Dabei ist es gar nicht nötig!Laute Musik in Fitnesskursen schädigt Gehör

Besucher trainieren am 06.04.2017 bei der Fitnessmesse Fibo in Koeln am Stand von Keiser ihre Ausdauer beim Spinning. Foto: Henning Kaiser
Die Musik bei Kursen in Fitnessstudios ist oft zu laut, so eine Studie. Weniger laut wäre sie nicht weniger anspornend, sagen die Forscher, aber deutlich besser fürs Gehör.
picture alliance / dpa Themendienst / Henning Kaiser

Laute Musik in Fitnesskursen soll zu Höchstleistungen anspornen. Eine Untersuchung zeigt jedoch, dass sie zu unheilbaren Hörschäden führen kann. Zudem ist die hohe Lautstärke für ein intensives Training offenbar gar nicht nötig.

Schnell, rhythmisch, laut - Musik während Fitnesskursen soll mitreißen und dazu motivieren, noch und noch und noch eine Wiederholung zu schaffen. Dafür drehen Trainer gerne mal die Lautstärke hoch. Oft potenziell hörschädigend hoch, wie ein Forschungsteam im Fachjournal „JAMA Otolaryngology-Head & Neck Surgery“ warnt. Nötig sei das nicht: Eine verringerte Lautstärke führe nach Befragungsdaten nicht zu einer merklichen Verringerung der wahrgenommenen Anstrengung. Vermindert werde aber das Risiko lärmbedingter Hörschäden.

Beim Hören entsteht hinter dem Trommelfell eine Art Wasserwelle, die über Tausende Haarzellen streicht. Diese Reize werden in bioelektrische Impulse umgewandelt und als Hörinformation ans Gehirn geleitet. Je lauter ein Ton ist, desto mehr Kraft steckt hinter der Welle.

So wie bei einem Getreidefeld leichte Windböen keinen Schaden anrichten, heftige Windstöße aber Halme abknicken lassen, können einzelne Härchen im Innenohr bei einer starken Welle dauerhaft umknicken oder abbrechen und damit ihre Funktion verlieren. Haarsinneszellen regenerieren sich nicht. Die Ausfälle summieren sich darum im Laufe des Lebens und können zu Schwerhörigkeit führen.

In Deutschland haben nach Schätzungen des Deutschen Schwerhörigenbundes (DSB) etwa 16 Millionen Menschen eine Hörbeeinträchtigung, schwerhörig sind etwa 3 bis 4 Millionen von ihnen. Irreführend ist Experten zufolge der Begriff „Altersschwerhörigkeit“ - eigentlich sei Umweltschwerhörigkeit passender, weil Umwelteinflüsse wie chronischer Lärm eine zentrale Rolle spielen. Bei Naturvölkern, die nicht unter dem ständigen Einfluss von Lärm stehen, gibt es Studien zufolge kaum Schwerhörigkeit im Alter.

Das Team um Janet Choi von der University of Southern California in Los Angeles hatte Teilnehmer einstündiger Gruppen-Fitnesskurse in den USA hinsichtlich der wahrgenommenen Trainingsintensität, der Lautstärke der Musik und des Verhaltens beim Gehörschutz befragt. Die mittleren Schalldruckpegel lagen unter lauteren Bedingungen bei 91,4 Dezibel mit A-Bewertung (dBA). Bei dieser Variante der Dezibeleinheit wird der Schalldruckpegel frequenzgewichtet gemessen, um dem menschlichen Gehör gerecht zu werden. In den Kursen mit verminderter Lautstärke lag der Mittelwert bei 88,5 dBA.

Zur Einordnung: 60 dBA entsprechen in etwa einem normalen Gespräch, 80 lautem Straßenverkehr, 90 bestimmten Bohrmaschinen und 100 dem Kreischen einer Kreissäge. Eine Zunahme des Schalldruckpegels um 10 dBA entspricht in der subjektiven menschlichen Wahrnehmung in etwa einer Verdopplung der Lautstärke.

In der ersten Phase spielten die Kursleiter Musik in ihrer gewohnten Lautstärke. Sie umfasste 13 Kurse mit jeweils 10 bis 27 Teilnehmern. In der zweiten Phase wurden 16 Kurse mit jeweils um etwa 3 dBA verminderter Lautstärke für 5 bis 25 Teilnehmer durchgeführt. Nach jedem Kurs wurden die Teilnehmenden direkt befragt. 189 Menschen zwischen 17 und 59 Jahren beteiligten sich den Angaben zufolge, weit überwiegend Frauen (165). 21 der Teilnehmenden absolvierten sowohl normale als auch leisere Kurse.

Ob ein bestimmter Schalldruckpegel während der Kurse als zu laut, passend oder zu leise empfunden wurde, variierte zwischen den Befragten sehr stark. Vier der Teilnehmenden gaben dem Team um Choi zufolge an, während der Fitnesskurse Gehörschutz zu benutzen, 28 erklärten, nach den Kursen schon Tinnitus-Symptome - Ohrgeräusche wie Pieptöne, Rauschen, Klingeln - verspürt zu haben.

Drei A-Dezibel seien ein wahrnehmbarer Unterschied, erklären die Forschenden. Die Befragung habe gezeigt, dass es trotzdem keine signifikanten Unterschiede bei der empfundenen Anstrengung zwischen lauteren und leiseren Kursen gab. Aus der Gesamtbetrachtung der Daten lasse sich ableiten, dass sich die Musiklautstärke wahrscheinlich auf ein sichereres Maß vermindern lässt, ohne den Trainingserfolg zu schmälern.

Die Dezibel-Skala misst Schalldruck logarithmisch. Das bedeutet: Die Steigerung von 80 Dezibel auf 81 Dezibel ist viel größer als die Steigerung von 7 Dezibel auf 8 Dezibel. Eine 10-fache Intensitätssteigerung entspricht 10 Dezibel, eine 100-fache 20 Dezibel. Ein Wert von 100 Dezibel bedeutet also verglichen zu 50 Dezibel einen enormen Unterschied, es ist rund 100.000-mal mehr Energie im Spiel.

Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) kann es zu bleibenden Hörminderungen kommen, wenn man langjährig A-bewerteten Schalldruckpegeln ab etwa 80 Dezibel ausgesetzt ist. Viele Trainer und Trainerinnen in Fitnessstudios dürften damit zur Risikogruppe gehören. Die Berufskrankheit Lärmschwerhörigkeit ist nach Baua-Angaben mit fast 9.000 Fällen jährlich (Stand 2024) die am häufigsten anerkannte Berufskrankheit.

Verwendete Quellen: Annett Stein, dpa