Kolumne von Betti Letto

Offene Ehe, offenes Herz: Wie mein Mann mich für Sex mit Fremden freigab

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18. September 2019 - 5:24 Uhr

Was, wenn das Konzept der Monogamie für einen Partner nicht funktioniert?

Liebe und Treue, bis dass der Tod sie scheidet. Nicht weniger versprechen sich die meisten Paare, wenn sie den Bund der Ehe eingehen. Aber was, wenn dieses klassische Konzept der Monogamie für einen der Partner einfach nicht funktioniert? Wenn der Wunsch nach Zärtlichkeit mit anderen Menschen die Liebe und das ganze Leben überlagert? Unsere Autorin Betti Letto (ein selbst gewähltes Pseudonym) hat genau das erlebt und ihren Mann um sexuelle Freiheit gebeten. Er entschied sich dafür, sie mit anderen Männern zu teilen. Betti Letto wird von nun an in einer Kolumne über ihr Leben und ihre Erfahrungen in einer offenen Ehe berichten.

"Entweder war es das jetzt mit unserer Ehe oder wir schaffen es"

Endlich. Die Frage ist raus. Viel zu plötzlich, völlig aus dem Kontext, zu impulsiv – aber es ging einfach nicht mehr anders. Die letzten Monate waren schlimm, voller Zweifel. Und jetzt gibt es kein zurück: "Kannst du dir vorstellen, mich für Sex freizugeben?" Entweder war es das mit unserer Ehe oder wir werden es schaffen. Unkonventionell, aber befreiend für alle – so hoffe ich. Mein Mann zögert kaum. "Ich sehe, dass es dir schlecht geht und das möchte ich nicht. Lass uns ein paar Tage darüber nachdenken, aber grundsätzlich bin ich nicht dagegen." Eine Antwort mit weitreichenden Konsequenzen...

Niemand kann sich vorstellen, welche Last mir durch diese zwei Sätze von den Schultern genommen wurde. Erst habe ich vor lauter Verzweiflung geweint, jetzt aus purer Erleichterung. Denn welche Liebe kann stärker sein, als die, die dem Partner alle Freiheiten gibt?

Die Monate davor waren eine einzige Qual. Dabei habe ich eigentlich alles, was sich eine Frau wünschen kann. Einen tollen Ehemann, ein Leben im Grünen mit Ponys am Haus, einen tollen Nebenjob, gute Freunde. Und trotzdem ging es mir zusehends schlecht. Ich suchte Ablenkung im Sport, hatte keinen Appetit mehr (spätestens an dem Punkt schrillen in meinem Freundeskreis die Alarmglocken). Jede Nacht lag ich wach, ständig trieb mich eine Frage um: Was soll ich tun?

Im Bett sprechen mein Mann und ich einfach nicht die gleiche Sprache

Das Problem war: Ich dachte, ich bin verliebt. So kann ich das jetzt sagen. Manchmal kommt der Zufall daher und dieses Mal ließ er mir die Handynummer eines Verflossenen da. Unser Sex damals war großartig. Wir fingen wieder an uns zu schreiben, hin und her, immer wieder. Und wir hatten beide das Gefühl, in unserem jetzigen Leben stimme etwas nicht. Wir wollten raus aus unserem Alltag, wir wollten Abenteuer, wir wollten vielleicht die Unbeschwertheit der alten Zeit zurück. OHNE Trauschein, Eigenheim und Garten.

Ich stürzte regelrecht in eine Lebenskrise. Würde ich wirklich für einen anderen Mann und Sex alles hinwerfen, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut hatte? Wollte ich etwa nicht mehr mit meinem Mann zusammen sein? Doch! Natürlich wollte ich das. Trotzdem kann man eine Tatsache nicht leugnen: Im Bett sprechen wir nicht die gleiche Sprache. So sehr ich auch versucht habe es zu ignorieren oder mir schönzureden: Flaute war gestern. Es wehte nix mehr. Kein Lüftchen, keine Brise, es war auch nichts in Sicht. Wie oft habe ich einen Anlauf gewagt, wie oft habe ich einen Korb bekommen. ​

Wir wagen einen ungewöhnlichen Weg

Selbst in der Anfangsphase unserer Beziehung waren wir nicht ständig und ach so aufregend im Bett. Ich fand es damals unglaublich charmant, dass er mich eben NICHT nur als Sexobjekt gesehen hat, wie es mir vorher durchaus passiert war. Er erdet mich wahnsinnig, ich beflügele ihn, wir haben ein harmonisches Miteinander. Nur eben ohne großartige Körperlichkeit. Gespräche mit Freundinnen bringen einen in dem Fall wenig weiter, denn die meisten sind der Überzeugung, dass der Sex funktionieren muss, sonst ist die ganze Ehe am Ende. Es ist eine krude Welt. Und eine sehr scheinheilige, wie ich finde. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

Die Frage war also raus. Wir liegen uns im Arm, halten uns. Darum haben wir uns bei unserer Trauung gebeten. "Halt mich" steht in unseren Ringen. Fest, aber zerdrück mich nicht. Lass mir meine Freiheit, lass mich raus, wenn ich muss und nimm mich in den Arm, wenn ich nach Hause komme. Ich habe mich ihm selten so nah gefühlt wie in diesem Moment. Die Stimmung an diesem Abend ist sanft. So weich, zart, wie neu. Wir wagen einen ungewöhnlichen Weg. Manche nennen es Experiment. Bis jetzt sind wir nicht gescheitert. Dabei sind wir völlig naiv in diese neue Welt voller Sex und Gefühle gestolpert. Die ersten Schritte waren aufregend, aber auch erschreckend. Ich erzähle gerne, warum.