Heute vor 27 Jahren

Das deutsche Basketball-Wunder von 1993 - Interview mit Europameister Baeck

Europameister 1993
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04. Juli 2020 - 10:05 Uhr

Basketball-EM 1993: Der entscheidende Freiwurf

Definiere "Underdog": Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft bestritt 1993 als totaler Außenseiter und ohne NBA-Star Detlef Schrempf die Heim-EM. Dabei sein ist alles, lautete das Motto – dann kam alles anders. Basketball in Deutschland war zu dieser Zeit noch abseits des Mainstreams – eine absolute Randsportart. Wie sich der Triumph, der sich heute zum 27. Mal jährt, angefühlt hat, erklärt Europameister Stephan Baeck.

Von Emmanuel Schneider

Dirigiert vom "harten Trainerhund" Svetislav Pesic meisterte das DBB-Team vor halbvollen Arenen die Vorrunde. In der Zwischenrunde musste die Mannschaft um Kapitän Hans Gnad fast die Segel streichen. Im letzten Spiel waren die DBB-Männer gegen die Türkei zum Siegen verdammt. Es reichte knapp. Das Viertelfinale gegen Spanien entwickelte sich zum Basketball-Krimi. 79:77 gewann Deutschland in der Verlängerung. In der Runde der besten vier gegen Griechenland folgte die nächste knappe Nummer. Die DBB-Auswahl trotzte im Halbfinale Favorit Griechenland. Beim Stand von 73:73 hatte Deutschland den letzten Angriff - und Christian Welp, der Sekunden vor der Sirene mit einem wilden Wurf zum 76:73 traf.

Plötzlich hieß es: Finale gegen Russland! 10.800 Fans fieberten an jenem 4. Juli 1993 in München dem Endspiel entgegen.

Hände zittern "wie Espenlaub"

Die letzten Minuten, kommentiert von Reporter-Legende Fritz von Thurn und Taxis, haben es in sich. Die Olympiahalle in München ist ein Hexenkessel. Bizarr, wenn man bedenkt, dass einige Tage zuvor die halbe Halle bei deutschen Vorrundenspielen leer geblieben war. "Deutschland, Deutschland" schreien die Fans in der Auszeit. Das Parkett ist umrandet von Banden, die mit Aufschriften wie "Game Boy" laut "1993" schreien. Eine "LaoLa-Welle" brandet auf. Es steht 68:68.

"Er hat die Nerven nicht, ich sag's Ihnen. Da wackeln die Hände wie Espenlaub," kommentiert Thurn und Taxis süffisant einen russischen Fehlwurf. Auf der anderen Seite steht nach einem Foulspiel Henning Harnisch mit einem rotem Stirnband im Stile des jungen Rambo an der Freiwurflinie. Doch auch hier ist "Espenlaub" angesagt. Klonk, klonk! Rambo vergibt beide Freiwürfe. Immer noch 68:68.

Wieder vergeben die Russen, diesmal einen Dreierversuch. Gegenangriff Deutschland: Welp tankt sich in die Zone, Drehung, Ball am Ring. Das Fehlerfestival geht weiter. Jetzt räumt Rödl den hineinstürmenden Angreifer ab. Mike Jackel zieht auf der linken Seite nach innen, der Wurf verfehlt sein Ziel. Zwei Minuten herrscht auf höchstem Niveau Slapstick-Basketball.

Alle Augen auf Christian Welp

Dann gibt Pesic die Anweisung zum taktisches Foul der Deutschen, um die Uhr anzuhalten.
Dadurch schicken sie Sergei Babkov an die Linie. Diesmal bleibt die Hand ruhig. Er macht beide Dinger. 70:68 für Russland. Anspannung. Noch 15 Sekunden. Alles oder nichts. Aufbauspieler Kai Nürnbeg fasst sich ein Herz, zieht flink mit links dribbelnd in die Mitte, er sieht den freien Welp und steckt durch. "WELP MACHT DEN AUSGLEICH," jubelt Kommentator Thurn und Taxis. Beim Dunking wird der lange Centerspieler sogar gefoult – es gibt einen Freiwurf. Ein entscheidender Wurf. Es ist die ultimative Drucksituation. Alle Augen sind auf Welp gerichtet, die Hallenregie ballert "We will rock you" von Queens. Und Welp rockt tatsächlich. Kalt wie Eis. Nichts als Netz. 71:70.  Noch drei Sekunden für die Russen. 2, 1. Wurf an den Ring aus aussichtsloser Entfernung. Deutschland ist Europameister. Ein Satz, der auf "basketballerisch" bislang absolut keinen Sinn ergab. Doch jetzt ergibt alles Sinn. Alle Dämme brechen. "Ein super Traum, der nie enden soll", jubelt Thurn und Taxis.

Unter den 10.800 Zuschauern ist übrigens auch der 15-jährige Dirk Nowitzki, der zwölf Jahre später mit EM-Silber in Serbien den zweitgrößten Erfolg für Basketball-Deutschland einfahren wird.

Interview mit Europameister Stephan Baeck

Stephan Baeck
Stephan Baeck holte 1993 mit dem DBB-Team den Titel.
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Stephan Baeck stand damals auf dem Parkett, heute ist der ehemalige Nationalspieler Manager der Rhein Stars Köln (Pro B) und erinnert sich im RTL-Interview an den sensationellen Titelgewinn.

Herr Baeck, wie haben Sie das Finale erlebt? Die Stimmung in der Halle und danach bei der Feier?

Es war eine unglaubliche Entwicklung. Die ersten Spiele waren vor nicht so berauschender Kulisse, wir haben auch gegen Estland verloren. Dann haben wir uns so dermaßen gesteigert und sind in die K.o.-Runde gekommen, das Viertelfinale und Halbfinale sind so knapp entschieden worden, dass wir uns in so einen Rausch gespielt haben. Die Halle war dann am Überkochen, ein tolles Erlebnis. Mit der Nationalmannschaft waren 1992/93 die absoluten Highlights, es war eine tolle Basketballzeit, ich habe mich nie so wohl gefühlt wie damals.

Wie erinnern Sie sich an die entscheidende Szene: Kai Nürnberger spielt auf Welp und dann der entscheidende Freiwurf?
Das waren die beiden Protagonisten im Spiel, die mir in Erinnerung geblieben sind. Kai, der in den letzten Minuten das Spiel an sich gerissen hat und von den Russen kaum zu stoppen war – und beim letzten Angriff auch den Ball hat, in die Zone zieht, ablegt und Christian, der ein Dunking macht und dabei noch gefoult wird. Es war ein großes Glück, dass der Russe versuchte, beim Dunking zu blocken. Christian hat dann alles richtig gemacht, den Freiwurf versenkt und dann sind alle Dämme gebrochen. Ich weiß nicht, wen ich da alles im Arm hatte nach dem Spiel. Das war Wahnsinn!

Wie lange ging die Feier?
Die ging sehr lange, ich glaube es war hell, als wir wieder ins Hotel gegangen sind.

"Haben durchaus an unsere Chance geglaubt"

Stephan Baeck
Stephan Baeck (r.) feiert den Sensations-Coup in München.
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Mit welcher Platzierung rechnete das Team im Vorfeld?
Es war schon überraschend für uns Spieler. Ich glaube, am wenigsten überraschend war es für unseren Trainer, da er ein klares Ziel verfolgt hatte und der uns immer versucht hat, beizubringen, dass wir "alles wollen" müssen. Im Prinzip war diese Mannschaft auch schon sechs Jahre zusammen. Es war keine Mannschaft, die neu für dieses Turnier zusammengekommen ist. Wir waren schon sechs Jahre zusammen und haben gegen tolle Mannschaften in der Vorbereitung gespielt, gegen das damalige Jugoslawien haben wir immer hoch verloren, aber wir haben uns immer wieder gesteigert. Im Vorfeld des Turniers haben wir gesehen, dass wir zwar gegen Serbien, Kroatien oder Griechenland nicht gewonnen, aber immer dichter rankommen. Da konnten wir uns schon einordnen. Mit dem Turniervelauf haben wir immer mehr Selbstvertrauen gewonnen. Als wir dann in die Endrunde eingezogen sind, haben wir durchaus an unsere Chance geglaubt.

Was hat dieser überraschende Titel im deutschen Basketball ausgelöst, was hat sich verändert?
Viele sind unzufrieden mit dem, was passiert ist. Oft hört man, der Titel sei verpufft. Deutschland habe sich nicht so entwickelt im Basketball, wie gedacht. Ich glaube aber, dass es viel dazu beigetragen hat, Strukturen zu setzen, die es braucht. Um die Generation um Dirk Nowitzki später, die auch eine Silbermedaille 2005 gewonnen hat, vorzubereiten und zu lenken. Damals waren die professionellen Strukturen im Basketball in Deutschland nicht gut und wenig vorhanden. Dieser Erfolg konnte genutzt werden, überall bessere Strukturen einzuführen. Insofern hat das schon was gebracht. Auf diesen Strukturen müssen wir weiter aufbauen.