Verblüffende Transparenz in Schweden: Finanzamt legt Gehälter aller Steuerzahler offen

3. Juli 2018 - 14:18 Uhr

Mit einem Anruf erfahren, was die Mitmenschen verdienen

Wie wäre es, wenn Sie mit nur einem Anruf ganz einfach erfahren könnten, was Ihr Kollege, der Chef oder Ihr Ex-Partner im Jahr verdient? Im Gegensatz zu Deutschland reicht in Schweden nämlich tatsächlich dieser eine Anruf beim Finanzamt und man erfährt, wie viel Geld die Mitmenschen im Jahr bekommen. Wir zeigen Ihnen, wie der Gehaltscheck in Schweden funktioniert.

Schweden überzeugt: Transparenz sichert die Demokratie

08.06.2018, Schweden, Stockholm: Prinzessin Madeleine von Schweden (4.v.l) hält ihre frisch getaufte Tochter Prinzessin Adrienne auf dem Arm, ihr Ehemann Christopher O'Neill (M) hält ihre anderen beiden Kinder, Prinzessin Leonore und Prinz Nicolas wä
Die schwedischen Royals (hier Teile von ihnen bei der Taufe von Prinzessin Adrienne) sind von der Regelung ausgenommen.
© dpa, Henrik Montgomery, msm alh pat

Egal ob sie einfach nur neugierig sind, wieso sich der Nachbar mal wieder ein neues Auto kaufen konnte, oder ob die Gehaltsnachfrage des Kollegen der eigenen Gehaltsverhandlung dient – in Schweden muss nicht mal ein Grund genannt werden, wenn man das Gehalt eines anderen erfahren will. Ein Anruf beim Finanzamt genügt. Die Begründung: "Transparenz sichert die Demokratie", erklärt uns Johan Schauman von der Finanzbehörde in Stockholm. "Alles, was Sie tun müssen, ist uns anzurufen und Namen und Adresse der entsprechenden Person zu nennen. Wenn Sie die persönliche Steuernummer haben, geht es sogar noch schneller", so der Finanzbeamte. "So bleiben die Mächtigen und ihre Einkünfte unter Kontrolle." Außerdem soll so die Lohngerechtigkeit zwischen Männer und Frauen in Schweden gefördert werden.

Wer nicht anrufen will, kann auch gleich persönlich in Service-Centern nach dem Gehalt seiner Mitmenschen fragen. Die Daten werden sogar einmal im Jahr in einem Katalog veröffentlicht. Nur die königliche Familie ist von der Transparenz ausgeschlossen - deren Verdienst findet so schnell niemand heraus. Das liegt laut dem Experten daran, dass die Royals auch keine Steuern im eigentlichen Sinne zahlen.

Was die Bürger in Schweden selbst zu der Gehälter-Transparenz sagen, ob sie das Angebot nutzen und ob sie überhaupt damit einverstanden sind, dass jeder ihr persönliches Gehalt erfragen kann, hat unser Reporter gleich vor Ort nachgefragt. Das Ergebnis sehen Sie im Video!

Gleichwertige Transparenz auch in Deutschland erwünscht?

Auch in Deutschland hat man seit knapp einem halben Jahr in einer größeren Firma das Recht zu erfahren, wie viel die Kollegen verdienen. Besonders Frauen soll damit die Möglichkeit gegeben werden, herauszubekommen, wie viel - oder häufiger, wie viel weniger sie im Vergleich zu männlichen Kollegen bekommen. Das sogenannte "Entgelttransparenzgesetz" macht es möglich. Doch dem sperrigen Namen folgen auch strenge Bedingungen, unter denen der Gehaltsvergleich hierzulande möglich ist. So muss die Firma beispielweise mindestens 200 Beschäftigte haben, damit Mitarbeiter ein Anrecht auf Transparenz der Gehälter haben. Der Gehaltscheck ist also lange nicht so einfach wie in Schweden.

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