Kinostart: 16. Juli 2020

Schluss mit Chantal: Jella Haase zeigt es allen als Hure mit Herz in „Berlin Alexanderplatz“

10. Juli 2020 - 15:22 Uhr

Dieser Film will auf die große Leinwand - und da sollte man ihn auch sehen

Schluss mit Chantal! Jella Haase brilliert als Hure mit Herz in der jungen und radikalen Interpretation von "Berlin Alexanderplatz". Ein Film für die große Leinwand, den man sich nach all dem Lockdown-Binge-Wachting am besten im Kino ansieht. Warum Sie diesem Drei-Stunden-Drama unbedingt eine Chance geben sollten, verrät Mireilla Zirpins in unserer Video-Kritik.

Romanklassiker mutig aufgepimpt für unsere Zeit

Seltsames Gespann: Albrecht Schuch (l.) und Welket Bungué in Berlin Alexanderplatz
Seltsames Gespann: Albrecht Schuch (l.) und Welket Bungué in Berlin Alexanderplatz
© 2019 eOne Germany

Wer in der Oberstufe Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" lesen musste, denkt vielleicht mit Schrecken zurück an die dicke Schwarte, die den Loser Franz Biberkopf durch das Berlin der 1920er irren lässt. Ging dem deutsch-afghanischen Regisseur Burhan Qurbani ("Wir sind jung. Wir sind stark") genauso. Heute versteht der 39-Jährige den Sog des Stream of Consciousness, der die Gedanken des Protagonisten ungefiltert in Echtzeit auf uns einströmen lässt. Also keine Sorge, aus einer solchen Hassliebe entsteht kein angestaubtes Historiendrama. Mutig verlegt er die Handlung in unsere Zeit.

Franz Biberkopf ist hier ein Einwanderer, der auch nur das will, was wir alle uns wünschen

Sein Franz heißt Francis und kommt aus Bissau nach Berlin. Er überlebt die Flucht übers Mittelmeer, seine Freundin Ida ertrinkt. Und anders als im Roman ist er kein untersetzter Mittvierziger mit unterdurchschnittlichem IQ, sondern ein aufgeweckter, gut aussehender junger Mann, gespielt von Welket Bungué, geboren in Guinea-Bissau, aufgewachsen in Portugal, mittlerweile wohnt er in Berlin. Auch Francis, will mehr vom Leben als ein Butterbrot": In der Mitte der Gesellschaft ankommen, ein Auto, einen Flatscreen, eine Freundin.

Francis lässt die Puffmutter abblitzen fürs Freudenmädchen

Annabelle Mandeng spielt eine Puffmutter, die scharf ist auf Francis
Annabelle Mandeng spielt eine Puffmutter, die scharf auf Francis ist
© 2019 Sommerhaus/eOne Germany, Frédéric Batier

Die Möglichkeiten eines illegalen Einwanderers sind hier noch begrenzter als die eines hier Geborenen. Und so muss sich Francis auf einen Deal mit dem teuflischen Reinhold (Albrecht Schuch aus "Systemsprenger") einlassen. Der heuert ihn an als Laufbursche für seine Drogengeschäfte in der Hasenheide an. Und auch bei den Frauen läuft's erst gut für Francis: Puffmutter Eva (Annabell Mandeng) lässt er nach einer vielversprechenden Liebelei abblitzen für das Freudenmädchen Mieze (Jella Haase, die zuletzt mit "Das perfekte Geheimnis" einen Kinohit landete). Doch Francis macht einen entscheidenden Fehler: Er hält Reinhold für seinen besten Freund…

Kam bei der Berlinale extrem gut an: „Berlin Alexanderplatz“

Völlig zu Recht bekam Burhan Qurbanis episches Gesellschaftspanorama der Berliner Halbwelt viel Lob bei der Berlinale. Wenn das mal nicht unser Oscar-Kandidat für 2021 ist! Doch verschaffen Sie sich selbst einen Eindruck in unserer Video-Kurzkritik!