Ein Erlebnisbericht

Blutstammzellspende: Plötzlich wurde ich Lebensretter

Die tägliche Dosis: G-CSF, Spritze, Tupfer und bei Bedarf Schmerzmitel.
Die tägliche Dosis: G-CSF, Spritze, Tupfer und bei Bedarf Schmerzmitel.

17. September 2020 - 11:39 Uhr

Von Timo Steinhaus

Die Wirbelsäule angebohrt, üble Schmerzen, schlimme Langzeitwirkungen – über eine Blutstammzellspende kursieren viele Gerüchte, obwohl die meisten Menschen keine Vorstellung von der Prozedur haben. Auch ich runzelte zunächst die Stirn, als ich kurz vor Weihnachten 2011 einen Din-A-5-Umschlag vom Norddeutschen Knochenmark- und Stammzellspender-Register – kurz NKR – in meinem Postkasten fand. Dabei ist eine Blutstammzellspende harmloser als viele denken.

Meine Typisierung hatte ich schon wieder vergessen

"Leukämie! Eine Welt bricht zusammen", stand auf dem Flyer, der jetzt auf meinem Tisch lag. "Eine Diagnose, die allein in Deutschland alle 45 Minuten gestellt wird." Und dann erinnerte ich mich: Vor Jahren hatte ich einen Bericht über einen leukämiekranken Jungen aus meiner Heimatstadt gelesen. Er brauchte dringend Blutstammzellen und so ließ ich mir ein paar Milliliter Blut abzapfen, um zu sehen, ob meine Gewebemerkmale mit denen des kranken Jungen übereinstimmen. Das war leider nicht der Fall und so vergaß ich über die Jahre, dass mein Typisierungsergebnis in der Spenderdatenbank gespeichert war.

Und jetzt war sie plötzlich da: Die Möglichkeit, jemandem das Leben zu retten. Ich atmete aus und wählte die angegebene Nummer. Eine freundliche Mitarbeiterin klärte mich über die grundlegenden Schritte auf: Blutuntersuchung, Gesundheitscheck und schließlich wenn alles in Ordnung wäre die Blutstammzellspende, für die in der Regel keine Operation nötig ist.

Umhören im Bekanntenkreis? Hätte ich besser bleiben lassen

Nach dem Gespräch blieb ich eine Weile sitzen. Vor einem halben Jahr war ich Vater geworden und wurde zu Hause gebraucht. Deshalb beschloss ich, mich zuerst mal in meinem Bekanntenkreis umzuhören. Doch das hätte ich besser bleiben lassen: Zwar kannte niemand irgendjemanden, der das Prozedere schon einmal durchlaufen hat, dafür kamen mir diverse Falschinformationen zu Ohren. "Ah ja, Stammzellspende, wird das nicht aus dem Rückenmark entnommen?", war die häufigste Frage. Und: "Ist das nicht gefährlich? Da hat man doch bestimmt hinterher große Schmerzen. Pass bloß auf, dass du anschließend nicht wochenlang arbeitsunfähig bist."

Für Dr. Marlena Robin-Winn nicht überraschend: "Häufig wird ungenügend aufgeklärt. Es wird häufig noch Knochenmark mit Rückenmark verwechselt, auch immer wieder in den Medien", so die Leiterin des NKR. "Knochenmark wird nicht aus der Wirbelsäule entnommen, sondern aus den großen Beckenknochen. Am häufigsten werden jedoch Blutstammzellen ohne Operation direkt aus dem Blut entnommen."

Die mittlerweile gängige Methode ist die sogenannte periphere Stammzellapharese, die auch bei mir zum Einsatz kommen sollte. Hier spritzt sich der Spender fünf Tage lang zwei Mal täglich einen hormonähnlichen Wirkstoff mit dem Namen G-CSF, der auch vom Körper bei einem Infekt selbst produziert wird. Er signalisiert, dass vermehrt Stammzellen produziert und ins Blut ausgeschwemmt werden müssen. Bei der Spende werden die Stammzellen anschließend über Zugänge an den Armen wieder herausgefischt. Das G-CSF baut der Körper innerhalb kürzester Zeit eigenständig ab.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Raus aus dem Bett, rein mit der Nadel

Stammzellen
In so einem Beutel werden die Stammzellen gesammelt

Blut gespendet hatte ich schon mal, also beschloss ich, die Sache durchzuziehen. Zuerst wurde ich per Fragebogen nach Vorerkrankungen, Risikofaktoren wie Fernreisen oder Organtransplantationen gefragt. Beim Hausarzt wurde dann ein wenig Blut abgezapft, das ich per Post ins Labor schickte. Ergebnis: Ich kam als Spender in Frage. Ein paar Monate hörte ich gar nichts und wunderte mich ein wenig. War der Empfänger womöglich kurzfristig verstorben? Erst im April meldete sich das NKR wieder bei mir, Mitte des Monats sollte es losgehen.

Es folgte eine Untersuchung im Krankenhaus, wie ich sie noch nicht erlebt hatte: Ultraschall der Organe, EKG, Röntgen, Test der Lungenfunktion, nochmalige Blutuntersuchung und schließlich Komplettcheck durch einen Internisten. Der Marathon bestätigte mir, kerngesund zu sein. Außerdem hatte ich in der Klinik noch einmal Gelegenheit, sämtliche Fragen zu klären und bekam obendrein eine persönliche Betreuerin, die ich bei Fragen oder Problemen bei der Behandlung rund um die Uhr anrufen konnte.

Das war aber nicht nötig. Das G-CSF trudelte mitsamt Spritzen und genauer Anleitung kurz darauf per Post ein. Das einzig Unangenehme: Mein Spendetermin war morgens um acht angesetzt, und der Wirkstoff sollte mindestens zwei Stunden vor der Prozedur zum letzten Mal gespritzt werden. Das würde für mich bedeuten: Fünf Tage lang raus aus dem Bett, rein mit der Nadel – und zwar um fünf Uhr morgens, denn eine Stunde Sicherheitspuffer hatte ich vorsichtshalber zum Setzen der Spritze eingeplant.

"Und jetzt schön mit Schwung reinstechen"

Weil der Wirkstoff aber zwei Mal täglich gespritzt und der Vorgang beim ersten Mal von einem Arzt überwacht werden muss, fiel mein erster Termin auf den Nachmittag. Wer sich nicht selbst traut, kann dies auch von einem Pflegedienst machen lassen – doch ich verzichtete darauf. Es sollte ja wohl nicht so schwer sein, sich eine kleine Nadel in den Bauch zu piksen, hatte ich noch im Krankenhaus bei meiner Generalüberholung getönt.

Eine Aussage, an der ich zu zweifeln begann, als ich schließlich mit zittrigen Händen auf der Liege in der Arztpraxis lag. "Und jetzt schön mit Schwung in einem 45-Grad-Winkel die Nadel reinstechen", sagte der Doktor. Ein kleiner Piks, ein leichter Druck beim Injizieren und das war's. Als am nächsten Morgen um fünf mein Wecker klingelte, klappte alles ohne Probleme. Augen zu und durch, dachte ich und wunderte mich hinterher, warum ich mir so einen Stress gemacht hatte. Nach kurzer Zeit fand ich das frühe Aufstehen weitaus lästiger als die Spritze. Auch von den Nebenwirkungen – Gliederschmerzen und Abgeschlagenheit wie bei einer Erkältung – spürte ich nicht viel, hätte dagegen aber auch Paracetamol nehmen dürfen.

Und dann kam der große Tag. Im Behandlungszimmer im Krankenhaus wartete noch ein anderer Spender, der ebenfalls an die entsprechenden Gerätschaften angeschlossen wurde – eine Nadel links in den Arm, die andere rechts und dann floss mein Blut durch die Maschine, die eifrig die Stammzellen herauszentrifugierte. Insgesamt drei Runden musste sämtliches Blut meines Körpers drehen, knapp fünf Stunden dauerte die Prozedur, Schmerzen hatte ich keine.

Ich nutzte die Zeit, um einen Film auf meinem Laptop anzuschauen und mich mit den Krankenschwestern zu unterhalten, von denen immer eine anwesend war. Dabei erfuhr ich, dass durchaus schon eine Person noch am Tag der Stammzellapharese abgesprungen war – für den Empfänger dürfte dies tödlich gewesen sein: Bei ihm wird bereits Tage vor der Transplantation eine hochdosierte Chemotherapie durchgeführt, die zwar Krebszellen im Blut, aber auch Blutstammzellen und Immunzellen abtötet, weshalb er auf die Blutstammzellen des Spenders angewiesen ist.

Ein Treffen ist grundsätzlich möglich

Blutstammzellspende
Es läuft: Die Stammzellspende ist in vollem Gange

Doch es gibt auch Erfreuliches zu berichten: Ungefähr 80 Prozent der Patienten finden in den eigenen Familien oder unter den registrierten Spendern einen für sie passenden, wobei im Jahr 2011 beim NKR insgesamt 114 Menschen Blutstammzellen spendeten. In vier von fünf Fällen mit Erfolg.

Natürlich wollte ich auch wissen, ob es theoretisch möglich sei, den Empfänger zu treffen. "Das ist davon abhängig, in welchem Land der Patient behandelt wird", erklärte mir Dr. Robin-Winn hinterher. "Jedes Land hat seine eigenen Vorschriften. Lebt der Patient zum Beispiel in Deutschland oder den USA, ist ein Kennenlernen möglich. Patient und Spender können anonym Briefe austauschen. Dieser Austausch läuft über das Register und wird dann an den Patienten oder den Spender weitergeleitet." Ich erfuhr, dass meine Blutstammzellen für einen Mann mittleren Alters in Leipzig bestimmt waren. Weil die Zeit nach der Stammzellübertragung für den Empfänger sehr anstrengend ist, habe ich bislang aber keinen Kontakt aufgenommen.

Nach der Prozedur konnten mein Zimmernachbar und ich uns in der Cafeteria des Krankenhauses stärken. Das Ergebnis meiner Spende: Ich hatte genug Blutstammzellen gebildet. Wäre das nicht der Fall gewesen, wäre als letzte Möglichkeit eine Knochenmark-Entnahme aus der Hüfte möglich gewesen. Das käme aber wirklich nur in absoluten Ausnahmefällen vor, erklärte mir die Schwester.

Ich fühlte mich nicht anders als nach einer Blutspende und konnte anschließend direkt wieder nach Hause. Ein paar Wochen nach dem Verfahren musste ich noch einmal zum Arzt für eine erneute Blutuntersuchung und das war es dann auch schon. Gesundheitliche Probleme hatte ich überhaupt nicht und für sämtliche Kosten kam das NKR auf. Insofern kann ich jedem nur empfehlen, sich selbst typisieren und sich nicht schon im Vorfeld verunsichern zu lassen - ich würde es jederzeit wieder tun!

Timo Steinhaus

Wie auch Sie Stammzellenspender werden können, erfahren Sie hier!