Die Schwäche der Anderen

Alternative für Ostdeutschland - die AfD zementiert ihren Status

Tino Chrupalla, Spitzenkandidat der AfD, und Alice Weidel, Spitzenkandidatin der AfD nach der Wahl
Tino Chrupalla, Spitzenkandidat der AfD, und Alice Weidel, Spitzenkandidatin der AfD nach der Wahl
© imago images/Metodi Popow, M. Popow via www.imago-images.de, www.imago-images.de

27. September 2021 - 20:34 Uhr

Blaue Balken gehen hoch

Der blaue Balken bei den Hochrechnungen am Bundestags-Wahlabend kannte um 18 Uhr in den ostdeutschen Ländern nur eine Richtung – nach oben. Überall dort kam die AfD bei den Zweitstimmen auf Platz eins oder zwei. Überraschend kam das nicht, die Prognosen hatten Ähnliches erwarten lassen. Trotzdem mag der ein oder andere insbesondere im Westen augenbrauennachobenziehend die Frage stellen: Warum? Eine kommentierende Analyse von Holger Schrapel aus dem RTL-Landesstudio Ost.

AfD als Gewinnerverlierer

Vorneweg: Tatsächlich hat die AfD vielerorts (minimal) verloren. In Sachsen sogar 60.000 Stimmen. Und trotzdem darf sie sich dort vollkommen korrekt als mit Abstand stärkste Partei als Wahlsieger bezeichnen. Die Gründe dafür sind so vielfältig, dass man damit Bücher füllen könnte.

Ein wesentlicher Grund ist: Die sächsische CDU hat ihre Integrationskraft nach rechts verloren. Und auch das hat seine Gründe. Zum einen ist die Partei nach 16 Jahren Merkel nicht mehr die selbe. Zum anderen hat die sächsische CDU jahrzehntelang selber einen stramm konservativen Kurs verfolgt, auf dessen Bugwelle die AfD gut surfen konnte.

Der Sachse sei immun gegen Faschismus, der Linksradikalismus das größte Problem im Bundesland, harte Coronamaßnahmen im ersten Lockdown übertrieben und und und. Alles Glaubenssätze der sächsischen CDU in der Vergangenheit. Manch ein jahrzehntelang so geprägter Wähler mag deswegen jetzt – zu Zeiten des vertrauenszersetzenden, dauerhaften Pandemiegewurschtels der Regierenden – das nunmehr vorhandene rechtsextreme Original bevorzugt haben.

Im Video: Alice Weidel beim Interview mit Peter Kloeppel

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Die Schwäche der Anderen

Auch wichtig: In 30 Jahren seit der Wiedervereinigung haben sich die ehemaligen Volksparteien kaum in der Wählerschaft verankern können. Dies geschah, obwohl insbesondere die CDU wegen ihrer Dauerregentschaft zum Beispiel in Sachsen und Thüringen eine vollkommen andere Selbstwahrnehmung hatten. Bis sie dann in diesen Bundesländern mit Wahlergebnissen von um die 20 Prozent hart aus ihren Träumen gerissen wurden. Daher sind in Ostdeutschland insbesondere starke Persönlichkeiten gefragt, wie der kenntnisreiche Dresdner Politologe Hans Vorländer analysierte.

Der Aachener Karnevalsprinz Laschet konnte die Herzen der Ostdeutschen jedenfalls zu keinem Zeitpunkt erreichen. Ganz klar, die Stärke der AfD ist eine Folge der Schwäche der anderen Parteien. Die Rechtspopulisten mussten eigentlich nicht viel mehr tun, als die anderen machen zu lassen.

Tausend Gründe

Und sonst: Ein irrlichternder 'Ostbeschimpfungsbeauftragter' Marco Wanderwitz, schwächliche Oppositionsparteien, eine jahrzehntelange Vernachlässigung des ländlichen Raumes,eine zuverlässig Krawallbilder liefernde Leipziger linke Szene, die funktionierende Selbstinszenierung als Kümmererpartei, eine tendenziell ältere Bevölkerung – man kann noch tausend Gründe für die vielen Kreuze bei den selbsternannten Alternativen finden.

Deren zum Teil offen vorgetragener Hass auf die Etablierten und deren unterschwellige Demokratiefeindlichkeit wird dabei vom Wähler in Kauf genommen. Es wird allerdings nicht reichen, dieses Drittel abzuschreiben oder zu beschimpfen. Harte Arbeit, Persönlichkeit und Konzepte sind gefragt.