Flucht vor der Krise in die Esoterik

Anfragen-Boom für esoterische Beratungen: Wie Sekten, Gurus & Schamanen Profit aus der Krise schlagen

Menschen flüchten vor der Krise zu esoterischen und sektenartigen Beratungsangeboten. Foto: Symbolbild
Menschen flüchten vor der Krise zu esoterischen und sektenartigen Beratungsangeboten. Foto: Symbolbild
dka cam chs wst sab, dpa, Daniel Karmann

Krieg, Corona, Inflation: Im aktuellen Krisenumfeld schießen esoterische und sektenartige Beratungsangebote in Deutschland wie Pilze aus dem Boden. Sie würden vor allem labile Menschen ansprechen und schwierige Situationen ausnutzten, so Experten. Gerade bei Krankheiten klammerten sich Betroffene oft an jeden Strohhalm und seien anfällig für Anbieter, die Hoffnung und Wunderheilungen versprechen.

Coaches, Schamanen und Co.: "Angebote, schießen wie Pilze aus dem Boden“

Im Krisenumfeld von Ukrainekrieg, Corona und Inflation greifen Menschen immer stärker zu esoterischen Beratungsangeboten. „Angebliche Schamanen, unseriöse Coachings und aggressive Verschwörungstheoretiker haben deutlichen Zulauf“, sagte die Leiterin des vom NRW-Familienministerium geförderten Vereins Sekten-Info NRW, Sabine Riede. Ähnliches berichten zwei weitere staatlich geförderte Stellen: die Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen (Zebra) für den süddeutschen Raum in Freiburg und die Sekteninfo Berlin. „Auf dem spirituellen Markt entstehen derzeit ständig neue Angebote, die schießen wie Pilze aus dem Boden“, sagt „Zebra“-Leiterin Sarah Pohl.

Ein Coaching-Angebot verspreche etwa, alle Probleme des Ratsuchenden in 30 Minuten zu lösen, sagt Karol Küenzlen-Zielinski von der Sekteninfo Berlin. Ein anderes verspreche den garantierten „Partner der Träume“, ein Coaching-Anbieter verlange für sechs Monate Zugriff auf Digitalangebote und regelmäßige Zoomkonferenzen 5.000 Euro. Das seien „zynische Angebote“, die vor allem labile Menschen ansprächen und krisenhafte Situationen ausnutzten, sagt der Fachmann.

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Besonders Schamanen sind sehr beliebt

Natürlich gebe es auch seriöse Lebenshilfeangebote, unterstreicht Küenzlen-Zielinski, aber die Zahl der Anfragen wegen manipulativer Gruppen sei aktuell hoch. Er schätzt, die Zahl erreiche bundesweit - alle Fälle kirchlicher Beratungsstellen mitgerechnet - wahrscheinlich 10.000 und mehr pro Jahr. Allein in der NRW-Sektenstelle wuchs die Zahl der Beratungsfälle und Anfragen von 1.078 im Jahr 2020 auf 1.352 im vergangenen Jahr. Im laufenden Jahr nehme die Anzahl der Anfragen tendenziell weiter zu und zugleich werde die Szene immer bunter und differenzierter. „Das sind nicht mehr so sehr die Großen wie Scientology, sondern viele kleine, deren Hintergrund wir immer erst aufwendig recherchieren müssen“, sagt Riede. Bei Zebra waren es 2020 knapp 373 Erstkontakte, 2021 gab es schon 825 Erstanfragen. Für 2022 zeichne sich eine weitere Zunahme der Beratungsanfragen ab, so Leiterin Pohl.

Sehr beliebt seien derzeit etwa schamanische Angebote, die mit Amuletten, Bildern, Symbolen und Musik Stabilität gegen die „böse Welt“ draußen versprächen, berichtet Riede. Die NRW-Stelle erhalte unter anderem viele Anfragen zu einer Frau, die behauptet, „hellsichtig“ zu sein und „die geistige Welt zu hören“. Gegen Honorar bietet die Frau etwa „Jenseitskontakt“ und die „energetische Reinigung“ der Wohnung an. Auf Wunsch gehört auch Kommunikation mit den Tieren der Auftraggeber zum Programm. Viel Geld fließt laut Riede auch für Kurse „völliger Entspannung“ mittels einer „energetischen Kopfmassage“ an 32 Punkten. Den Teilnehmern der bundesweit und in vielen anderen Ländern angebotenen Kurse werde etwa versprochen, dass durch die Massagen schlechte Erfahrungen aus den Nervenzellen „gelöscht“ werden könnten.

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Schamanen und Coaches verlangen bis zu 40.000 Euro für angebliche Heilung

90 Prozent der Kunden seien Frauen, sagt Riede. „Manche werden regelrecht süchtig danach.“ Einige hätten in kurzer Zeit 30- bis 40.000 Euro dafür ausgegeben. Gerade bei Krankheiten klammerten sich Betroffene oft an jeden Strohhalm und seien besonders anfällig für Anbieter, die Hoffnung und Wunderheilungen versprechen, so Pohl. Ratsuchende gerieten vielfach in psychische Abhängigkeit und hätten teils fünfstellige Summen für Kurse und Coachings gezahlt, bevor sie oder Angehörige Hilfe suchten, sagt Riede. Teils zerbrächen Familien.

Ein Alarmsignal sei immer, wenn Coaches Lösungen für ganz verschiedene Probleme auf einmal anböten, rät Riede. Teilnehmer sollten auch misstrauisch werden, wenn bei Präsenzveranstaltungen etwa Handys abgegeben werden müssten, Türen abgeschlossen würden oder Veranstaltungen übermäßig lang dauerten und Pausen fehlten. Natürlich dürfe in Deutschland jeder frei wählen, was er glauben möchte, betont Pohl. Dennoch brauche es auf dem immer bunter und vielschichtiger werdenden Markt der Weltanschauungen so etwas wie eine Verbraucherberatung, die Suchenden dabei hilft, die Spreu vom Weizen zu trennen und auf Risiken und Nebenwirkungen diverser esoterischer Angebote hinweist. Für den spirituellen Endverbraucher sei es oft nicht mehr durchschaubar, ob die Anbieter seriös sind, das Angebot zu ihren Bedürfnissen passt und die Preisgestaltung in einem angemessenen Rahmen liegt. Die Fachleute wünschen sich deshalb staatlich finanzierte Beratungsstellen in allen Bundesländern - die sind bisher die Ausnahme - und eine bessere Ausstattung der bestehenden Einrichtungen. (dpa/cwa)