr

Max Schmelings Jahrhundert-Triumph von New York

von Martin Armbruster

Dass Max Schmeling nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt eine absolute Box-Legende ist, liegt weniger an seiner kurzen Regentschaft als Schwergewichts-Weltmeister (von 1930 bis 1932). Es liegt vielmehr an diesem einen Sieg heute vor 85 Jahren, am 19. Juni 1936. Gegen diesen einen Gegner, den viele noch immer – trotz oder neben Muhammad Ali – als besten Schwergewichtler der Box-Geschichte sehen.

Schmeling hatte bei Louis etwas "gesehen"

Bei unregelmäßigen Verben einer Fremdsprache kann man schon mal danebenhauen. "I have seed something", diktiert Max Schmeling der amerikanischen Box-Presse in die Notizbücher, als er im Frühjahr 1936 im beschaulichen Napanoch im US-Bundestaat New York Quartier bezieht, um sich für die Schlacht seines Lebens zu rüsten. "Gesehen" habe er da was bei seinem Gegner, das er ausnutzen wolle.

Mehr als ein müdes Lächeln hat für derlei ungelenke Ansagen aber niemand übrig. Zu stark ist der Mann, der auf Schmeling wartet.

Joe Louis, 22 Jahre, in 24 Kämpfen unbesiegt, 20 Knockouts in der Bilanz, giert nach Erfolg. Unter den Fachleuten des Faustkampes gilt der US-Boy als unschlagbar, längst haben sie ihn zum legitimen Nachfolger von Jack Dempsey erkoren. Wie einst der "Manassa Mauler" haut der junge Schwarze jeden um, der es wagt, mit ihm in den Ring zu klettern.

Die Ex-Champs Primo Carnera (Italien) und Max Baer (USA) hat Louis 1935 schon problemlos verdroschen, den eisenharten Basken Paulino Uzucudun richtet er derart zu, dass dieser im 69. Auftritt als Preiskämpfer das Ende erstmals in der Horizontalen er- respektive überlebt.

"Brauner Bomber" nennt man den Mann, auf dessen Schultern in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die Sehnsüchte des schwarzen Amerikas lasten und den widerwillig auch viele Weiße als unbesiegbares Schwergewicht bewundern. Schmeling soll sein nächstes Opfer sein.

Nazis fürchteten ums Herrenrasse-Image

"Wollen Sie denn schon so früh Witwe werden?", sind die makaberen Sprüche, die sich Schmelings Gattin Anny Ondra angesichts Louis' Schlagkraft in Deutschland anhören muss. Auch die Nazi-Propagandisten sind wenig begeistert, dass der deutsche Vorzeige-Boxer in den USA in ein scheinbar aussichtsloses Gefecht zieht.

Dem Sieger winkt zwar ein WM-Kampf gegen Schwergewichts-Champion Jimmy Braddock. Allein für diese Aussicht eine Tracht Prügel von einem Schwarzen zu kassieren, verträgt sich allerdings nicht mit dem Geplärre vom arischen "Herrenmenschen".

Diesseits wie jenseits des Großen Teichs setzt also niemand auch nur einen Pfifferling auf Schmeling, da kann dieser "gesehen" haben, was er will. Als der Kampf wegen Regens um einen Tag auf den 19. Juni verschoben wird, pestet eine New Yorker Gazette: "Die Hinrichtung des Maximilian Adolph Otto Siegfried Schmeling findet einen Tag später statt." Der damals 30-Jährige ist 10:1-Außenseiter. In Deutschland hängen am frühen Morgen dennoch Millionen am Radio, als Schmelings "Mission Impossible" im Yankee Stadium beginnt.

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Schmeling kontert hart

Und schon in der zweiten Runde zeigt sich, dass Schmeling tatsächlich eine Schwäche bei Louis ausgemacht hat. Der lässt nach dem Schlagen gerne die linke Führhand fallen, ist dadurch offen für den Konter mit rechts. Am Ende des Durchgangs geht Schmelings Schlachtplan erstmals auf. Ein knallharter rechter Konter schlägt bei Louis ein, die 60.000 Zuschauer schreien schockiert auf.

In der Dritten fackelt der eigentlich als vorsichtiger Starter bekannte Schmeling nicht lange, greift mit ansatzlos geschlagenen Rechten überfallartig an. So schnell aber lässt sich Louis sein Selbstvertrauen nicht nehmen. Wütend fightet der Wunderboxer zurück, erwischt Schmeling mit einem rechten Aufwärtshaken an der Herzspitze.

Doch der deutsche Ex-Champ hält Stand und stellt in Runde vier die Weichen auf Sieg. Es ist die Schlüsselszene des Gefechts: Ungewohnt behäbig stößt der "Braune Bomber" seinen Jab heraus, da knallt ihm der "Schwarze Ulan vom Rhein" einen rechten Cross vor den Latz, dass die Beine des Amerikaners einen Tanz aufführen, der 1936 noch gar nicht erfunden ist. Sofort setzt Schmeling nach, schickt Louis mit zwei weiteren Rechten auf die Bretter.

Die Menge am Ring tobt, zum ersten Mal sitzt der K.o.-Spezialist selbst auf dem Hosenboden. Der Nimbus des unbesiegbaren Boxers ist gebrochen. Louis macht große Augen, ist beeindruckt, steht aber sofort wieder. Aufgeben gilt nicht für den Hoffnungsträger einer ganzen schwarzen Generation. Doch was immer Louis von nun an auch versucht – stets straft ihn Schmelings rechte Faust.

Immer wieder konterte Schmeling den "Braunen Bomber" Louis mit seiner rechten Faust aus
Immer wieder konterte Schmeling den "Braunen Bomber" Louis mit seiner rechten Faust
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Große Geste im Triumph

Der Außenseiter ist jetzt Herr im Ring, deckt Louis in den Runden fünf und sechs mit Schlägen ein. Der wirkt konsterniert, muss dem hohen Tempo als Erster Tribut zollen. Immer kraftloser werden in den folgenden Runden die sonst so zerstörerischen Haken des Bombers. Immer sicherer, präziser und zermürbender dagegen Schmelings Hiebe.

In Runde zwölf ist Louis nur noch ein Schatten seiner selbst. Müde schlappt er durchs Seilgeviert, versucht es noch einmal mit seiner Linken. Schmeling dagegen, voller Elan, setzt zum finale furioso an. Gerade, Aufwärtshaken, Gerade – jeder Schlag ein Treffer. Louis fällt auf die Knie, klammert sich verzweifelt am Ringseil fest, ehe ihn die Kräfte verlassen. Ein Mythos sinkt zu Boden. Ringrichter Arthur Donovan zählt Louis aus. Eine der größten Sensationen der Boxgeschichte ist perfekt, die Box-Bibel "The Ring" kürt den K.o. später zum "Fight of the Year".

Schmeling macht erst einen Jubelsprung, eilt dann aber sofort zu Louis, um seinem völlig benommenen Rivalen auf die Beine zu helfen. Eine sportliche Geste mit Vorgeschmack. Später wird die Boxer bis zu Louis' Tod im Jahr 1981 ein freundschaftliches Verhältnis verbinden.

Schon während ihrer Zeit als Ringrivalen bauen Max Schmeling (r) und Joe Louis eine innige Freundschaft auf.
Joe Louis und Max Schmeling wurden nach ihren beiden Kämpfen in den 1930er Jahren zu Freunden
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Louis nimmt Revanche

In Deutschland ist Goebbels' Propaganda-Maschinerie auf Zack, verklärt die Nacht von New York eilig zum "deutschen Sieg", inszeniert Schmeling als Idol des Reiches. Der Box-Held wird sogar zum Teekränzchen mit Hitler eingeladen. Als Schmeling bei Gugelhupf und Heißgetränken allerdings darauf besteht, seinen jüdischen Manager Joe Jacobs zu behalten, ist die Laune des "Führers" dahin.

Zwei Jahre nach der New-York-Sensation haben die Nazis für Schmeling ohnehin nichts mehr übrig. Im Yankee Stadium kommt es zur Revanche gegen Louis, es geht um die WM, aber noch um viel mehr. Der Kampf ist wegen Deutschlands Expansionsgelüsten politisch extrem aufgeheizt: Freie Welt gegen Faschismus, lautet die Losung.

Für Schmeling endet das Duell in einem Fiasko. Louis überrennt ihn dieses Mal gnadenlos, nach nur 124 Sekunden ist der Deutsche k.o. Der "Braune Bomber" hat seine Rechnung beglichen, Schmeling landet mit angebrochenen Lendenwirbeln im Krankenhaus. Zwei Jahre zuvor noch Held der Nation, lässt ihn das NS-Regime nun peu à peu fallen.

Für die Box-Gemeinde ist Schmeling seit dem 19. Juni 1936 dagegen unsterblich.

Der Text erschien in leicht abgewandelter Form ursprünglich in der Juli/August-Ausgabe des Fachmagazins BOXSPORT im Juli 2016.

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