Angela Merkel - Frau Bundeskanzlerin auf TVNOW

Stefan Aust: "16 Jahre Amtszeit sind zu viel"

Stefan Aust hat eine fünfteilige Doku über Angela Merkel gemacht
Stefan Aust hat eine fünfteilige Doku über Angela Merkel gemacht
© dpa, Marcus Brandt, bra cul

23. Juni 2021 - 13:45 Uhr

Fünfteilige TVNOW-Doku

Das Interview führte Mirko Dzewas

Nach 16 Jahren als Bundeskanzlerin wird Angela Merkel ab Ende September nicht mehr Deutschland regieren. TVNOW hat nun mit Stefan Aust eine fünfteilige Doku (ab 29.6. auf TVNOW) über die bewegte Geschichte Merkels gemacht. Im Interview mit RTL erzählt Aust, warum er die Mächtigen eher auf Distanz hält und wie Angela Merkel die CDU, Deutschland und Europa verändert hat.

"Zeitreise in die bewegte Geschichte von Angela Merkel"

 Angela Merkel in der 217. Sitzung des Deutschen Bundestages im Reichstagsgebäude. Berlin, 24.03.2021 *** Angela Merkel in the 217 session of the German Bundestag in the Reichstag building Berlin, 24 03 2021 Foto:xGeisler-Fotopress/Kern
Angela Merkel regiert Deutschland seit 2005.
© imago images/Future Image, Frederic Kern/Geisler-Fotopress via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Herr Aust, was erwartet die TVNOW-Streamer in der Dokumentation "Angela Merkel – Frau Bundeskanzlerin"?

Aust: In fünf Teilen machen wir eine Zeitreise in die bewegte Geschichte von Angela Merkel, die aus dokumentarischem Material zusammengestellt wurde. Dazu haben wir viele hundert Stunden von Aufzeichnungen gesichtet. Zum Teil ist es Material, das schon gesendet worden ist, aber auch viele Aufnahmen, die wir zum Beispiel im SPIEGEL-Archiv gefunden haben. So bauen wir aus dokumentarischen Materialien die Geschichte von Angela Merkel so gut es geht zusammen.

Wie viel werden wir Angela Merkel als Kanzlerin erleben, wie viel von ihr als Privatperson?

Privat geht es natürlich nur so weit, wie sie mal jemanden in ihre Privatsphäre hineingelassen hat. Das ist nicht sehr viel, aber ich glaube man bekommt trotzdem einen guten Blick in das Pfarrhaus. Wir haben keine Interviews mit Menschen geführt, die rückblickend etwas erzählen, weil ich immer meine Skepsis gegenüber Interviews von Leuten habe, die eine Einschätzung vornehmen. Wenn Sie irgendeine Episode haben, dann können Sie sich jemanden aussuchen, der sie kritisch betrachtet und genauso gilt das andersherum. Die Geschichte soll aus vorhandenen Materialien so konkret wie möglich erzählt werden. Merkels Leben haben wir für die Serie in verschiedene Phasen aufgeteilt. Die erste Phase ist die Geschichte ihres Lebens praktisch bis zum Ende der DDR. Die zweite Phase zeigt ihren Aufstieg in die Politik, Merkel als "Kohls Mädchen" und ihre ersten Erfahrungen als Ministerin. Dann folgt der Abschied von Kohl, Schröder übernimmt. Eine sehr interessante Zeit in ihrem Leben, denn sie hat die Situationen genutzt, um ihre Karriere in der CDU, der damaligen Oppositionspartei, nach oben zu treiben. Zuletzt gibt es zwei Phasen, in der wir ihre Kanzlerschaft darstellen. Es sind also im Grunde fünf verschiedene Abschnitte, von denen zwei - die beiden entscheidenden - natürlich ihre Kanzlerschaft umspannen. Der Weg zur Macht ist aber mindestens genauso spannend.

Aust: "Ich habe mich immer ein bisschen auf Distanz gehalten"

Stefan Aust
Stefan Aust, Herausgeber der Tageszeitung "Die Welt".
© deutsche presse agentur

Wie nah waren Sie zur Dokumentation dran an Angela Merkel bzw. wie nah sind sie Ihr grundsätzlich?

Ich kenne Angela Merkel und sie kennt mich auch. Ich habe sie kennengelernt, als sie Parteivorsitzende war. Zu der Zeit habe ich sie auch mehrmals interviewt, danach auch als Bundeskanzlerin. Es ist nicht so, dass ich irgendwelche privaten Beziehungen zu Angela Merkel beziehungsweise Familie Merkel gehabt habe. Ich habe sie als Journalist kennengelernt. Ich war auch das ein oder andere Mal mit ihr und anderen Leuten zusammen essen und habe sie im kleinen Kreis erlebt. Sie kann dann übrigens sehr witzig und schlagfertig sein. Um eine politische Entwicklung zu beurteilen ist es vielleicht gar nicht so gut, wenn man zu persönlich und zu nah dran ist. Ich habe nie einen großen Wert daraufgelegt, mit Politikern persönlich besonders eng zu sein. Ich habe mich immer ein bisschen auf Distanz gehalten, um die Neutralität und den kritischen Abstand nicht zu verlieren.

Duzen tun Sie sich also nicht?

Mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer war ich auf Du, das hat natürlich damit zu tun, dass wir so ungefähr eine Generation sind und uns schon viele Jahre kennen. Ich bin eigentlich mit Leuten und Politikern nur dann auf Du, wenn ich sie aus anderen Bereichen kenne. Um das aber nochmal deutlich zu sagen, dass ich mit Gerhard Schröder auf Du war, hat überhaupt nichts daran geändert, dass wir ihn, als er Kanzler war, kritisch betrachtet haben.

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Aust: "Angela Merkel hat die CDU modernisiert"

Können Sie sich an ihr erstes Aufeinandertreffen mit Angela Merkel erinnern?

Das ausführlichste Gespräch, das ich mit ihr geführt habe, war bei der Preisverleihung der Goldenen Feder, bei der ich ausgezeichnet worden bin als ich noch SPIEGEL-Chefredakteur war. Angela Merkel hat damals, ich glaube sie war Generalsekretärin, die Laudatio gehalten. An dem Abend habe ich mit ihr an einem Tisch gesessen und wir haben uns sehr lange und ausführlich unterhalten. Zu dem Zeitpunkt war sie politisch noch auf einem anderen Weg, damals war sie eher wirtschaftsliberal. Das hat sich später dann sehr stark geändert.

Was hat Deutschland, Europa und die Welt nach 16 Jahren Kanzlerschaft unter Angela Merkel zu verdanken?

Das sind unterschiedliche Phasen, das hängt immer davon ab, welche Sichtweise man selbst hat. Ein kleines Beispiel wäre die CDU, die sie stark verändert hat. Wenn Sie das kritisch betrachten, kann man sagen, dass sie aus der CDU, einer konservativ liberalen Partei, eine sozialdemokratische, grüne Partei gemacht hat. Auf der anderen Seite kann man das auch positiv sehen, denn dann hat sie die CDU modernisiert. Im Grunde können so alle verschiedenen Episoden betrachtet werden. Sie können sagen, dass sie liberal gedacht hat und viele Flüchtlinge und Migranten in das Land gelassen hat, so wie das auch der UN-Migrationspakt vorsieht. Trotzdem kann gesagt werden, dass sie damit zugelassen hat, innerhalb von gut zwölf Monaten fast 1,5 Millionen Leute ins Land hereinzulassen, die Integration aber nur bruchstückhaft zu Stande gekommen ist. Damit lässt sich auch sagen, dass wir deshalb zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte eine rechte Partei im Bundestag haben. So können verschiedene Stationen ihres Wirkens aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Außerdem hat sie die Energiewende konsequent durchgeführt, das kann man ebenfalls sowohl positiv als auch negativ sehen. Wir haben versucht die verschiedenen Wenden in ihrer politischen Geschichte und Entscheidungen so sauber rauszuarbeiten, dass man durchaus sein eigenes Urteil bilden kann und auch soll. Das ist die Idee dabei. Wir erzählen die Geschichte so genau und präzise, wie es geht, aber nicht total neutral, da wir die Leute auch auf Widersprüche hinweisen.

Aust: "Die Glanzzeit besteht wahrscheinlich darin, dass wir immer noch in Wohlstand leben"

Die Welt wäre ohne Frau Merkel heute also eine andere?

Eine bessere oder schlechtere wage ich ehrlich gesagt nicht zu behaupten. Sie sehen das an gewissen Entwicklungen in verschiedenen Ländern. Wenn Sie die heutige Politik von Joe Biden betrachten, stellen Sie fest, dass er mit einer etwas sanfteren Vorgehensweise ganz viele Inhalte transportiert, die der Lautsprecher Trump polterig vorgetragen hat. Es gibt viele Dinge, die ganz ähnlich aussehen. Trump redet davon eine Mauer zu Mexiko zu bauen und Joe Biden schickt seine Vize-Präsidentin auf Tour nach Mexiko und Guatemala, um zu sagen: "Bleibt hier!". Die Probleme bleiben dieselben, wie sie angepackt werden, das ist dann eine unterschiedliche Angelegenheit.

Welche waren Merkels größten Erfolge, welche Ihre schwersten Zeiten?

Die Glanzzeit besteht wahrscheinlich darin, dass wir immer noch in Wohlstand leben – die negative Seite besteht darin, dass die Staatsschulden fast unermesslich zugenommen haben. Man kann Merkel die Schuld zuschieben, es lässt sich aber auch sagen, es wäre nicht anders möglich gewesen die Corona-Krise zu überwinden. Es wird sicherlich in den nächsten Jahren viele wissenschaftliche und journalistische Arbeiten über diese Fragen geben.

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