Zwei Hochspringer füllen den Olympischen Geist mit Leben

Der emotionalste Olympia-Moment

02. August 2021 - 10:36 Uhr

Ganz großer Sport

Von Emmanuel Schneider

Seien wir ehrlich: Die Spiele in Tokio ließen vor dem Start nicht unbedingt erwarten, dass sie ein Fest des Sports werden würden. Geisterkulisse, Corona-Ärger wohin man schaute, eine weitgehend ablehnende Bevölkerung, eine schon seit Jahrzehnten voranschreitende Kommerzialisierung des olympischen Gedankes. Doch die Aktion (oben im Video) der beiden Hochspringer Gianmarco Tamberi und Mutaz Essa Barshim zeigt, dass der Olympische Geist noch lebt. Eine Würdigung.

Es war ein besonderer Abend mit einem ganz besonderen Ende im Olympiastadion in Tokio: Am Sonntag schrieben der Italiener Gianmarco Tamberi und Weltmeister Mutaz Essa Barshim aus Katar Geschichte. Weil sie einen kurzen Gedanken des großen Fairplays spannen und dann umsetzten. Einfach so. Eine Sekunden-Entscheidung aus dem Bauch heraus, die Historisches erschaffte. Zum ersten Mal überhaupt gibt es beim Hochsprung zwei Olympia-Goldmedaillen.

Zwei Medaillen, halbe Freude? Weit gefehlt. Der Italiener schmiss sich umgehend zu Boden, feierte auf dem Tartanboden den Olympiasieg, begrub sein Gesicht unter seinen Händen. Wenige Meter entfernt bejubelte auch Barshim unter Freudentränen den Titel. Olympische Glücksgefühle, wohin man blickte.

"Das ist möglich!"

Tamberi und Barshim waren zuvor die exakt gleiche Höhe gesprungen (2,37m), hatten auch exakt gleich viele Fehlversuche. Das Regelwerkt sieht anschließend eigentlich ein Stechen vor. Weiter, schneller, HÖHER eben. Soweit so klar.

Aber warum nicht mal davon abweichen, anerkennen, dass hier gerade zwei Sportler absolut performen und eben gleich gut sind. Also zwei Sieger ausrufen. Klar, gewinnen ist oft "alles". Gerade für Sportler in einer Sportart, die nicht unbedingt wöchentlich zur Prime Time läuft. Gewinnen entscheidet über Rum, Prestige und Sponsorengeld.

Als der Kampfrichter den Modus des Stechens erklären wollte, brach es aus Barshim heraus. Ob nicht auch "zwei Goldmedaillen" möglich seien, fragte er. Der Offizielle dachte kurz nach und antwortete: "Das ist möglich!" Tamberi und Barshim blickten sich kurz tief in die Augen und fielen sich in die Arme. Der Startschuss zur Jubel-Orgie.

Aktion mit Gänsehaut-Faktor

Dieser Moment und die Freude, mit der die beiden die geteilte Medaille feierten, lässt einen mit Gänsehaut zurück. Beide Athleten hatten ihr ersehntes Gold (nach starken Leistungen) und verwirklichten zudem ein bisschen den Olympischen Geist, von dem oft (vielleicht zu oft) die Rede ist. Hier ist es mal angebracht.

Eben den Fairplay-Gedanken groß zu schreiben. Den Kontrahenten nicht nur als Gegner zu sehen, sondern als Kollegen. Respekt und Wertschätzung zeigen. Gewinnen ist nicht alles. Manchmal kann man auch gemeinsam gewinnen. Im wörtlichen Sinne. Auch wenn es in erster Linie darum geht, sich zu messen, zu schauen wer schneller, weiter, oder eben höher kommt. Allerdings hatten sie beiden das ja getan und waren eben gleich hoch gesprungen. Zwei Sieger? Ja, unbedingt!

Es sind genau solche Gesten, die Olympia ausmachen, etwas Größeres als nur "Sport" erschaffen und nicht nur Sportler und Sportlerinnen inspirieren können.

Es ist wohl der sportliche Moment der Spiele. Chapeau, Gianmarco Tamberi und Mutaz Essa Barshim!

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