Club bestreitet Beschuldigungen

Vorwurf der "Ausländerquote" gegen Union

Im Mittelpunkt der Vorwürfe: André Hofschneider, Union Berlins Ex-Trainer und jetziger Chef des Nachwuchsleistungszentrums.
Im Mittelpunkt der Vorwürfe: André Hofschneider, Union Berlins Ex-Trainer und jetziger Chef des Nachwuchsleistungszentrums.
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11. Mai 2021 - 15:27 Uhr

Wurden Spieler mit Migrationshintergrund diskriminiert?

Ein Medienbericht veröffentlicht Anschuldigungen ehemaliger Jugendspieler von Union Berlin gegen den Verein und den Chef des Nachwuchsleistungszentrums. Es geht um harte Behandlung durch einen "Diktator" und Diskriminierung von Spielern mit Migrationshintergrund. Der Bundesligist weist die Vorwürfe zurück.

Es ist die Rede von "sehr harten disziplinarischen Maßnahmen" und "Willkür"

Alles beginnt mit einem anonymen Brief. Dieser geht Anfang September 2020 beim Berliner Fußball-Verband ein. Geschrieben haben ihn Eltern von ehemaligen Jugendspielern des Bundesligaclubs 1. FC Union Berlin - und sie erheben schwere Vorwürfe, vor allem gegen den Cheftrainer des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ), André Hofschneider: Der Verein habe ihre Kinder schlecht behandelt und vor allem eine auffallend hohe Zahl an Fußballern mit Migrationshintergrund aus den Nachwuchsmannschaften geworfen. Hofschneider soll eine Art "Ausländerquote" eingeführt haben. Union Berlin weist am Montag in einem Statement die Anschuldigungen zurück.

In einer dreimonatigen Recherche sind "BuzzFeed News" und die "Märkischer Allgemeinen Zeitung" den Vorwürfen nachgegangen, denn der Brief sei "über die übliche Kritik enttäuschter Fußball-Eltern" hinausgegangen. Dabei sprachen Journalisten nach eigenen Angaben unter anderen mit 18 ehemaligen Spielern sowie elf Eltern, mit aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern des Vereins sowie Beratern, von denen sich aber niemand unter echtem Namen in die Veröffentlichung des Berichts traute. Die Recherchen zeigten, "wie problematisch der Umgang mit Jugendlichen im Nachwuchsleistungszentrum von Union Berlin ist". Es ist die Rede von "sehr harten disziplinarischen Maßnahmen" und "Willkür", die bei manchen Nachwuchsspielern "massive psychische Probleme" hervorgerufen hätten. Hofschneider würden laut des Medienberichts mehrere ehemalige "Spieler und ihre Eltern einen Diktator" nennen.

In dem Bericht wird auch kritisiert, die schlechte Behandlung bei Union Berlin habe vor allem Spieler mit Migrationshintergrund betroffen. "Zahlreiche türkisch- oder arabischstämmige Familien fühlen sich von den Mitarbeitern des Bundesligisten benachteiligt und als Menschen zweiter Klasse behandelt", schreiben die Zeitungen. Spielerberater würden junge Fußballer mit Migrationshintergrund gar warnen, zu Union zu wechseln, weil sie dort angeblich wenig Wertschätzung erfahren würden. Vor dem Antritt Hofschneiders als Chef des NLZ sei das anders gewesen, aber danach habe sich der Umgangston geändert.

Viel weniger Fußballer mit Migrationshintergrund?

"Da habe ich gespürt: Okay, jetzt ist hier eine gewisse Trennung von, ich sag mal, Deutschen und Spielern mit Migrationshintergrund", zitiert der Berichtet einen Spieler, der den Verein mittlerweile verlassen hat. "Ich habe mir das Mannschaftsfoto angeschaut: Wir waren fast 15 bunte Spieler und nur ein paar ohne Migrationshintergrund; jetzt ist es genau andersrum", soll ein anderer ehemaliger Unioner gesagt haben. Ein Vater meint laut der Recherchen: "Wo sind die Schwarzhaarigen? Die Kinder wurden behandelt wie auf dem Schrottplatz." Und auch einen Mitarbeiter von Union Berlin lassen die Zeitungen über Hofschneider zu Wort kommen: "Wenn er einen Ausländer und einen Deutschen zur Wahl hat, die gleich gut sind, dann nimmt er den Deutschen." Offen rassistisch soll sich der Chef des NLZ nach dem Vernehmen des Mitarbeiters aber nicht geäußert haben.

Laut des Berichts hätten im Sommer 2018, also kurz vor Hofschneiders Amtsantritt, 45 Jungen aus den Jahrgängen 2003 und 2004 in Unions Jugendabteilung gestanden. Davon hätten 19 einen türkischen oder arabischen Migrationsstamm besessen. Innerhalb von zwei Jahren sei die Quote um 40 Prozent gefallen: Zum Saisonbeginn 2020 hätten sich unter 30 Jugendspielern der Jahrgänge nur noch drei mit Migrationshintergrund befunden. Außerdem habe Hofschneider seit der Übernahme des NLZ insgesamt 13 derselben Jahrgänge geholt - alle ohne mutmaßlich sichtbaren Migrationshintergrund.

Union Berlin teilte in einem Statement auf seiner Homepage mit, seit mehreren Monaten "mit anonym und über Dritte vorgetragenen Vorwürfen zum Umgang mit Spielern im Nachwuchsleistungszentrum konfrontiert" zu sein. Die Vorwürfe reichten "von Mängeln im persönlichen Umgang von Mitarbeitern des NLZ mit einzelnen Spielern bis zur Unterstellung, dass neben sportlichen Kriterien auch die Herkunft der Spieler eine Rolle bei der Aufnahme ins NLZ bzw. bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit innerhalb des NLZ spielen soll", hieß es in der Stellungnahme.

"Die Auf- und Übernahmekriterien unseres NLZ sind auf die sportliche und schulische Leistungsfähigkeit sowie auf das Sozialverhalten ausgerichtet. Andere Kriterien, wie Religionszugehörigkeit oder Migrationshintergrund, existieren nicht und werden deshalb von uns nicht erfasst", antwortete der Bundesligist schriftlich auf eine dementsprechende Frage der Journalisten. Eine "Ausländerquote" gäbe es nicht, "sie wäre weder mit der Satzung noch mit der Nachwuchskonzeption vereinbar", schrieb Union in einer weiteren Antwort.

ntv.de

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