24. Mai 2019 - 11:29 Uhr

von Lauren Ramoser

Dieses Buch wird ein Bestseller werden, obwohl alles dagegen spricht: Die Geschichte kennen wir eigentlich schon, die Charaktere sind überspitzt und der Sex ist in jedem Online-Porno realistischer. Aber realistisch ist hier auch kein Anspruch, denn Autorin E. L. James bezeichnet es als modernes Aschenputtel – aber dagegen will ich protestieren.

Die Geschichte kommt mir irgendwie bekannt vor…

Der Erfolgsdruck, den E.L. James vor diesem Buch gefühlt haben muss, lässt sich auf jeder Seite dieses krampfhaft anmutenden Romans herauslesen. Nachdem sie die weltweit erfolgreiche Geschichte des Sadomaso-Bestsellers "Fifty Shades of Grey"* direkt aus mehreren Perspektiven zu "neuen" Bestsellern verwurstet hat, überrascht ihr neuer Roman "The Mister"* wohl keinen erfahrenen E.L. James-Leser.

Ein reicher, sexsüchtiger Junggeselle, eine blutjunge und (wenn auch nicht lange) jungfräuliche Frau, eine düstere Vergangenheit und ganz viel Sex – fertig ist der neue Bestseller.

Es liest sich, als hätte sie die Elemente aus der Grey-Reihe in eine Schüssel geworfen, umgerührt und heraus kommt ein klebriger Brei aus gezuckerter Romantik, kitschigen Sex-Szenen und einem Bauchschmerzen bereitenden Frauenbild. Nur der BDSM-Sex ist als schaler Rest in der Schüssel hängen geblieben.

Putzhilfe trifft englischen Lord

Die Autorin spannt den Bogen zwischen belanglosem Tinder-Sex in einer europäischen Großstadt und dem veralteten Frauenbild Nordalbaniens. Das "gelingt", indem sie eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zwischen dem reichen, aber verlorenen Neu-Lord Maxim Trevelyan und seiner illegal eingereisten albanischen Putzhilfe Alessia Demachi kreiert.

Der rote Faden der Erzählung ist die permanente Verunsicherung der beiden Hauptpersonen, ob der andere sie denn jetzt wirklich liebt. Er ist sich nicht sicher, ob sie ihn trotz seines Adelstitels will, sie fühlt sich nicht auf Augenhöhe, schließlich ist sie nur eine illegal ins Land geschleppte Putzhilfe.

  • "Ich muss ihr verraten, wer ich bin. Der Earl of Trevethick. Scheiße. Sie hat es verdient, es zu erfahren. Ich reibe mir das Gesicht. Warum fällt es mir so schwer, es ihr zu gestehen? Weil ich nicht weiß, was sie für mich empfindet. Außerdem wäre da, abgesehen von dem Titel, auch noch das kleine Problem mit meinem Vermögen. Mist, elender."

Das gleicht die Autorin aus, indem sie Alessia zu einem musikalischen Wunderkind mit poetischer Synästhesie (sieht Musik als Farben) und Maxim zu einem wenig alltagsfähigen DJ/ Model/ Fotograf macht - schon wirkt das Ganze viel realistischer.

  • "Und sie sehen, dass sie keine Noten vor sich hat, sie spielt auswendig. Ja. Das kann sie am besten. Alessia spielt die letzten zwei Takte, die Noten verklingen und hinterlassen uns verzaubert. Als sie die Augen öffnet, applaudieren Danny und Jessie genau wie ich. Sie lächelt sie schüchtern an. »Brava, Miss Demachi! Das war herausragend«, rufe ich aus und gehe zu ihr."

Das einzig Überraschende an diesem Roman ist die wahnsinnig schnelle Entwicklung von Frauenheld Maxim zum verantwortungsbewussten Lord Trevethick in weniger als drei Wochen.

Im Video können Sie die heißesten Szenen aus „Shades of Grey“ lesen:

„The Mister“ wird ein Bestseller werden

Eigentlich dürfte dieses Buch kein Beststeller werden: Der Leser wird nicht an die Hand genommen, nein, James zerrt ihn durch die Geschichte, drückt seine Nase in jedes Detail, das später wichtig werden könnte und baut keinen einzelnen Erzählstrang auf, der nicht absolut notwendig für die zentrale Geschichte ist.

Ebenso tragisch ist die Vorstellung der offenbar stark unterlegenen Alessia (trotz Klavier-Talent) die von Maxim permanent, wenn auch wenig überzeugend, als "tapfer" bezeichnet wird. Das gleiche Macht- und Geldgefälle kennen wir schon aus "Shades of Grey" und ahnen daher: Auch dieses Buch wird millionenfach verkauft werden. Aber was sagt das über die meist weibliche Leserschaft aus? Dass Aschenputtel im Sexrausch noch immer zieht.

Es ist nicht alles schlecht

Positiv zu sagen bleibt, was auch für "Fifty Shades of Grey" galt: E.L. James macht Sex gesellschaftsfähig, denn immerhin wird er durch die Romane zum Gesprächsthema. In der Hoffnung, dass dadurch auch nur ein bisschen offener über sexuelle Wünsche gesprochen wird, lasse ich das als positive Kritik so stehen.

Nach der Kritik an den unrealistischen Zuruf-Orgasmen aus "Shades of Grey", fährt James in "The Mister" eine Stufe zurück und beschreibt lieber kitsch-durchzogene Blümchen-Sex-Szenen. Fans der Sadomaso-Reihe dürften aber dennoch auf ihre Kosten kommen.

"The Mister" ist ein Buch für alle, die keinen Porno gucken, sondern sich lieber einen über 600 Seiten langen pink-verpackten Erotik-Roman durchlesen wollen.

Sie sind nicht so der Lese-Typ? Kein Problem, "​The Mister" gibt es auch in der Hörbuch-Version.*

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