Nach Genozid-Vorwurf keine RuheKrisensitzung! Fliegt Berlinale-Chefin Tricia Tuttle?

Festivalchefin Tricia Tuttle steht bei der Ankunft zur Preisverleihung der Berlinale auf dem Roten Teppich vor dem Berlinale Palast. (zu dpa: «Lehmann mahnt fairen Umgang mit Berlinale-Chefin Tuttle an») +++ dpa-Bildfunk +++
Die US-Amerikanerin Tuttle übernahm die Berlinale im April 2024.
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Bei der Berlinale wirft ein Regisseur der Bundesregierung vor, Partner „des Völkermords im Gazastreifen“ zu sein. Aus der Politik kommen empörte Reaktionen, sogar die Absetzung der Intendantin steht im Raum. Entschieden ist nichts - jetzt bekommt Tuttle nicht nur von Beschäftigten des Festivals Unterstützung.

Bei einer Krisensitzung zur Berlinale ist nach Angaben der Bundesregierung keine Entscheidung über die Zukunft von Intendantin Tricia Tuttle getroffen worden. „Heute Morgen fand eine Aufsichtsratssitzung der KBB GmbH im Kanzleramt statt. Thema war die Berlinale“, teilte ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit.

„Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt“, so der Sprecher weiter.

Einem Bericht der „Bild“-Zeitung zufolge steht im Raum, dass Tuttles Amtszeit vorzeitig enden könnte. Aus der Kulturbranche formierte sich dagegen breiter Protest, mehrere Organisationen und Hunderte Filmschaffende meldeten sich zu Wort. In der Aufsichtsratssitzung sei neben der Ausrichtung der Festspiele auch über Äußerungen bei der Preisverleihung am Wochenende gesprochen worden, hieß es aus Teilnehmerkreisen des Treffens.

Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, der bei der Berlinale für sein Filmdebüt „Chronicles from the Siege“ mit einem Preis ausgezeichnet worden war, hatte der Bundesregierung auf der Bühne vorgeworfen, Partner „des Völkermords im Gazastreifen“ zu sein. Umweltminister Carsten Schneider verließ daraufhin den Saal und ließ mitteilen, die Aussagen seien nicht akzeptabel.

Weimer und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner verurteilten die Aussagen ebenfalls. Israels Regierung streitet ab, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen. Auch die Bundesregierung weist den Völkermord-Vorwurf zurück. Führende Genozid-Forscher, darunter auch israelische, sprechen dagegen von einem Völkermord.

Der Deutsche Kulturrat forderte Weimer auf, „sich entschieden für die Kunst- und Meinungsfreiheit einzusetzen und die Unabhängigkeit der Berlinale vor staatlichen Eingriffen zu sichern“. Die Äußerungen Alkhatibs teile der Kulturrat ausdrücklich nicht, sie seien aber von der Meinungsfreiheit gedeckt. Zum Wesen der Kunst gehöre auch das Ausloten der Grenzen des Sagbaren, „das müssen wir aushalten, auch wenn es manchmal schmerzhaft ist“, teilte der Kulturrat mit.

Vor dem Kanzleramt protestierten mehrere Mitarbeiter der Berlinale, sie hielten etwa ein Schild mit „Team Tricia“ hoch. Mehr als 500 Beschäftigte des Berliner Filmfestivals stellten sich in einem gemeinsamen Statement hinter Tuttle. „Wir - das Team der Berlinale, egal ob fest angestellt, auf Vertrag, als Freelancer und kooperierende Institutionen - kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken, aber in einer Sache sind wir uns absolut einig: Wir stehen voll und ganz hinter der großartigen Tricia Tuttle als unserer Intendantin“, heißt es darin.

„Man kann es nicht anders sagen: Der KBB-Aufsichtsrat hätte keine bessere Wahl treffen können“, schreiben die Beschäftigten. „Tricia ist klug, handelt fair und hat immer ein offenes Ohr. Niemand brennt mehr für die Werte, die dieses Festival für das Kino hier in Deutschland und weltweit so wichtig machen.“

Die US-Amerikanerin Tuttle hatte die Berlinale im April 2024 übernommen und führte dieses Jahr zum zweiten Mal durch das Festival. Vor wenigen Tagen hatte es während der Filmfestspiele mehrfach Debatten gegeben, inwiefern sich das Festival und Filmschaffende zum Nahostkonflikt positionieren müssen.

So hatten rund 80 Filmschaffende - darunter Tilda Swinton und Javier Bardem - kritisiert, die Berlinale positioniere sich nicht ausreichend im Gaza-Krieg. Sie warfen dem Festival in einem offenen Brief vor, propalästinensische Stimmen zu zensieren. Die Berlinale wies den Zensurvorwurf zurück.

Verwendete Quellen: dsc/dpa