Traumatisierte Flüchtlinge an Silvester: Bringen die Böller den Krieg zurück?

Das Silvester-Feuerwerk finden die meisten schön - bei Flüchtlingen kann es das Kriegstrauma wieder aufbrechen.
© dpa, A3637 Jörg Carstensen

30. Dezember 2015 - 11:12 Uhr

Knallen kann Panik und Angst auslösen

In Deutschland ist es gepflegte Tradition: An Silvester knallt und leuchtet es ordentlich. Für traumatisierte Flüchtlinge aus Kriegsländern kann aber vor allem die kriegsähnliche Geräuschkulisse beängstigend wirken. Ein Problem mit dem sich Flüchtlingsunterkünfte in ganz Deutschland auseinandersetzen müssen – und unterschiedliche Lösungen finden.

Am weitesten geht die Johanniter-Unfall-Hilfe in Niedersachsen und Bremen. Die bittet darum, dass in der Umgebung von Flüchtlingsunterkünften möglichst wenig und zurückhaltend geböllert wird. "In Deutschland ist das Silvester-Feuerwerk Tradition und dies möchten wir auch niemanden nehmen", so Thomas Mähnert, Vorstand im Landesverband Niedersachsen/Bremen. Das laute und unmittelbare Knallen könne aber zu Panik- oder Angstreaktionen der Bewohner führen.

Vor allem mit Rücksicht auf die vielen Kinder, die Krieg und Gewalt mit einschlagenden Bomben erlebt haben, sollte ein rücksichtsvoller Umgang mit diesen Mitmenschen selbstverständlich sein. Eine ähnliche Bitte hatten zuvor auch schon die Johanniter in Sachsen an die Bevölkerung gerichtet.

Gelassener sieht man die Situation in Düsseldorf. Dort suchen die Helfer vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) laut der 'Bild'-Zeitung vorab das Gespräch mit den Flüchtlingen und erklären ihnen, was sie an Silvester erwartet. "Wir denken, dass wir den Flüchtlingen erklären können, dass es sich bei den Böllern um hiesiges Brauchtum handelt und sie nicht in Gefahr sind", sagte Thomas Jeschkowski, Sprecher des DRK-Kreisverbandes in Düsseldorf, gegenüber 'Bild'. Auch an den Feiertagen seien haupt- und ehrenamtliche Helfer vor Ort, die verunsicherte Menschen beruhigen könnten.

Probefeuerwerk zur Vorbereitung

Die unterfränkische Gemeinde Reichenberg zündet schon zwei Tage vor Silvester ein Probefeuerwerk für Flüchtlinge. So sollen ihnen die Ängste genommen werden, indem sie frühzeitig darauf vorbereitet werden, was sie in der Silvesternacht erwartet. "Es soll eine reine Informationsveranstaltung werden ohne Showeffekt. Deshalb ist sie ganz bewusst noch im Hellen geplant", sagte eine Behördensprecherin. Die Gemeinde will außerdem mit mehrsprachigen Infoblättern über den Silvester-Brauch aufklären.

Auch Peter Hermanns vom Internationalen Bund in Berlin will die Flüchtlinge im Köpenicker Containerdorf laut 'Tagesspiegel' vor allem durch Gespräche vorbereiten. "Wir bereiten die Eltern vor, damit die auch ihre Kinder informieren", sagte Hermanns gegenüber der Zeitung. Er legt besonderen Wert auf eine ruhige Atmosphäre und eine gemeinsame Feier mit den Flüchtlingen. Die kommen teilweise selbst aus Ländern, in denen an Silvester lautes Feuerwerk gezündet wird. Die deutschen Bräuche sind also nicht allen fremd.

In den meisten Flüchtlingsunterkünften selbst darf ohnehin nicht geböllert werden. In NRW verhängte die Bezirksregierung Arnsberg ein entsprechendes Verbot. "Wir weisen die Bewohner unserer Unterkünfte in mehreren Sprachen darauf hin, dass sie aus Sicherheitsgründen nicht knallen dürfen und daher erst gar keine Böller kaufen sollten", sagte Sprecher Christoph Söbbeler. Neben Brandschutzgründen bei den Leichtbauhallen, spielen auch hier mögliche Kriegstraumata eine Rolle: "Wer aus einem Kriegsgebiet kommt, verbindet Knallerei eher mit Schüssen und Bomben als mit Silvesterraketen. Das könnte die Traumata der Leute neu aufbrechen lassen", sagte Söbbeler.